Rafa weiß, was er kann!

Frage an Brigitte Neumann: Liebe Frau Neumann, ich bin 17 Jahre alt und ein großer Nadal-Fan. Ich frage mich, wie man in einem so großen Finale wie am 2020 in Paris, mental so stark sein kann? Ich bewundere das sehr und würde auf diesem Gebiet gerne ebenso stark werden. Ich las, dass Sie verschiedene Spitzensportler in dieser Hinsicht betreuen. Wie arbeitet ein Superstar wie Rafa an seiner Psyche und wie lange dauert es, ein solches Niveau zu erreichen?

Brigitte Neumann
© Neumann

Brigitte Neumann: »Eigentlich« einfach: Rafa weiß, was er kann und was er braucht, um möglichst perfekt Tennis zu spielen! Rafa hat durch sein professionelles Umfeld früh gelernt, was zum Leben als Profi dazugehört: gute Ausbildung in Taktik, Technik und Körper, exzellentes Material und die richtigen Menschen um ihn herum. Aber auch ein Gefühl der Sicherheit, wenn’s »um die Wurst« geht. Auch ein Nadal hat Ängste, Befürchtungen und mentale Schwierigkeiten. Allerdings hat er die aussprechen dürfen und seine ganz individuellen Rituale entwickelt, die er nutzt, um während des Matches seine Ruhe und den Fokus zu halten. Vermutlich hat keiner in seinem Team gelacht, als er dieses Zupfen an Nase und Ohren entwickelt hat, um sich gut zu fühlen. Auch die Stellungen seiner Flaschen bezeugen ihm beim Seitenwechsel: »Alles ist OK!” Das wirkt nach draußen merkwürdig, ist allerdings das, was für ihn das Beste ist. Wie lange eine solche Entwicklung der mentalen Stärke dauert, ist unterschiedlich und hängt von den Anforderungen ab. Finde heraus, was Du realistisch kannst. Erwarte nicht mehr von Dir, als Du aktuell in der Lage bist zu geben. Finde heraus, welche Gedanken und Gefühle Dich während eines Matches abhalten, Deine beste Leistung zu bringen. Und dann suche nach Ritualen, die Dich beruhigen.

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»Seitlich« vs. »offen«

Frage an Jörg Linden: Hallo Herr Linden! Stimmt es, dass Schläge aus der offenen Stellung für den Gegner gefährlicher, aber für einen selbst schwieriger zu erlernen und zu spielen sind? Ich würde gerne in mein Spiel etwas Variation rein bringen, schlage alle Grundschläge aber aus der klassisch seitlichen Stellung, so, wie es mir früher beigebracht wurde. Danke schon jetzt!

Jörg Linden: Danke für Deine Frage. Ich muss einfach einmal eine Lanze für die Biomechanik und die Entwicklung des Tennissports brechen. Das Erlernen der Vorhand oder auch anderer Schläge aus der »offenen Stellung« ist nicht nur einfacher, sondern effektiver und gesünder für unseren Körper. Die seitliche Stellung hat keinen einzigen Vorteil gegenüber der offenen Stellung, ganz im Gegenteil (außer beim kurzen Ball und dem Netzangriff). Es geht vor allem um Sportwissenschaft und die Natürlichkeit einer Bewegung. Kein Anfänger würde sich bei Vorhand oder beidhändigen Rückhand ohne Rat des Trainers seitlich stellen.

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An später denken…

Frage an Thassilo Haun: Hallo Thassilo! Uns Tennistrainer kann ja Anbetracht der Corona-Tatsachen aktuell und für die nahe Zukunft recht unwohl sein. Ich denke nicht, dass es für uns allzu bald wieder in den geregelten Trainingsbetrieb zurückgeht. Auf Grund Deiner offensichtlich langen Erfahrung im Tennissport: Was haben wir Trainer für Alternativen, um finanziell über die Runden zu kommen?! Was können wir tun? Ich hoffe, Du hast einige Anregungen für mich und alle anderen Kollegen?! Ich selbst habe mich in der vielen freien Zeit sozial engagiert, das aber zahlt mir keine Miete. Soforthilfe habe ich in NRW beantragt und bekommen, allerdings ist dieses Geld ja mit sehr viel Vorsicht zu genießen, da es irgendwann zurückgezahlt werden muss?! Freue mich – auch im Sinne meiner Kollegen – auf Deinen Rat!

