Zwei zusätzliche Stufen

Kindertennis
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Fra­ge an Rei­mar Bez­zen­ber­ger: Hal­lo Rei­mar! Ich Zunächst ein­mal fin­de ich es super, dass Du Dich mit Dei­nen Kol­le­gen so stark für das Kin­der­ten­nis ein­setzt! Ich den­ke auch, dass hier die ent­schei­den­den Grund­la­gen gelegt wer­den. Ich ver­fol­ge auf­merk­sam die Bericht­erstat­tung auf der »Ten­nis­re­dak­ti­on« zu Eurem Event »COACH THE COACHES«. Hier­bei fällt mir auf, dass zu den mir bekann­ten »Play+Stay-Stufen« rot, oran­ge und grün bei Euch noch wei­te­re Far­ben auf dem Trai­nings­plan ste­hen. Ich betrei­be selbst Nach­wuchs­ar­beit und bie­te Kin­der­ten­nis ab dem Alter von drei bis vier Jah­ren an und habe hier zwei Fra­gen: 1. War­um der­art vie­le Unter­tei­lun­gen? Und 2. Ver­kom­pli­ziert das nicht die Abläu­fe in der Ent­wick­lung sowie im sport­li­chen Ange­bot einer Ten­nis­schu­le? Ich ken­ne eini­ge Kol­le­gen, die mit den drei vor­ge­nann­ten »Far­ben« schon über­for­dert sind…!

Rei­mar Bez­zen­ber­ger: Jah­re 2007 wur­de von der ITF welt­weit das »Play+Stay-System« mit den Lern­stu­fen rot, oran­ge und grün ein­ge­führt. Hier­zu wur­den die ent­spre­chen­den Ball­grö­ßen und kind­ge­rech­te Schlä­ger auf das Spiel­ni­veau von Ten­nis­lern­an­fän­gern ent­wi­ckelt. Die­se Maß­nah­me war ein abso­lu­ter Mehr­wert für die Sport­art Ten­nis. Schaut man sich jedoch die kör­per­li­che und moto­ri­sche Ent­wick­lung von Kin­dern genau­er an, wird jeder enga­gier­te Trai­ner fest­stel­len, dass Kin­der heut­zu­ta­ge kaum noch in der Lage sind, beim Start ihrer Ten­nis-Spiel­aus­bil­dung einen Ball ziel­ge­rich­tet über das Klein­feld­netz (Play+Stay-Stufe rot) zu einem Mit­spie­ler zu spie­len. Ihnen feh­len die Vor­aus­set­zun­gen, weil das freie Spie­len nicht mehr den Stel­len­wert besitzt, wie früher.

Spiel­tech­ni­sche Über­for­de­rung vermeiden

Ten­nis ist eine Sport­art, die sehr hohe Ansprü­che an die koor­di­na­ti­ven Fähig­kei­ten der Spie­ler und vor­nehm­lich an Kin­der stellt. Um Kin­der Ten­nis-spiel­fä­hig zu machen, ist es aus mei­ner Sicht drin­gend erfor­der­lich, dem »Play+Stay-System« Stu­fen vor­zu­schal­ten. Wer als Trai­ner vor der Auf­ga­be steht, Ten­nis ein­zu­füh­ren, wird sich zunächst ein­mal Gedan­ken machen müs­sen, wie er die Kin­der mög­lichst schnell für die­ses Spiel begeis­tern kann. Es muss bei der Ein­füh­rung des Ten­nis­spiels davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Spiel­idee als Kern unver­än­dert blei­ben soll­te. Wei­ter­hin soll­te bedacht wer­den, wie man Spiel­si­tua­tio­nen ver­hin­dert, die die Kin­der spiel­tech­nisch über­for­dern. Hier­zu sind metho­di­sche Ver­ein­fa­chungs­stra­te­gien drin­gend erfor­der­lich. Die­se sol­len hel­fen, dass ein Mit­ein­an­der­spie­len mög­lichst schnell ent­ste­hen kann. Ziel muss es sein, früh­zei­tig eine kind­ge­mä­ße Spiel­fä­hig­keit zu erlan­gen. Des­halb die Ver­ein­fa­chung der kom­ple­xen Technik.

