Tennis Europe — Pro & Contra

Stephan Medem
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»DIE STARS VON MORGEN« – unter ande­rem mit die­sem voll­mun­di­gen Slo­gan wirbt die »Ten­nis Euro­pe Juni­or Tour« für ihre 1990 ins Leben geru­fe­ne Tur­nier­se­rie. „Die aner­kann­te, idea­le Grund­la­ge für eine erfolg­rei­che Kar­rie­re als Ten­nis­pro­fi!“ soll durch die Teil­nah­me an so genann­ten »TE-Events« gelegt wer­den. Eines ist defi­ni­tiv Fakt: »Ten­nis Euro­pe« macht pro­fes­sio­nel­le Arbeit! Ser­viert wer­den hier­bei klin­gen­de Namen wie Novak Djo­ko­vic, Roger Fede­rer, Rafa­el Nadal, Maria Shara­po­va, Vic­to­ria Aza­re­n­ka, Andy Rod­dick, Juan Mar­tin del Potro oder Lind­say Davenport.

Ja, die Tur­nie­re sind orga­ni­sa­to­risch teil­wei­se auf ATP- oder WTA Niveau. Tol­le Tur­nier­pro­gram­me mit Spon­so­ren, Fahr­ser­vice, Top-Hotels und Super­or­ga­ni­sa­ti­on, ein Online-Tur­nier­ka­len­der, ein wöchent­li­ches Ran­king sowie ein Mas­ters-Tur­nier mit »Play­ers of the Year« erin­nern schon ganz artig an die gro­ßen Pro­fi-Ver­ei­ni­gun­gen. Mitt­ler­wei­le gibt es jähr­lich über 400 Events in den Alters­klas­sen U12, U14 sowie U16. 410.000 Zuschau­er, 228.000 Bäl­le, 12.000 Ten­nis­ta­len­te aus 110 Natio­nen, mehr als 900 Zei­tun­gen, wel­che über die Tour berich­ten und 14.000 Sen­de­mi­nu­ten bei Funk und Fern­se­hen. Wir sehen, »Ten­nis Euro­pe« macht einen pro­fes­sio­nel­le Job. Dass bei einem sol­chen Hype Spie­ler, Eltern und Trai­ner das Gefühl bekom­men kön­nen, „Hey, da müs­sen wir dabei sein, wir ver­pas­sen ansons­ten unse­re gro­ße Chan­ce aufs Pro­fi­ten­nis!“, ist klar und von den Machern sicher auch gewollt.

»Ten­nis Euro­pe« – was dafür spricht…

Es ist vor allem für regio­nal erfolg­rei­che Spie­ler wich­tig, über ihren Tel­ler­rand hin­aus Ver­gleichs­mög­lich­kei­ten zu bekom­men, um damit ihre Leis­tung bes­ser ein­ord­nen zu kön­nen. Das inter­na­tio­na­le Flair, die pro­fes­sio­nel­le Durch­füh­rung der TE-Tur­nie­re sind mit Sicher­heit eine hilf­rei­che Moti­va­ti­ons­sprit­ze für Teen­ager. Jun­ge Ten­nis­cracks kön­nen über ihre Lan­des­gren­zen hin­aus Freund­schaf­ten schlie­ßen. Die Jagd nach TE-Punk­ten kann sich leis­tungs­stei­gernd bemerk­bar machen. Unab­hän­gig davon, ob Dein Kind/Tennisschüler nun regio­nal, natio­nal oder eben inter­na­tio­nal sei­ne Tur­nier­er­fah­run­gen sam­melt. Eine Grund­re­gel soll­te nicht ver­ges­sen wer­den: »Der rich­ti­ge Mix macht’s!« Ein Drit­tel Matches, die man gewin­nen soll­te, ein Drit­tel mit einer 50/50-Wahr­schein­lich­keit und ein Drit­tel gegen bes­se­re Geg­ner mit einer ten­den­zi­el­len Außenseiter-Chance.

»Ten­nis Euro­pe« – was dage­gen spricht…

Kin­der in den Alters­klas­sen U12/14 auf TE-Tur­nie­ren spie­len zu las­sen, hal­te ich für gro­ben Unfug. Hier rei­chen regionale/nationale Tur­nie­re völ­lig aus. Die Jagd auf TE-Punk­te bzw. Rang­lis­ten­plät­ze ver­lei­tet dazu, über­trie­ben vie­le Tur­nie­re zu spie­len. Kids ver­lie­ren den »Biss«. Es wer­den teil­wei­se immense Anfahr­ten und Tur­nier­kos­ten ver­ur­sacht, die in kei­nem Ver­hält­nis zum »Ertrag« ste­hen. Es wird schließ­lich noch kein Preis­geld gewon­nen, ledig­lich ein paar hüb­sche Poka­le, Urkun­den und Sach­prei­se. Bei erfolg­rei­chen TE-Spie­lern ist die Gefahr groß, zu früh erfolgs­ver­wöhnt zu wer­den. Wie soll sich so jemand spä­ter durch die Qua­li­fi­ka­ti­ons-Müh­len irgend­wo im Nie­mands­land auf den klei­nen Events der ATP- und WTA-Tour kämp­fen kön­nen?! Durch die Über­be­wer­tung von TE-Punk­ten, auch für die natio­na­len Rang­lis­ten, wird Viel­spie­le­rei zusätz­lich belohnt und gleich­zei­tig die Attrak­ti­vi­tät deut­scher Tur­nie­re gemin­dert. Ich habe in mei­nem per­sön­li­chen Umfeld schon zu vie­le Fäl­le erlebt, wo wirk­lich talen­tier­te Spie­ler von inkom­pe­ten­ten Trai­nern und fana­ti­schen Eltern ver­heizt wur­den. Was bringt es einem Kind tat­säch­lich, mit z.B. vier­zehn Jah­ren die Num­mer Fünf in Euro­pa zu sein? Gar nichts! Spie­ler müs­sen dann in Top-Ver­fas­sung sein, wenn ein even­tu­el­ler Über­gang zu den Pro­fis ins Auge gefasst wer­den kann. »Hier wer­den Stars gebo­ren« ist Bull­shit! Cham­pions wer­den nicht gebo­ren, sie wer­den gemacht. Im Training.

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