Thassilo Haun
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Thassilo Haun: Vielen Dank für Deine Frage! Tja, ab wann ein normaler Trainingsbetrieb wieder möglich sein wird steht momentan in den Sternen. Fest steht: Wie in einem Tennismatch ist es immer gut, einen Plan B zu haben, wenn es von heute auf morgen kein Training und somit auch kein Geld mehr gibt. Vor Corona hatte man als möglichen Grund, kein Geld mehr zu verdienen, maximal eine Krankheit oder eine Verletzung im Kopf, die einen an der Ausübung seines Berufes und dem Geldverdienen hindern könnte. Durch Corona erkennt man, dass es auch ganz andere Gründe geben kann. Viele Trainer haben, so wie auch Du, die Corona-Soforthilfe beantragt und auch ausgezahlt bekommen, obwohl manche von ihnen mangels Miete, Pacht und Sachkosten evtl. gar keinen Rechtsanspruch darauf haben. Daher hast Du Recht, dass man hier vorsichtig sein muss und eine Rückzahlung erfolgen kann, wenn die entsprechenden Nachweise nicht erbracht werden können. Und das ist auch richtig so.

Es ist nicht die Aufgabe des Staates, nun auf einmal für Solo-Selbständige zu sorgen, die sich, solange der Rubel rollt(e),  schon seit Jahren bewusst gegen Themen wie Sozialabgaben, gesetzliche Krankenversicherung und gegen private Absicherung entschieden haben. Wenn man ehrlich ist, so zahlen die wenigsten hauptberuflichen Tennistrainer freiwillig jeden Monat gutes Geld in sehr gute Absicherungen. Nur eine absolute Minderheit ist hierzu bereit und leistet sich dies für Zeiten wie diese.

Jeder hauptberufliche Solo-Selbständige, egal ob Tennistrainer, Maurer, Kurierfahrer oder DJ sollte sich, ganz unabhängig von Corona, schon bei Aufnahme seiner Tätigkeit überlegt haben, welche Vorteile sein Status als Selbständiger hat und welche Nachteile. Wie lange kann man ohne Verdient alle Kosten der Lebenshaltung bedienen? Welchen Plan B hat man für den Fall der Fälle? Wo sieht man sich in fünf Jahren? Wo in zehn Jahren? Ist dieser Beruf genau das, was ich mein ganzes Leben lang machen will?

Viele Trainer haben den Beruf des Tennistrainers erstmal nur zur Überbrückung oder mangels Alternativen begonnen. Dann stellten sie fest, dass man mit überschaubarer Verantwortung gutes Geld verdienen kann und ruckzuck werden aus einer oder zwei Saisons mehrere Jahre. Je länger man dabei bleibt, desto schwerer wird es, etwas anderes zu finden oder nochmal komplett neu in einer anderen Branche zu starten. Dies geht auch jedem anderen so, der jahrelang bei seinem Arbeitgeber angestellt ist und irgendwann den Absprung verpasst, nochmal neu anzufangen und etwas Neues zu lernen.

Als ich mich in 2004 für eine hauptberufliche Selbständigkeit entschieden habe, hatte ich für mich einen maximalen Zeitrahmen von zehn Jahren definiert, in welchem ich mich voll und ganz im Tennis bewegen möchte. Dies habe ich eingehalten. Somit hatte ich für mich eine klare Orientierung, wann ich mich wieder nach etwas Neuem umschauen muss. Für mich stand früh fest, dass ich immer parallel planen und mich ständig auf eigene Kosten aus- und fortbilden werde. Aber auch hier ist es wie mit privater Vorsorge: viele Trainer schieben wichtige Themen (zu) lange vor sich her, anstatt Lösungen zu finden und immer gut vorbereitet zu sein für den »Fall der Fälle«.

Fest steht, Martin: »Jeder ist seines Glückes Schmied«. Fest steht auch: »Jeder motivierte Trainer, der gut abgesichert ist und sorgenfrei seiner Passion Tennis nachgehen kann, ist ein Gewinn für alle, auch und gerade in Zeiten wie diesen!« Wie ich schon in einem anderen Beitrag schrieb: es lohnt sich, früher an später zu denken und die entsprechenden Entscheidungen für sich zu treffen.

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