Marktbereinigung

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Fra­ge an Thas­si­lo Haun: Hal­lo Thas­si­lo. Ich wür­de von Dir ger­ne eine Ein­schät­zung hören, ob und wie sich die Trai­ner­land­schaft wäh­rend und vor allem nach Coro­na ver­än­dern wird? Wer­den wir end­lich von den »Ball­ei­mer­trä­gern«, die sich Trai­ner schimp­fen und schwarz unter­rich­ten und besai­ten, befreit? Setzt sich der seriö­se und top-aus­ge­bil­de­te Trai­ner am Ende durch? Ich per­sön­lich den­ke, dass es sehr vie­le »so genann­te« Trai­ner »erwi­schen« wird… Dir alles Gute und viel Gesund­heit und bes­ten Dank für die vie­len guten Tipps!

Thassilo Haun
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Thas­si­lo Haun: Ich den­ke, es ist unstrei­tig, dass sich sehr vie­le Berei­che durch Coro­na ver­än­dern. Man­ches, was bis­lang selbst­ver­ständ­lich war, wird nach Coro­na so nicht mehr auto­ma­tisch gül­tig sein. Auch das Anfor­de­rungs­pro­fil an einen Ten­nis­trai­ner hat sich in den letz­ten 30 bis 40 Jah­ren mehr­fach geändert.

In den 80er-Jah­ren erleb­te Deutsch­land dank Becker und Graf einen wah­ren Ten­nis-Boom. Als »Trai­ner« galt sei­ner­zeit qua­si alles, was einen Eimer und Bäl­le hat­te und es ver­stand, den Ball eini­ger­ma­ßen gera­de­aus anzu­spie­len und in die Rol­le des mehr oder weni­ger gut gelaun­ten Mode­ra­tors zu schlüp­fen. Fach­qua­li­fi­ka­tio­nen waren bei der Ver­ga­be von Vakan­zen noch nicht so ent­schei­dend. Denn es gab so viel Nach­fra­ge, dass qua­si jede hel­fen­de Hand ein­ge­bun­den wur­de. In den 80er-Jah­ren wur­de aller­bes­tes Geld ver­dient, sehr oft schwarz, sehr oft mit über­schau­ba­rem Auf­wand. Ten­nis war »hip« und jeder woll­te davon pro­fi­tie­ren. War­te­lis­ten bei Clubs oder Bür­gen auf Mit­glieds­an­trä­gen waren kei­ne Seltenheit.

Mit­te der 90er-Jah­re erleb­te die Ten­nis­land­schaft nach Becker und Graf in Deutsch­land eine ers­te »Berei­ni­gung« und war für die Kin­der und Jugend­li­chen nicht mehr auto­ma­tisch Sport­art Num­mer Eins, da die gro­ßen Zug­pfer­de und Ido­le fehl­ten. Nach den letz­ten gro­ßen Erfol­gen im Her­ren­be­reich (Stich 1991 Wim­ble­don und Davis-Cup-Team 1993) konn­te zwar Stef­fi Graf zwi­schen 1993 und 1996 die Fah­ne als WTA-Num­mer eins noch mal hoch­hal­ten, aber ihr Rück­tritt 1999 war das fina­le Ende des »gol­de­nen Zeit­al­ters«. Ten­nis war nicht mehr so »hip« wie zuvor und die Inter­es­sen der bis dato treu­en Ten­nis-Mit­glie­der ver­än­der­ten sich lang­sam, aber sicher.

Anfang der 2000er-Jah­re, zwei bis drei Jah­re nach den Rück­trit­ten von den Ido­len mei­ner Jugend, merk­ten ers­te Ver­ei­ne, dass Mit­glie­der kün­dig­ten und sich bei­spiels­wei­se Rich­tung Golf oder Fit­ness umori­en­tier­ten. Trai­ner und Ver­ei­ne waren auf ein­mal gefor­dert, etwas »mehr« zu bie­ten, als nur »Ball­ei­mer­trä­ger«, so wie Du es beschrie­ben hast, oder unin­spi­rier­tes Kolon­nen­trai­ning, so wie es in den 80er- und 90er-Jah­ren geleb­ter Stan­dard war. Auf ein­mal erkann­ten vie­le Ver­ei­ne, dass man es irgend­wie über­se­hen hat­te, neue, moder­ne­re Ange­bo­te zu schaf­fen, um die ehe­ma­li­gen Kin­der und Jugend­li­chen, die mitt­ler­wei­le Erwach­se­ne oder Jung­se­nio­ren waren, wei­ter­hin an den Ver­ein zu bin­den. Ers­te Ver­ei­ne fin­gen an, mehr auf das Aus­bil­dungs­ni­veau der Bewer­ber zu ach­ten, da man der Mei­nung war, dass der gut aus­ge­bil­de­te Trai­ner eher in der Lage ist, kon­zep­tio­nell zu arbei­ten und Ver­ei­ne nach vor­ne zu brin­gen. Dass die­ser Trai­ner dann aber pro Stun­de mehr kos­tet, fand in klei­nen Ver­ei­nen erst­mal kei­ne Zustim­mung, da dort die Mit­tel beschränkt waren. In den mitt­le­ren bis gro­ßen Ver­ei­nen, in denen ich tätig war, wur­de dies eher akzeptiert.

