Respekt, Empathie und Liebe

Stephan Medem, ehemaliger ATP-World-Tour-Professional, früherer WTA-Tour-Coach und heutiger Mentalexperte und Bestseller-Autor. Ein Mann mit einer ungeheuren Tennis- und Lebenserfahrung, der im Hintergrund voller Überzeugung auch auf einem anderen, sehr sensiblen Sektor Großartiges leistet: Stephan Medem ist nämlich seit nunmehr fast zehn Jahren offizieller Botschafter der »BREAKCHANCE«-Initiative, eines der bundesweit ersten Rollstuhl-Tennis-Projekte überhaupt. »Tennisredaktion.de« hat bei dem gebürtigen Schweizer ob dieses Engagements nachgefragt und dabei sehr tiefgründige und überaus bemerkenswerte Antworten erhalten.

Stephan, seit wann setzt Du Dich für Breakchance ein und wie kam es zu diesem Engagement? Nun, das müsste jetzt schon bald mein zehnjähriges Jubiläum sein. Ich habe drei wunderbare Kinder. Jason, mein Ältester, wurde mit Down Syndrom geboren. Und das in eine Zeit hinein, in der sich für mich doch das Meiste in meinem Leben um mich selbst und meine Tenniskarriere drehte. Jason ist in mein Leben getreten und hat dies, für jedermann nachvollziehbar, ziemlich aus den Fugen gehoben. Als eine der Folgen davon habe ich meine professionelle Tennisspielerei an den Nagel gehängt. Auf der anderen Seite aber hat er mir die Augen für viele andere, sehr viel wertvollere Aspekte des Lebens empfänglich gemacht. Ergo engagiere ich mich seit nunmehr dreißig Jahren auf verschiedensten Spielfeldern für Menschen mit Handicap.

Breakchance bedeutet, Chancen zu ermöglichen und Gedankenbarrieren zu durchbrechen. Du bist Mentalexperte: welche Gedankenbarrieren gilt es denn im Umgang mit Menschen mit Handicap gezielt zu durchbrechen? Jede Woche können wir in sämtlichen Medien verschiedenste Denkansätze sowie Standpunkte zu den Themen Inklusion, Integration oder Barrierefreiheit hören. Sicherlich meinen es alle daran beteiligten Politiker, Personaler oder sonstigen Experten gar nicht so schlecht mit den »Menschen mit Handicap». Die erste Frage aber, die sich mir an dieser Stelle immer aufdrängt, ist Folgende: »Ist es die Aufgabe von Politikern oder Experten, für mehr Integration und Inklusion, zu sorgen?« Dicht gefolgt von der zweiten und viel entscheidenderen Frage „Wie wird ein Mensch mit Handicap denn heutzutage überhaupt definiert?“ – „Ist ein Mensch gehandicapt, weil er in einem Rollstuhl sitzt?“ – „Ist ein Mensch gehandicapt, weil er nicht über einen »normalen« Verstand verfügt?“- „Ist ein Mensch gehandicapt, weil er nicht mit seinen Augen sehen kann!“ Ich bin der Meinung, dass eine wirklich grundsätzliche Veränderung und somit Akzeptanz nicht durch Politiker oder Experten erfolgen kann. Sie kann nur gelingen, wenn jeder einzelne von uns Menschen etwas bei sich selbst ändert. Und zwar, indem jeder erst einmal seine eigenen Prioritäten im Leben überdenkt und neu evaluiert. Jeder einzelne von uns nicht unter dem permanenten Druck von optimalem materiellen Zugewinn agiert sondern ganz einfach sein Herz gegenüber sämtlichen Mitmenschen öffnet und sich mehr auf seine innersten Gefühle verlässt. Gefühle wie Respekt, Empathie und Liebe! Solange das nicht wirklich passiert, sind wir alle zusammen, bedingt durch diese »behinderte« Sichtweise, ebenfalls Menschen mit Handicap!

Der Breakchance-Charity-Award wird mittlerweile zum neunten Mal vergeben. In diesem Jahr wird DIR diese Ehre zuteil. Was bedeutet Dir diese Auszeichnung? Ich freue mich, dass ich diesen Award in Empfang nehmen darf und man kann sicher sein, dass mich diese Auszeichnung zusätzlich motiviert, noch mehr Menschen dabei zu helfen, ihre Augen beziehungsweise ihre Herzen zu öffnen.

Welche Begegnungen oder Events im Rahmen der Breakchance-Initiative haben sich bei Dir bislang ganz besonders verankert? Am intensivsten sind jene Aktionen in meinem Gedächtnis hängen geblieben, welche bei all diesen Events »on Court« stattgefunden haben. Das stets ausgelassene, lockere gemeinsame Spiel, bei dem es überhaupt keine Rolle spielt, ob da jemand aus dem Stuhl heraus oder zu Fuß versucht, einen Tennisball zu erreichen und zurück zu spielen. Es macht da plötzlich keinen Unterschied mehr. Es geht dann mit einem Mal nur darum, dass ein paar Leute gemeinsam eine schöne Zeit auf einem Tennisplatz verbringen – und natürlich, ganz nebenbei, auch versuchen zu gewinnen.

Wenn Menschen durch Krankheit oder einen Unfall von jetzt auf gleich auf einen Rollstuhl angewiesen sind, welche lebensbegleitenden Tipps würdest Du ihnen auf mentaler Ebene mit auf den Weg geben? Eine verdammt knifflige Frage. Nun, ich bin der tiefsten Überzeugung, dass dieses wunderbare Leben uns allen, zu jedem nur erdenklichen Zeitpunkt, immer wieder neue Optionen bietet. Wenn sich vor uns, wie aus heiterem Himmel, plötzlich eine Tür verschließt, geht das Leben weiter. Nimmt man sich nun an diesem Punkt die Zeit, um auf seine innere Stimme, also auf sein Herz zu hören, dann wird man erkennen, dass sich plötzlich viele neue Türen öffnen. Und einige davon sind größer, als diejenige, die zuvor unerwartet zugeschlagen wurde.

Rollifahrer versprühen meist eine ungeheuer positive Ausstrahlung und Lebensfreude. Auf Grund der körperlichen oder geistigen Einschränkungen sollte man doch eher das Gegenteil vermuten. Wie erklärst Du Dir dieses Phänomen? Diese Energie ist in der Tat spürbar. Ich kann nur spekulieren: vermutlich habe sie alle, diese gerade eben erwähnte, etwas größere Tür gefunden und sind hindurch gegangen. Oder ein etwas dynamischerer Vergleich: viele von uns vergleichen das Leben ja gerne mit einer Fahrt auf der Achterbahn. Diese Menschen müssen es geschafft haben, das gesamte, durch eine wahrscheinlich beängstigende Abwärtsfahrt produzierte Tempo über die tiefste Stelle zu retten, um danach mit noch mehr Schwung ungeahnte Höhen zu erreichen.

» BREAKCHANCE.de

Autor: Christoph Kellermann
Photocredit: Tennisredaktion.de
März 2019 · © Tennisredaktion.de