Lieber Boris!

Vorab: mein heutiger Brief an Dich kommt von Herzen. Wer mich kennt, der weiß, dass ich ein großer Fan von Dir bin. Du bist auf ewig einer der wenigen globalen Sporthelden aus unserem Lande. Einer, der zu seinen sportlichen Lebzeiten die Massen rund um den Globus zu begeistern wusste. Du hast uns in den Achtzigern und Neunzigern mitgenommen auf eine fantastische Reise – in guten (sechs Grand-Slam-Erfolge – darunter drei Wimbledontriumphe, Weltmeisterschaften, olympisches Doppelgold, Davis-Cup-Siege und vieles mehr), wie in schlechten Zeiten (bittere Niederlagen – vor allem jene in vier weiteren Wimbledonfinals).

Du hast die »Becker-Faust« eingeführt, als Steigerung den »Becker-Shuffle« – und natürlich den weltberühmten »Becker-Hecht«. Deinen Becker-Fäusten ging – im Gegensatz zum Spielermaterial heute – stets ein besonderer Punktgewinn voraus. Bei »unmenschlichen« Punkten setztest Du mit Deinem »Shuffle« dann noch einen drauf. Die Spielerinnen und Spieler heute schicken ihre geballten Fäuste nach jedem gewonnenen Punkt Richtung Box. Gern auch mal nach einem Doppelfehler des Gegenübers. So etwas ist zum Fremdschämen, albern und wäre einem echten Fighter wie Dir so niemals in den Sinn gekommen.

Auch unsere deutschen Nummer Einsen, Alexander Zverev und Angelique Kerber, schicken ihre Fäuste praktisch im Minutentakt Richtung Box. Was wollen sie uns oder ihrem Team damit eigentlich sagen? „Seht her, ich kämpfe wie einst Boris?” Oder wie Kerber gerne sagt: „Seht her, ich lasse mein Herz auf dem Court?” Alles Tinnef. Niemand wird wieder so kämpfen, wie ein Boris Becker es einst tat. Und der Grieche Tsitsipas kann sich noch so oft den Bällen hinterherschmeißen: ein »Tsitsipas-Hecht« wird niemals in den Geschichtsbüchern stehen.

Du, lieber Boris, hast den Tennissport geprägt. Hast die Szene damals elektrisiert und zum Teil auch revolutioniert. Manche Menschen sagen, Du hättest nichts in der Birne, aber das stimmt ja so nicht. Alles, was Du jemals auf und abseits der großen Courts dieser Welt erlebt hast, ist bei Dir gespeichert, in Deiner ganz persönlichen Schatzkammer. Geballte Lebenserfahrung als Weltsportler und Mensch. Klar, Sätze wie „ich bin stolz, Deutscher zu bin” oder das Fliegenklatschenfoto aus der Pocher-Show hängen Dir auf ewig nach. Gefundenes Fressen für die wenigen, die Dich nicht ins Herz geschlossen haben. Alberne TV-Shows im Trash-TV, Buchmessen oder gar Pokertische solltest Du daher vielleicht besser meiden. Du solltest besser auf ewig mit dem Tennissport liiert sein. Aber nicht als »ehrenamtlicher Grüß-August«, denn von dieser Partnerschaft profitiert nur der Deutsche Tennis Bund, der Dich aalglatt herumreicht wie ein Wanderpokal.

Nein, Du gehörst in die Box eines großen Spielers. Wir wollen doch nicht vergessen: DU warst es, der den Serben Novak Djokovic sportlich wieder in die Spur gebracht und zu einer ganzen Reihe von Major-Titeln getrieben hat. Novak dominiert bekanntlich seit geraumer Zeit wieder die Tenniswelt und dass er schon sehr bald sämtliche Federer-Rekorde pulverisieren wird, verdankt er zu einem großen Teil auch Dir, dem Erfolgscoach Boris Becker. Spielerbox, Trainingscourts, Stallgeruch – das war immer Deine Welt. Dort bist Du am stärksten.

Wie ist Dein Status Quo heute? Geld weg, Frauen weg, Fleppe weg, Pokale weg und was das Schlimmste ist: »Head of men`s tennis« statt Jahrhundertcoach. Boris, wach endlich auf! Schnapp Dir den Sascha und starte noch mal so richtig durch! Ermögliche ihm den Zugang zu Deiner Schatzkammer. Hilf ihm, seine Bemühungen zu fokussieren. Entwickle sein Spiel weiter. Erarbeite ihm einen Matchplan. Schicke Alexander Senior samt Irina und Hund Lövik zuvor in einen ausgiebigen Urlaub. Sie haben Sascha in die Weltspitze geführt und sich eine Auszeit mehr als verdient. Sascha braucht dringend professionellen Input von außen, damit er die nächsten Schritte nach vorn machen und sich zu einem Mentalmonster entwickeln kann. So, wie Du es einst warst. Euch Zwei zusammen könnte ich mir richtig gut vorstellen! Wie sehr würde ich Dir diesen Triumph persönlich gönnen. Mach es ainfach…

Liebe Grüße, Christoph

August 2019 · Photocredit: Jürgen Hasenkopf