Wie auf ’ner Achterbahn

Stephan Medem
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Ich schaue immer wie­der mit Freu­de zu, wenn Kids aller Alters- und Leis­tungs­klas­sen auf Jugend­tur­nie­ren ihre Klin­gen kreu­zen. Wenn mir dabei der Spaß ver­dor­ben wird, liegt das irgend­wie nie an den Akteu­ren, son­dern stets an deren Eltern. Und ganz ehr­lich? Ich wür­de jeder­zeit eine Peti­ti­on unter­schrei­ben, wel­che den Titel trägt: »Mamis und Papis, die ihren Mund auf­ma­chen, um über Ten­nis zu spre­chen, wer­den sofort vom Gelän­de eskor­tiert!« Um mei­ne Gedan­ken zu sor­tie­ren, emp­feh­le ich fol­gen­de drei Pha­sen: vor einem Match, wäh­rend einer Par­tie und nach einer Begegnung. 

Gleich vor­ne weg: von mir aus haben wir hier den für uns Eltern und Coa­ches schwie­rigs­ten Part. Wie vie­le tau­send Tode bin ich am Ran­de der Ten­nis­plät­ze gestor­ben. Ob nun eines mei­ner Kids ein »klei­nes Match« auf Bezirks­ni­veau zockt oder eine mei­ner Pro­fi­spie­le­rin­nen auf einem der gro­ßen Cent­re-Courts die­ser Welt um 100.000 Dol­lar hoch oder run­ter kämpft: Du sitzt dane­ben und kannst prak­tisch nichts tun! Bist kom­plett hilflos!

Macht­los wie auf einer Achterbahn

Das ist alles ganz locker, solan­ge sich unser Schütz­ling auf einem kom­for­ta­blen Weg zum Sieg befin­det. Oder hoch ver­liert und wir mit gutem Gewis­sen attes­tie­ren kön­nen: „Hey, der Geg­ner ist heu­te ein­fach eine Num­mer zu gut!” — Was für Höl­len­qua­len sind das jedoch, wenn sich das Match in die Län­ge zieht. Offe­ner Aus­gang. Wie ein Ball, der unent­schlos­sen auf der Netz­kan­te balan­ciert und sich fragt, ob er nun auf die eine oder ande­re Sei­te fal­len möch­te. Wir fie­bern mit! Wir lei­den mit! Befin­den uns auf einer Ach­ter­bahn der Gefüh­le. Das Schlimms­te ist: wir kön­nen und dür­fen — eben­falls wie auf einer Ach­ter­bahn — nichts tun… Unser Zög­ling ist in der Hit­ze des Gefech­tes. Kämpft um jeden Punkt! Die Ner­ven lie­gen oft­mals blank! Ein Cock­tail aus diver­sen Che­mi­ka­li­en putscht sei­nen Kör­per in die rich­ti­ge Span­nungs­la­ge, genau­so, wie sich ein bun­tes Durch­ein­an­der von posi­ti­ven sowie nega­ti­ven Gedan­ken und Emo­tio­nen in sei­nem Kopf je nach Spiel­stand gegen­sei­tig bis aufs Blut bekämpft!

Sei der Fels in der Brandung!

Was braucht unser Spie­ler nun, wenn er in einer solch immensen Stress­si­tua­ti­on nach drau­ßen schaut und Blick­kon­takt mit uns auf­nimmt? Gewiss kei­ne klu­gen Sprü­che! Erst recht kei­ne abfäl­li­gen Wor­te oder Ges­ten. Da könn­tet Ihr Euch eben­so mit dem Geg­ner ver­bün­den! Kei­ne ein­ge­fal­le­ne Kör­per­hal­tung und die Fin­ger zum Nägel­kau­en zwi­schen den Lip­pen. Oder der Knül­ler — habe ich des Öfte­ren gese­hen und trotz­dem jedes Mal Mit­leid mit die­sen Kin­dern: Eltern ste­hen demons­tra­tiv auf und ver­las­sen den Ten­nis­platz bzw. das sin­ken­de Schiff… wie die Rat­ten… das Kind schaut zu uns nach drau­ßen, weil es Hil­fe braucht! Unser Kind will und braucht Euch als der Fels in der Bran­dung! Es möch­te, dass Ihr da drau­ßen sitzt und signa­li­siert: „DU machst das toll! Ich glau­be an DICH! DU packst das! Ich bin bei DIR! Egal was pas­sierst, ich lie­be DICH!” Das alles kann ohne Wor­te gezeigt wer­den, nur mit einer guten, gesun­den Sitz­hal­tung, erho­be­nen Schul­tern, einem ent­schlos­se­nen und posi­ti­ven Blick­kon­takt, ange­neh­mer Kör­per­span­nung! Gepaart mit einer auf­mun­tern­den Geste!

Auch die Eltern müs­sen viel lernen!

Wie schon ein­gangs erwähnt: das ist rich­tig schwer! Aber, unse­re Kin­der wer­den nicht als gro­ße Sie­ger gebo­ren, Sie müs­sen viel ler­nen! Genau­so soll­ten wir unse­re Situa­ti­on am Spiel­feld­rand betrach­ten: auch WIR müs­sen viel ler­nen! Aber lasst Euch eines vom Pro­fi sagen: es lohnt sich! Auf, und abseits des Tennisplatzes!

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