Lieber Novak!

Am vergangenen Sonntag warst Du Teil des längsten Wimbledon-Finals aller Zeiten. Viele sagen, dass es an der Church Road sogar das beste Endspiel aller Zeiten war, aber vielleicht lieferte der nicht minder epische Fight zwischen Roger und Rafa vor einigen Jahren noch mehr hochklassige Ballwechsel. Ich bin mir sogar sicher. Überhaupt freue ich mich auf Matches mit Roger und Rafa immer ein Stückweit mehr, als auf Begegnungen mit Deiner Beteiligung. Euer Endspiel vorgestern aber war wirklich außerordentlich. Roger war definitiv der aktivere und auch bessere Spieler, da gibt es keine zwei Meinungen. Insgesamt gewann er sogar vier Punkte mehr als Du (218:214). In fast allen Statistiken war er am Ende vorne. Du aber hattest die besseren Nerven. Wenn es drauf ankam, warst Du da. Zwei Matchbälle konntest Du bei Rogers Aufschlag abwehren. So wie es nur ein Meister kann. Nerven aus Stahl. Du bist nicht nur physisch auf allerhöchstem Level, sondern auch psychisch. Du bist ein Mental-Monster. Dafür gebührt Dir allergrößter Respekt, überhaupt keine Frage…

Dass Dir vorgestern auf dem Centre-Court nicht die Mehrheit der Fan-Herzen zuflogen, ist hingegen nicht verwunderlich. Natürlich ziehe ich wie jeder Tennisfan oder Experte den Hut vor Deinen sportlichen Leistungen. Roger, Rafa und Du, Ihr seid der Wahnsinn und ein einmaliges Geschenk der Tennisgeschichte. Aber: während man Rafa und vor allem Roger als Fan aus allseits bekannten Gründen direkt in sein Herz schließt, gestaltet sich das Dir gegenüber etwas schwieriger. Fehlende Sympathiepunkte sind Deinem mitunter überheblichen Gehabe geschuldet. Ich unterstelle Dir mal, dass Du dies bewusst gar nicht so transportieren möchtest. Dein überaus selbstbewusster Gang sowie Deine selbstverliebte Gestik und Mimik helfen Dir nicht, auf der Sympathieleiter nach oben zu steigen. Allein Dein sekundenlanges, überaus unsympathisches Grinsen nach dem Matchball auf dem Weg von der Grundlinie zum Netz ließ eine Menge an Interpretationsspielraum zu und ist bestimmt nicht nur mir übel aufgestoßen. Ja, vielleicht hast Du wirklich nie daran gezweifelt, den Rekord-Grand-Slam-Gewinner an diesem Tag zu besiegen, wohlwissend, dass die gesamte Tennis-Welt gegen Dich sein wird. Ich persönlich interpretiere Dein Grinsen so: »Federer, Fans, Royal Box: Fuck off! Who is Federer? I am the greatest! Take note of that!« Die Rolle des Henkers hat Dir am Sonntag offensichtlich sehr gut gefallen. Für viele bist Du nicht der alte und neue Wimbledon-Champ, für sie bist Du der Kerl, der Bambi erschoss.

Du bist 32 Jahre jung. Hättest vor noch gar nicht allzulanger Zeit fast aufgehört, professionell zu spielen. Vier der letzten fünf Grand-Slam-Titel hast Du eingefahren. Nun stehst Du bei 16 Major-Titeln. Noch stehen Rafa (18 Majors) und Roger (20) vor Dir. Allerdings befürchte ich, dass Du nicht eher ruhen wirst, bis Du Deine beiden Erzfeinde auch in dieser Statistik abgeschüttelt hast, Stichwort GOAT. An der Hassliebe zu dir wird dies vermutlich nichts ändern.

Liebe Grüße, Christoph

Juli 2019 · Photocredit: Jürgen Hasenkopf