Mangelnde Loyalität

Von Christoph Kellermann.

DTB, was ist das wieder für ein Rumgeeiere von Euch rund um die Personalie des Davis-Cup-Teamchefs! Nach der durch Euch verursachten megapeinlichen Trennung von Carsten Arriens habt Ihr mit Michael Kohlmann einen erfahrenen Teamplayer gefunden, der seit einigen Jahren Boss unserer Nationalmannschaft ist und seine Sache – wie nicht nur ich finde – sehr ordentlich macht. Klar, drei Mal in Serie konnte er die deutsche Mannschaft nicht in die zweite Runde der Weltgruppe führen, drei Mal konnte er allerdings auch den Abstieg verhindern, jüngst beim keinesfalls selbstverständlichen 3:2-Erfolg in Portugal. Und hört mir bloß auf, dieser Sieg ginge auf die Kappe von »Maskottchen« Boris Becker! Das ist totaler Schwachsinn und das hat Debütant Tim Pütz auch völlig zu Recht nach der Partie am Sonntag – wie ich finde für einen Davis-Cup-Neuling mehr als mutig – betont. Den Triumph dieser deutschen Notbesetzung nicht Teamchef Kohlmann zuzurechnen, wäre genauso aberwitzig, wie die sonntägliche Schlagzeile der BILD-Zeitung nach dem dritten und entscheidenden Punkt von Deutschlands neuer Nummer Eins, Jan-Lennard Struff: „Struff rettet Boris vor dem Abstieg!” Eine sensationsgeile Frechheit. Völlig ohne Sachverstand.

Sachverstand erwarte ich aber von der DTB-Führung um Vizepräsident Sport, Dirk Hordorff. Weder dessen offensichtlich doch ein wenig überschätztes Netzwerk, noch die humpelnde Tennislegende Boris Becker haben schließlich ausgereicht, ihrem Teamchef die beste deutsche Mannschaft zur Verfügung zu stellen. Kohlmann hat aus der Not eine Tugend gemacht und das deutsche Tennis mit Spielern der zweiten und dritten Reihe ohne zu Murren zum Klassenerhalt gecoacht. Das ist stark. Und das ist Fakt.

DTB, wieder einmal lasst Ihr Euch von Euren Davis-Cup-Verweigerern und Möchtegern-Stars auf dem Kopf herum tanzen. Und nicht nur das! Ihr nehmt sie auch noch in Schutz! Jene Spieler, die uns die Relegationssuppe durch ihre mehr als peinlichen Leistungen im diesjährigen Frankfurter Opener gegen Belgien überhaupt erst eingebrockt haben. Das schlecht schmeckende Süppchen auslöffeln durften hingegen andere. Dafür waren sich unsere egoistischen Rosinenpicker nämlich zu schade. Ich rate dringend: »Rückennummer merken, weiterspielen«.

Anstatt nun Michael Kohlmann öffentlich das Vertrauen auszusprechen, stellt ihr ihn bloß. „Sportdirektor Klaus Eberhard und der neue »Head of Men`s Tennis« Boris Becker sollen und werden bald über die Zukunft des Davis-Cup-Teamchefs entscheiden”, so Dirk Hordorff. Spitzenaussage vom »Head of Everything«. Lieber hätten wir gehört, dass Kohlmann gesetzt sei und er jenen Spielern im kommenden Jahr das Vertrauen schenken soll, die in Portugal für Schadensbegrenzung gesorgt haben. Den offensichtlich leicht abgehobenen Zverev-Brüdern und erst Recht dem nicht teamtauglichen Philipp Kohlschreiber würde eine einjährige Davis-Cup-Denkpause sicher nicht schaden.

Und zu »Maskottchen« Boris Becker sei gesagt: Zwar hat die BILD-Zeitung täglich aus Portugal berichtet und ihre Headlines artig um den hüftkranken Tennisrentner gestrickt, aber auch Boris konnte den Davis Cup nicht ins TV bringen, was dringend notwendig wäre, um den traditionsreichen Teamwettbewerb sowie das deutsche Tennis wieder nach vorn zu bringen. Nur von den eigentlichen Problemen rund um die zahlreichen Spielerabsagen konnte Boris mit seiner Präsenz ein wenig ablenken. Dem deutschen Davis-Cup-Team und dessem eifrigen Teamchef hat er – bei allem Respekt vor dem dreimaligen Wimbledon-Champion – in der Außendarstellung aber irgendwie gefühlt mehr geschadet, als geholfen.

September 2017 · Photocredit: Jürgen Hasenkopf