Metho­di­sche Erleichterungen

Aus die­sem Grund wur­den dem bestehen­den »Play+Stay-System« die hin­füh­ren­den Lern­stu­fen blau und weiß vor­ge­schal­tet. Die­se haben zum Inhalt, Kin­dern mit metho­di­schen Erleich­te­run­gen (z.B. Spiel mit dem groß­vo­lu­mi­gen Ball) Ten­nis spie­lend zu leh­ren. Ziel muss es sein, Kin­der in die Lage zu ver­set­zen, den Umgang mit Ball und Schlä­ger mit Hil­fe des metho­di­schen Ansat­zes »Vom rol­len­den zum flie­gen­den Ball« zu ler­nen. Das Ten­nis­spiel wird auf die­se Art und Wei­se erleich­tert und die Kin­der im Grund­schul­al­ter erle­ben dabei die »Inter­ak­ti­on mit­ein­an­der«. Sie spie­len dabei mit Ball und Schlä­ger eine Vor­stu­fe zum Ten­nis und ihnen fällt der spä­te­re Über­gang zum Spiel über das Netz wesent­lich leichter.

Die »Lern­stu­fe weiß« für Kin­der­gar­ten­kin­der habe ich vor eini­gen Jah­ren bei einem Vor­trag mei­nes sehr geschätz­ten bel­gi­schen Kol­le­gen Ruben Ney­ens erlebt. Hier­bei geht es dar­um, Kin­dern auf dem so genann­ten »Ten­nis-Spiel-Platz« das ABC der Ten­nis-Moto­rik bei­zu­brin­gen. Dabei spie­len die Schu­lung der koor­di­na­ti­ven Fähig­keit sowie das Spie­len mit unter­schied­li­chen Bäl­len und Mate­ria­li­en eine maß­geb­li­che Rol­le. Vor­rei­ter die­ser Ein­stiegs­stu­fe des Ten­nis in Deutsch­land ist Wil­li Bru­nert, der sei­nen Blick weit über den Ball­korbrand hin­aus auf ande­re Sport­ar­ten rich­te­te und so eine Ten­nis-Lern-Metho­de ent­wi­ckelt hat, in der Kin­der mit ihnen bereits bekann­ten Mate­ria­li­en ers­te Schrit­te hin zum »gro­ßen Ten­nis« erle­ben. Ten­nis mit Lego­bau­stei­nen ist unter ande­rem ein fas­zi­nie­ren­der Ein­stieg und die Kin­der sind sofort in der Lage, ein­fa­che Auf­ga­ben spie­le­risch zu lösen. Der Trai­ner steht dabei nicht im Mit­tel­punkt des Trai­nings. Er ist viel­mehr Rat­ge­ber und Initia­tor und regle­men­tiert das Spie­len der Kin­der nicht.

Trai­ner müs­sen sich viel­schich­tig aufstellen

Zu Fra­ge 2: Wer als Trai­ner und als Ver­ein erfolg­rei­che Kin­der- und Jugend­ar­beit leis­ten möch­te, muss sich viel­schich­tig auf­stel­len und für jede Lern­stu­fe über den pas­sen­de Bau­stein ver­fü­gen. Kin­der, die Hand­ball oder Fuß­ball spie­len wol­len, wer­den auch nicht in den ers­ten Lern­pha­sen auf dem gro­ßen Feld auf Tore spie­len, die für Erwach­se­ne vor­ge­se­hen sind. Mit den fünf Ten­nis-Lern­stu­fen ver­hält es sich wie mit einem Regal­sys­tem: für jede Alters­stu­fe gibt es die pas­sen­den Inhal­te (Übungs­samm­lung) und Mate­ria­li­en (z.B. Mika­do, Lego, Lei­ter­golf). Dies ver­ein­facht den Lern­pro­zess und hilft Kin­dern, Ten­nis vor allem spie­lend zu erlernen.