Zwi­schen 2010 und 2020 habe ich die Beob­ach­tung gemacht, dass der Trai­ner heu­te immer mehr in die Rol­le des (Event)-Managers rückt. Er soll ein gutes Trai­ning geben, Ver­an­stal­tun­gen pla­nen und durch­füh­ren, bit­te akti­ve Mit­glie­der­wer­bung betrei­ben und am Wochen­en­de die Mann­schaf­ten betreu­en. Ach ja, ein klei­ner Pres­se­ar­ti­kel wäre auch noch zu machen und die Schul-AG liegt ja auf dem Weg, wenn es nichts aus­macht. Wir alle wis­sen, dass ohne die ehren­amt­li­chen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter die deut­sche Ver­eins­land­schaft, nicht nur im Ten­nis, am Boden lie­gen wür­de. Den­noch wün­sche ich mir, dass man bereit ist, für pro­fes­sio­nel­le Hil­fe von außen auch ange­mes­se­nes Geld zu bezah­len. Dass die­ses Ver­ständ­nis bei mitt­le­ren bis grö­ße­ren Ver­ei­nen eher vor­han­den ist, als bei klei­nen Ver­ei­nen, ver­steht sich von selbst.

Coro­na bie­tet die Chan­ce, sich auf das Wesent­li­che zu kon­zen­trie­ren. Ver­ei­ne und Trai­ner haben gewis­se Spiel­re­geln ein­zu­hal­ten. Und es lohnt sich, vor­her an nach­her zu den­ken, anstatt zu jam­mern, wenn mal ein paar Wochen kein Geld ver­dient wird. Ob Schwarz­ar­beit, ob Schein­selb­stän­dig­keit, ob Ren­ten­ver­si­che­rungs­pflicht: ich fän­de es gut, wenn nun ein neu­es Bewusst­sein ent­ste­hen wür­de. Ver­ei­ne soll­ten kri­ti­sche The­men mit ihren Trai­nern von Anfang an offen und direkt bespre­chen und zur bei­der­sei­ti­gen Zufrie­den­heit lösen.

Wenn sich ein Trai­ner für den Sta­tus des »Solo­selb­stän­di­gen« ent­schei­det, bit­te schön. Dann aber bit­te nicht nur nach den Vor­tei­len gie­ren, son­dern alle Risi­ken abwä­gen und für sich ent­schei­den und lösen — oder nicht.  Wenn sich ein Trai­ner mit dem Ver­ein auf eine Anstel­lung ver­stän­di­gen kann, bit­te schön. Dann aber bit­te nicht nur Rum­jam­mern auf­grund des Nach­teils, wie wenig pro Stun­de auf dem Zet­tel steht, son­dern sich aller Vor­tei­le einer sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Beschäf­ti­gung bewusst sein.

Jede Markt­be­rei­ni­gung, ob im Immo­bi­li­en­markt, ob im Akti­en­markt, ob im Ten­nis­trai­ner­markt, hat Vor- und Nach­tei­le. Vie­le Trai­ner haben in den letz­ten Wochen laut geschrien, dass sie kei­ne Koh­le haben und sie nicht mal Anspruch auf staat­li­che Zuschüs­se oder ALG1 haben. Vie­le davon haben sich in den letz­ten 20 bis 30 Jah­ren bewusst gegen Absi­che­rung in Form von pri­va­ten Ver­trä­gen oder staat­li­chen Optio­nen ent­schie­den. Vie­le davon haben sich bewusst für den Sta­tus des »Solo­selb­stän­di­gen« ent­schie­den, um die dor­ti­gen Vor­tei­le mit­zu­neh­men. Das ist auch voll­kom­men in Ord­nung. Wer als »Solo­selb­stän­di­ger« aber nur die Vor­tei­le nut­zen möch­te und sich wenig bis gar nicht um sei­ne damit ver­bun­de­nen Risi­ken küm­mert, der muss, bei allem Respekt, nun selbst schau­en, wie er sich neu auf­stellt. Und er soll­te dar­aus ler­nen für die Zukunft.

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