Steilvorlage für Stach

Von Christoph Kellermann.

Ja, gut, als der Westfälische Tennis-Verband einst Michael Stich und später gar Boris Becker zum Podiumsgespräch lockte, um im heimischen Kamen eine naturgemäß wenig attraktive Veranstaltung wie einen Verbandstag ein bisschen künstlich aufzuwerten und besuchenswert zu gestalten, habe ich mir gedacht „Okay, guter Schachzug, um einige – sonst sicher ferngebliebene – Mitglieder zu locken, damit sich die Präsidiumsmitglieder ihre Jahresberichte in der Kamener Stadthalle (später auch mal im eigenen Leistungszentrum) nicht selbst vorlesen müssen.” Es soll ja schließlich noch Menschen geben, die Boris und Michael noch nie live gesehen haben und ein entsprechendes Bedürfnis verspüren…

Rückblick…

Früher, als die Anzahl der westfälischen Tennisvereine noch Richtung »vierstellig« ging, hatte der Verband ein echtes Faustpfand! Wer erinnert sich?! Die Vereinsvertreter mussten geschlossen zum Verbandstag pilgern und bis zum bitteren Ende warten, um sich die Auslosungen für die Sommerrunde abzuholen, inklusive der Einweisung durch Supervisor-Ikone Sören Friemel zum Thema Regel- und Statutenänderungen. Das war absoluter Kult und ein Pflichttermin! Heute im Zeitalter des World Wide Webs, kann man getrost zu Hause bleiben und sich mit dem mobilen Endgerät in der Hand auf dem Sofa durch die Spielpläne tippen.

Steffi ist nicht zu haben

Boris und Michael – ja das das waren zugegebenermaßen schon prominente Verpflichtungen seitens des WTV – abseits der zahlreichen amtlichen Bekanntmachungen rund um den Spielbetrieb, inklusive des alljährlichen Schönredens sinkender Mitgliederzahlen. Diese beiden prominenten Gäste könnte höchstens noch eine Steffi Graf in den Schatten stellen und die ist bekanntlich weit weg und für derartige Provinzveranstaltungen Gott sei Dank nicht zu haben. Die Folge ist, dass sich auf dem Podium auch schon mal ein Dschungelcamp-Teilnehmer verirrt. Ex-Hochspringer und Dschungel-Langweiler Carlo Thänhardt lässt grüßen…

Vorsicht: »Stachi« kommt!

In diesem Jahr soll es also Matthias Stach sein – oder wie der Westfälische Tennis-Verband ihn ankündigt: »Die Stimme des weißen Sports«. Ausgerechnet Stach möchte man sagen. Der Mann, der sich selbst noch einen Tacken mehr liebt, als den Sport als solches. Ein Sport-Kommentator, für den die »Mute«-Taste an der Fernbedienung erfunden wurde. Jemand, der die Tenniswelt bei jeder Gelegenheit wissen lässt, dass er jeden kennt und alles weiß. »The Master of useless knowledge«. Sein Gastvortrag in Kamen heißt »Hinter den Kulissen des internationalen Tennis«. Quasi eine Steilvorlage für den Prahlhans aus Braunschweig, um sich zur Abwechslung mal vor einem Live-Publikum zu produzieren.

Oder halt: vielleicht passt das doch?!

Vielleicht muss man dem WTV aber auch gratulieren. Der Großteil des deutschen Publikums liebt schließlich Trash-Content, lässt sich gerne auch mal verarschen und ist in Zeiten von BILD, RTL & Co. sensationsgeil wie nie auf unnützes, halbgares Wissen. Da ist »Stachi’s Märchenwelt« am Ende dann vielleicht doch die perfekte Bühnennummer. Wer weiß.

Februar 2020 · Photocredit: Tennisredaktion.de