Alexander Zverev
© Jürgen Hasenkopf

Ich bin fleißiger Leser Deiner Kolumne »Post von Wagner« auf BILD.de. Wer weiß, vielleicht warst es im Unterbewusstsein sogar Du, der mich vor vielen Jahren dazu animierte, auf »Tennisredaktion.de« selbst offene Briefe zu verfassen, um den eigenen Gedanken und Gefühlen einfach mal freien Lauf zu lassen oder um einfach nur zum Nachdenken anzuregen. Diese offenen Briefe polarisieren stets. Sollen sie ja auch. Und Du hast schon viele gute Briefe geschrieben. Ich liebe ich Deine Kolumne. Du nimmst kein Blatt vor den Mund. Das gefällt mir.

Heute hast Du einige Zeilen an unseren US-Open-Finalisten Alexander Zverev gerichtet. Klar, Sascha hat in seiner jungen Karriere schon einiges falsch gemacht und dafür auch von mir schon den einen oder anderen Brief und berechtigte Kritik empfangen, aber heute hast Du Dich wie ich finde komplett vergaloppiert.

» Dein Brief an Sascha…

Ich vermute, dass Du im Laufe der Nacht vor dem Fernseher weggedöst bist – das ist für einen 77-Jährigen auch völlig OK und nichts Ungewöhnliches. Den einen oder anderen Sekundenschlaf hatte auch ich während der unchristlichen Zeit – und ich bin ein Vierteljahrhundert jünger als Du. Deshalb von mir im Nachgang einige Fakten, die Dir entgangen sein dürften, denn sonst hättest Du Deinen heutigen Brief bestimmt nicht losgelassen…

  • Sascha hat in New York ein wirklich starkes Turnier und ein unfassbar hochklassiges Finale gespielt. Wie Boris damals…
  • Sascha wirkte immens gereift und willens, den ganz großen Wurf zu landen. Wie Boris damals…
  • Verloren hat Sascha gegen Dominic Thiem, den mit Abstand besten und vor allem hartnäckigsten Spieler nach den »Big Three«, der den nicht zu unterschätzenden Vorteil von bereits drei gespielten Grand-Slam-Finals hatte. Zverev vs. Thiem – das wird ein Dauerbrenner. Erinnerungen werden wach an Becker vs. Edberg…
  • Nach vier Stunden Spielzeit und insgesamt 322 gespielten Punkten hatte Sascha am Ende gerade einmal vier Ballwechsel weniger gewonnen, als sein Gegenüber. Eine Mentalitätsfrage verbietet sich…
  • Sascha kämpfte, rackerte, gab sich zu keinem Zeitpunkt der Partie auf. Wie Boris damals…
  • Break, Re-Break, Abwehr von Matchbällen. Doppelfehler. Das Pendel schwang hin und her. Drama pur. Wie bei Boris damals…
  • Das US-Open-Finale 2020 war eine unvergessliche Tennis-Schlacht, die uns Fans daheim an den Bildschirmen hat mitfiebern lassen. Wie bei Boris damals…

Franz-Josef, wer in einem Grand-Slam-Finale im Tiebreak des fünften Satzes mit 6:8 unterliegt, hat es nicht verdient, von Dir den Siegeswillen abgesprochen zu bekommen. Es ist überhaupt eine fürchterliche deutsche Unart, nur Sieger hochleben zu lassen. Das Erreichen eines Finals, der viel zitierte »undankbare« zweite Platz, ist hierzulande bei sehr vielen Menschen nichts wert.

Bei einem Grand-Slam-Turnier gibt es in einem 128er-Feld nun einmal 127 überaus talentierte und ambitionierte Profis, die am Ende dem Gegenüber früher oder später gratulieren müssen. Natürlich sind sie irgendwie »Verlierer«. Was für mich vorgestern Nacht viel entscheidender und erwähnenswerter war, als der sportliche Ausgang des Endspiels, war Saschas Umgang mit der wohl bittersten aller möglichen Niederlagen. DAS was die Tenniswelt nach dem letzten verschlagenen Rückhand-Crossball von Sascha und auch Dominic gesehen hat, war ein fantastisches Signal raus in die (Tennis)-Welt und hat den höchst fragwürdigen zwei Grand-Slam-Wochen in New York wenigstens noch ein bisschen den Allerwehresten gerettet. DAS und nichts anderes hätte Gegenstand Deines heutigen Briefes sein sollen.   

Übrigens: ein Vergleich zu Boris Becker verbietet sich. Boris Becker war als Spieler einmalig und wird es auf ewig bleiben. Es war und ist ganz sicher auch nie das Bestreben eines Alexander Zverev, in Beckers Fußstapfen treten zu wollen. Zverevs Brust ist breit, aber so vermessen ist er nicht. Er will und wird seine eigene Geschichte schreiben. Zur Erinnerung: Becker verlor in seiner Karriere satte vier Grand-Slam-Endspiele. Becker scheiterte sechs Mal in Runde Eins, vier Mal in Runde Zwei und fünf Mal in Runde Drei eines Majors. Becker hat uns wunderbare Triumphe geschenkt und uns (meist nachts) auch mitleiden lassen. Auch Becker war menschlich.  

Liebe Grüße, Christoph