Kleinfeld als Opener

Kindertennis
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»Gro­ßes Ten­nis fängt im Klein­feld an« — unter die­sem Mot­to führt das nach­fol­gend vor­ge­stell­te För­der­kon­zept Kin­der und Jugend­li­che mit Begeis­te­rung an neue Ten­nis-Lern­in­hal­te her­an. Der ganz­heit­li­che Ansatz berück­sich­tigt dabei die indi­vi­du­el­len Fähig­kei­ten der Kids und ermög­licht eine geziel­te För­de­rung. Krea(k)tivität, Team­fä­hig­keit, sozia­le Kom­pe­tenz und Moti­va­ti­on bil­den die Grund­pfei­ler für die­ses lang­fris­tig ange­leg­te Nach­wuchs­kon­zept für Ver­ei­ne. Im Mit­tel­punkt der Aus­bil­dung steht die Schu­lung der Spielfähigkeit.

Drei­stu­fi­ges Prinzip

Die drei Play+Stay-Stufen »Rot«, »Oran­ge« und »Grün« ent­spre­chen ten­nis­spe­zi­fi­schen Ent­wick­lungs­sta­di­en, in denen sich Kin­der je nach Alter und (Spiel-)Fähigkeiten, auch im Wett­kampf mit­ein­an­der mes­sen und wei­ter­ent­wi­ckeln kön­nen. Dabei spie­len sie stu­fen­wei­se auf ver­klei­ner­ten Spiel­fel­dern mit kind­ge­rech­ten Schlä­gern und ange­pass­ten Bäl­len. Die Kin­der kön­nen durch die­se Stu­fen­me­tho­de wesent­lich schnel­ler mit­ein­an­der  spie­len, ent­wi­ckeln Spiel­fä­hig­keit und gewin­nen dadurch schnel­ler an Selbst­si­cher­heit, weil sie schnel­ler Spiel­fä­hig­kei­ten erlan­gen sowohl mit- , als auch gegen­ein­an­der spie­len kön­nen, der Trai­ner ihnen das Ten­nis­spie­len und kei­ne iso­lier­ten tech­ni­schen Fähig­kei­ten bei­bringt und die Schü­ler die Sport­art Ten­nis moti­vier­ter betrei­ben, wenn sie spiel­fä­hig sind, Lern­fort­schrit­te machen und früh­zei­tig Erfolgs­er­leb­nis­se fei­ern. Ent­schei­dend ist, dass die Spiel­an­fän­ger schnell die Grund­zü­ge des Ten­nis­spiels ler­nen, sich Spiel­tak­ti­ken aneig­nen und von Beginn an spielen.

Das »Zwei-Wege-Prin­zip«

Es gibt im Prin­zip zwei Wege im Ten­nis, die man von der Kind­heit an beschrei­ten kann. Ein­mal ist es der bis heu­te noch von der Mehr­zahl der Jugend­li­chen began­ge­ne, alles ver­blen­den­de Weg des schnel­len und früh­zei­ti­gen Tur­nier­er­folgs. Der bes­se­re Weg ist der des gedul­di­gen, lang­fris­ti­gen, sach­kun­di­gen und sys­te­ma­ti­schen Leis­tungs­auf­baus. Vie­le soge­nann­te »Jung­stars« bezah­len einen hohen Preis, den ihre über­ehr­gei­zi­gen Eltern bewusst in Kauf neh­men, damit ihre Erwar­tungs­hal­tung an das eige­ne Kind erfüllt wird. Sie sind bereit, die Kind­heit ihres Soh­nes oder ihrer Toch­ter für den mög­li­chen sport­li­chen Erfolg zu opfern. Die auf die­se Art und Wei­se ver­lo­re­ne Kind­heit lässt sich spä­ter nicht nachholen.

Reimar Bezzenberger
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Trai­nings­um­fän­ge ver­nünf­tig dosieren

Ihre Schütz­lin­ge soll­ten ihre Kind­heit solan­ge wie mög­lich erle­ben und aus­le­ben dür­fen. Des­we­gen soll­ten Sie die Trai­nings­um­fän­ge und die Tur­nier­teil­nah­men von Beginn an auf ein ver­nünf­ti­ges Maß redu­zie­ren, damit die Kind­heit aktiv (er-)lebt wer­den kann. Die Kon­se­quenz die­ser Ent­schei­dung ist, dass Ihre Nach­wuchs­spie­ler mit 10 oder 12 Jah­ren kei­ne »Jung­stars« sind, die in einem Ver­bands­ka­der trai­nie­ren und vie­le Wochen­en­den bei Tur­nie­ren ver­brin­gen. Sie soll­ten Ihren Schü­lern ver­deut­li­chen, wor­um es beim Ten­nis eigent­lich geht. Es geht dar­um, dass sie sich sport­lich, mensch­lich und sozi­al wei­ter­ent­wi­ckeln. Der Wert eines Nach­wuchs­spie­lers kann nie­mals an Sie­gen oder Nie­der­la­gen fest­ge­macht wer­den. Ten­nis ist eine lebens­lan­ge Erfah­rung, die die Per­sön­lich­keit ent­wi­ckelt. Ten­nis kann vie­le Din­ge leh­ren: etwas leis­ten wol­len, Gren­zen über­win­den, neue per­sön­li­che Fähig­kei­ten und Fertig­keiten erlan­gen und eige­ne Ängs­te und Zwei­fel bewäl­ti­gen. Die­se Erfah­run­gen machen Schü­ler als Per­son stär­ker und nicht schwä­cher. Ten­nis hilft, per­sön­li­che Kom­pe­tenz ziel­füh­rend zu erweitern.

