Liebe Zampanos!

Von Christoph Kellermann.

Freunde, was ist eigentlich mittlerweile mit Euch auf den Courts und in den Boxen los? Haben Ihr was eingenommen? Oder habe ich im neuen »Pflichtenheft« der ATP irgendetwas überlesen?! Jeder, aber auch wirklich jeder einzelne gewonnene Punkt wird von einer wenig authentischen »Beckerfaust« in Augenhöhe Richtung Bank und einem kollektiven Aufspringen Eurer Coaches samt Eurer restlichen Teammitglieder, Betreuer und Physios sowie einem regelrechten Gebrülle zurück in Eure Richtung begleitet. Noch dazu mit Fratzen, dass mir als Tennisfan Angst und Bange werden muss. Ich sehe wütende und von sich selbst enttäuschte Spieler wie Tsitsipas oder Zverev, die ihrem Vater und ihren Coaches das Racket links und rechts um die Ohren hauen, ich sehe in Euren Gesichtern angsteinflößende Mimiken. Ich sehe Spieler wie Kyrgios, die beim Seitenwechwel mit Wasserflaschen eine Masturbation andeuten oder zwei Bananen gleichzeitig essen.

»ATP Cup« kein Showturnier

Aus der Box wird neuerdings nach jedem Punkt Richtung Court gebrüllt. Beim »Laver Cup«, einem reinen Showturnier habe ich das noch akzeptiert. Der »ATP Cup« ist aber kein Showevent. Es geht um Weltranglistenpunkte und um 15 Millionen US-Dollar Preisgeld. Noch dazu verunglimpft und veralbert Ihr Euch gegenseitig, wenn ein Kyrgios bei jedem Doppelfehler Zverevs demonstrativ Liegestütze macht. Habt Ihr eigentlich den Schuss noch gehört? Was soll diese Show, so sie denn eine sein soll?

Wie die großen Zampanos

Im Doppel scheinen die Gäule dann mit Euch komplett durchzugehen. Selbst den belanglosesten Ballwechsel feiert Ihr, als hättet Ihr mit einem Schlag den »Golden Slam« eingefahren. Gestern spielten Gille/Vliegen gegen Dimitov/Lazarov beim »ATP Cup« ein Match, welches sich auf der normalen Tour wohl nur der dazugehörige Staff anschauen würde. Müsst Ihr Euch wirklich so anbrüllen? Müsst Ihr wirklich zwischen den Ballwechseln 735 abklatschen oder mit den Fäusten gegeneinander ticken? Und was soll diese affige Angewohnheit, ständig die Filzkugeln vor dem Mund zu halten, während Ihr Euch absprecht? Warum nehmt Ihr Euch wichtiger, als Ihr es in Wirklichkeit seid?

Bezug zum Leben verloren

Ja, die Zuschauer wollen und sollen für ihr Geld etwas geboten bekommen. Aber doch nicht sowas?! Vielmehr lechzen die Fans nach Authenzität. Das aufgesetzte Gehabe von Euch Jung-Millionären nimmt immer skurrilere Formen an, die einem vermitteln, es ginge bei unserem geliebten Sport um Leben und Tod. In diesen Tagen noch dazu auf einem Kontinent, der mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat, als ein Break oder Re-Break zu realisieren. Für meinen Geschmack habt Ihr den Bezug zum realen Leben verloren. Selbstverständlich bestätigen Ausnahmen die Regel. Deshalb gilt für diesen Brief: »To whom it may concern.«

Januar 2020 · Photocredit: Jürgen Hasenkopf