Reimar Bezzenberger
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Die Zei­ten sind vor­bei, dass der Trai­ner als mono­to­ner Ball­an­spie­ler agiert. Die­ser ist Dienst­leis­ter (die­nen und leis­ten) und soll­te sei­nen Dienst am Kun­den mit Lei­den­schaft (mit Lei­den etwas erschaf­fen) ver­ste­hen. Trai­ner, die mit dem Han­dy am Ohr oder mit abge­spiel­ten Ten­nis­bäl­len der Punkt­spiel­run­de Trai­ning geben, haben aus mei­ner Sicht ihren Beruf voll­kom­men ver­fehlt. Trai­ner soll­ten sich ziel­füh­rend wei­ter­bil­den und ver­ste­hen, dass Trai­ning mit Spiel­an­fän­gern ganz weit weg ist vom Trai­ning mit Junio­ren oder Erwach­se­nen. Viel­sei­ti­ges Trai­ning mit Kin­dern ist loh­nend und anstren­gend zugleich. Wenn wir es nicht schaf­fen, an der Basis die moti­vie­ren­den Grund­la­gen zu legen, dass Kin­der im Ten­nis­club ihre sport­li­che Hei­mat fin­den, wer­den die­se sehr schnell zu ande­ren (Ball-)Sportarten abwandern.

Zu die­sem The­ma auch ein Kom­men­tar von Stef­fi Bruck­bau­er, C‑Trainerin in der Ten­nis­schu­le Mar­co Gum­bin­ger in Leu­ters­hau­sen und dort unter ande­rem zustän­dig für das Bambini‑, Kin­der- und Jugend­trai­ning, die Mini­play­ers sowie die Koope­ra­tio­nen zwi­schen Ten­ni­schu­le, Club und Schulen:

„Ich hal­te die Vor­stu­fen für »Ten­nis ist rot« (also blau und weiß) für mehr als sinn­voll. Gera­de Kin­der im Alter von drei bis sechs Jah­ren ent­wi­ckeln sich sehr unter­schied­lich und die Ein­stu­fung in Far­ben ist ziel­füh­ren­der als in Alters­klas­sen. Wir set­zen dies sogar in unse­rer Trai­nings­pla­nung um (Fokus auf Trai­nier­bar­keit der Grup­pe statt auf Alters­struk­tur). Es geht hier­bei mei­ner Mei­nung nach nicht um eine Abgren­zung der Alters­klas­sen, son­dern dar­um, die Kin­der dort abzu­ho­len, wo sie ste­hen. Ich habe Vier­jäh­ri­ge im Trai­ning, mit denen man Ball­wech­sel spie­len kann und Sechs­jäh­ri­ge, wel­che Pro­ble­me beim Wer­fen und Fan­gen haben. Von Kin­dern mit gene­rel­len koor­di­na­ti­ven Defi­zi­ten mal ganz zu schwei­gen. Die Vor­stu­fen ermög­li­chen uns, die Kin­dern spie­le­risch auf das Ten­nis­spiel vor­zu­be­rei­ten und und gemein­sam schnel­le­re Lern­er­fol­ge zu erzie­len. Jedes Kind kann bei­spiels­wei­se Low-T-Ball spie­len aber nicht jedes Kind kann sofort Ten­nis-Ball­wech­sel spie­len. Die Unter­tei­lung der Lern­stu­fen, wenn ein­mal ein ver­nünf­ti­ges Trai­nings­kon­zept ent­wi­ckelt ist, macht es für (Co-)Trainer leich­ter, das Trai­ning der jewei­li­gen Stun­de zu gestal­ten, da die Auf­ga­ben und Lern­zie­le genau­er defi­niert sind. Lie­be Grü­ße vom Schreib­tisch, statt vom Ten­nis­platz! Eure Steffi”

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