Effek­ti­ve Jugendspieler-Förderung

1. Aspekt: „Die sport­li­che Ent­wick­lung jedes Kin­des ver­läuft anders.“ Dies ist die Haupt­schwie­rig­keit, an der die meis­ten Junio­ren­för­de­rungs­kon­zep­te in der Pra­xis schei­tern. Die Aus­wahl­kri­te­ri­en in die­sen Kon­zep­ten sind für die­je­ni­gen Kin­der gut, die sich schnel­ler als ande­re Kin­der ent­wi­ckeln. Die »Lang­sa­me­ren« blei­ben meist auf der Stre­cke, obwohl sie die glei­chen Bega­bun­gen vor­wei­sen und ledig­lich etwas mehr Zeit brauchen.

2. Aspekt: „Der Schü­ler muss von sich aus bereit sein, viel Zeit und Ener­gie in das Ten­nis zu inves­tie­ren.“ Mit zwei Stun­den Trai­ning pro Woche wird man es im Ten­nis nicht weit brin­gen. Min­des­tens ab sechs Stun­den Trai­ning pro Woche kann man von einer ziel­füh­ren­den Jugend­för­de­rung spre­chen. Berück­sich­tigt man das Zusatz­trai­ning außer­halb des Ten­nis­plat­zes, so kommt man auf ca. acht Stun­den wöchent­li­ches Trai­ning ohne Turniere.

3. Aspekt: „Ten­nis ist eine Indi­vi­du­al­sport­art und des­halb muss es indi­vi­du­el­le Lösun­gen für jedes Kind geben.“ Nicht nur die zeit­li­chen Res­sour­cen, auch die schu­li­schen Zie­le, die finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten der Eltern, die indi­vi­du­el­le Per­sön­lich­keit und die Fähig­kei­ten des Kin­des sowie die Bezie­hung zum Trai­ner müs­sen in einer geziel­ten Jugend­för­de­rung berück­sich­tigt und ent­spre­chen­de indi­vi­du­el­le Lösun­gen gefun­den wer­den. Es gilt nicht das Prin­zip, alle Schü­ler im sel­ben Topf zu ver­ei­nen, viel­mehr muss jeder muss den Weg gehen, der für ihn mög­lich und rea­li­sier­bar ist.

Der kom­pe­ten­ter Trai­ner för­dert einen lang­fris­ti­gen Auf­bau im Ten­nis. Hier­bei zählt nicht der kurz­fris­ti­ge Erfolg in jun­gen Jah­ren — er baut sei­nen Spie­ler sorg­fäl­tig in allen Berei­chen so auf, dass er sich auf dem höchs­ten Ten­nis­ni­veau eta­blie­ren kann. Den­je­ni­gen, die in jun­gen Jah­ren auf kurz­fris­ti­gen Erfolg gesetzt haben, droht das Schick­sal der Aus­stei­ger, zu denen die meis­ten gehö­ren. Der Vor­teil des Klein­feld­ten­nis ist, dass die Spiel­an­fän­ger ein lang­sa­me­res Ten­nis auf klei­ne­rem Raum spie­len kön­nen. Dies ermög­licht eine deut­lich effek­ti­ve­re Schu­lung des Ball­ge­fühls, der ten­nis­spe­zi­fi­schen Moto­rik und der Schlag­tech­nik. Die Kin­der haben beim Klein­feld­ten­nis ein grö­ße­res Erfolgs­er­leb­nis, weil die Ball­wech­sel lang­sa­mer sind und es ein­fa­cher ist, den ankom­men­den Ball rich­tig einzuschätzen.

