Lieber Ivan!

Eigentlich hat Dich Dein Schützling Sascha in Stuttgart schon Tags zuvor indirekt in Frage gestellt, wenn auch nicht wirklich ernst gemeint. Sascha meinte, dass Du ihm zumindest sagen könntest, wie man Wimbledon nicht gewinne, schließlich seist Du einem Titel auf Rasen in Deiner beeindruckenden Karriere in 16 Profijahren und bei sage und schreibe 94 Titeln vergeblich hinterher gerannt. Das war ein typischer Zverev. Abseits des Platzes locker, nicht auf den Mund gefallen, medial mehr als salonfähig und sympathisch schlagfertig. Man hört ihm gerne zu. Auf dem Platz aber wirkt unsere deutsche Nummer Eins oft hilflos. Wie gestern gegen den 34-jährigen Dustin Brown, deutsch-jamaikanischer Hau-Drauf und »Mann für die Galerie«. Schon nach der Auslosung hatte Dein Schützling die Hose »brown«. Klar ist Dustin immer wieder für einen überraschenden Schlag gut, und ja, er hat vor einer gefühlten Ewigkeit auf Rasen auch zwei mal Rafa Nadal geschlagen. Einmal, als dieser in Halle keinen Bock hatte und einmal, in Wimbledon, was war auf dem Centre-Court in Wimbledon zugegebener Maßen eine echte Sensation war. Gestern aber hat nicht nur Sascha versagt, sondern auch Du als Coach. Deinem Spieler schlotterten schon weit vor Runde Eins von Stuttgart angesichts der Partie gegen die Nummer 170 der Welt schon vor dem Match die Knie und Du hast Deinem immer noch grünschnäbligen amtierenden Weltmeister kein Rezept mit auf den Weg geben können. Auch Saschas ständiger Blick ins Täschchen beim Seitenwechsel – ich vermute mal hilfesuchend aufs Smartphone? – hat nichts gebracht. Wenn Du als sein Anker dann noch gleichgültig emotionslos, weil eingefroren, auf der Tribüne durch Deine Sonnenbrille ins Nichts starrst, hilft das Deinem taumelnden Zögling sicher auch nicht weiter. Ohne eine Miene zu verziehen schaust Du als Teilzeitcoach zu, wie Sascha per Stöppchen und Löbbchen phasenweise vorgeführt wird. Der Peinlich-Auftritt gestern am Weißenhof war ein Offenbarungseid – für Sascha und für Dich. Ivan, Du bist strohtrocken, leidenschaftslos und viel zu nüchtern. Mit diesen Qualitäten lässt sich maximal ein dröger Schotte in der Spur halten. Für Sascha, den ewigen Teenager und standig brodelnden Tennis-Vulkan, reicht das nicht. Gegensätze ziehen sich nicht immer an.

Liebe Grüße, Christoph

Juni 2019 · Photocredit: Jürgen Hasenkopf