Der Weg des schnel­len Erfolgs

Kin­der, die die­sen Weg ein­schla­gen, wer­den über den Match­erfolg an das Leis­tungs­ten­nis her­an­ge­führt. Erfolg­rei­che Kin­der wer­den als »gro­ße Talen­te« und »zukünf­ti­ge Stars« bezeich­net, weil die­se vom 6./7‑Lebensjahr an über vie­le Jah­re hin­weg vie­le Trai­nings­ein­hei­ten absol­vie­ren und vie­le Tur­nie­re spie­len. Ana­ly­sen haben erge­ben, dass 10- bis 11-Jäh­ri­ge bereits über 80 Tur­nier­mat­ches pro Jahr spie­len. Das bedeu­tet, dass sie jähr­lich an mehr als 30 Tur­nie­ren teil­neh­men. Nicht ein­mal der Welt­rang­lis­ten­ers­te bringt es auf die­se Tur­nier­an­zahl, obwohl er durch Ter­mi­ne und Ver­pflich­tun­gen ein immenses Wettkampfpen­sum absol­vie­ren muss.

Die­se Kin­der sind die »berühm­ten« Tur­nier­sie­ger in den Alters­klas­sen U10, U12 und U14. Deren Leis­tungs­kur­ve zeigt zu Beginn steil nach oben. Lei­der wird die­ser fal­sche Weg und Ehr­geiz durch das Tur­nier- und Rang­lis­ten­sys­tem sowie den dar­aus resul­tie­ren­den Ver­bands-För­der­maß­nah­men, durch über­ehr­gei­zi­ge Eltern sowie durch erfolgs­hung­ri­ge Trai­ner und Funk­tio­nä­re unter­stützt. Mit dem 14. Lebens­jahr kommt es bei die­sen »Sie­ger-Kin­dern« in der Regel zur sport­li­chen Sta­gna­ti­on. Die­se Sta­gna­ti­ons­pha­se dau­ert meist ca. zwei Jah­re an. Danach folgt der zwei­te Leis­tungs­an­stieg (falls sie wegen Erfolg­lo­sig­keit nicht bereits gänz­lich die Lust am Ten­nis ver­lo­ren haben) und sie errei­chen die indi­vi­du­el­le Leis­tungs­gren­ze um das 20. Lebens­jahr. Da ihr gesam­ter Orga­nis­mus für die­se hohen Leistungs­ansprüche nicht vor­be­rei­tet ist, blei­ben sie unter ihren poten­ti­el­len Mög­lich­kei­ten und kön­nen die erreich­te indi­vi­du­el­le Leis­tungs­spit­ze nicht hal­ten. Sie bau­en sport­lich schnell ab und ver­schwin­den im »Durch­schnitt der Namenlosen«.

Der Weg des gedul­di­gen Aufbaus

Voll­kom­men anders ver­läuft der gedul­di­ge und lang­fris­ti­ge Weg des sys­te­ma­ti­schen Auf­baus. Bei Kin­dern bis zum 12. Lebens­jahr steht die Schu­lung der koordina­tiven Fähig­kei­ten, der Schnel­lig­keit und der viel­seitigen Ten­nis­tech­nik im Vor­der­grund. Dadurch wer­den weder hohe Tur­nier­be­tei­li­gun­gen, noch voll­kom­me­ne techni­sche Sicher­heit for­ciert. Die­se Kin­der fin­det man der Regel eher unter den Ver­lie­rern. Ihr sport­li­cher Leis­tungs­an­stieg bis zum 13./14. Lebens­jahr ver­läuft rela­tiv lang­sam. Mit dem 14. bis 15. Lebens­jahr beginnt sich die­ses Bild deut­lich zu ver­än­dern. Weil die Kin­der eine breit­ge­fä­cher­te Grund­la­gen­aus­bil­dung absol­viert haben, sind sie kräf­tig, schnell und ten­nis­tech­nisch ver­siert. Auf Grund­la­ge die­ser Basis schla­gen sie die ehe­ma­li­gen Sie­ger der jün­ge­ren Alters­klas­sen. Dar­über hin­aus wächst ihre sport­li­che Leis­tungs­kur­ve inner­halb von ca. zwei bis drei Jah­ren an und die­ser Leis­tungs­zu­wachs stabili­siert sich.

Nach die­ser Pha­se steigt die indi­vi­du­el­le  Leis­tungs­kur­ve — vor­aus­ge­setzt, die Trai­nings­in­hal­te sind pass­ge­nau — wei­ter an und sie errei­chen ihr Leistungs­maximum im Alter von 23 bis 26 Jah­ren, das wesent­lich höher liegt, als das der ers­ten Grup­pe. Auf Grund der gut aus­ge­präg­ten kör­per­li­chen und tech­ni­schen Grund­la­gen kön­nen sie die­ses Leis­tungs­ni­veau über meh­re­re Jah­re hin­weg hal­ten und wei­ter ver­bes­sern. Sie sind weni­ger ver­let­zungs­an­fäl­lig, rege­ne­rie­ren schnell und sind men­tal stark. Was zeich­net letzt­end­lich den Spie­ler, der die Welt­klas­se erreicht hat, aus? Die Ant­wort ist ein­fach: er ist ers­tens begna­de­tes Talent und zwei­tens ist er in sei­ner Leistungsent­wicklung sehr wahr­schein­lich den hier beschrie­be­nen Weg gegangen.

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