Kein Nachwuchs, keine Erfolge

Von Marc Raffel.

Keine deutsche Turnierlandschaft, kein Nachwuchs, keine Erfolge…

Wer sich gründlich mit der hiesigen Tennislandschaft beschäftigt, beginnt seine Lektüre meist ambitioniert und voller Erwartungen, wird dann jedoch sehr bald von Ernüchterung und Enttäuschung eingeholt. Wovon ist die Rede? Anlass unserer Ernüchterung war der aktuelle Fall, dass der so ambitionierte TC Bredeney e.V., der sportlich wohl erfolgreichste Verein des Tennisverbandes Niederrhein, jüngst seine Turnierlizenz für ein Damen-Weltranglisten-Tennisturnier an die ITF (International Tennis Federation) zurück gegeben hat. Schnell fiel uns auf, dass wir mit unseren beiden Tennis-Veranstaltungen, dem ITF World Tennis Tour Event und dem ATP Tennisturnier in Meerbusch, im kommenden Jahr die einzigen zwei internationalen Aktiventurniere (Damen/Herren) im Tennisverband Niederrhein ausrichten. Und wenn unsere Agentur seit letztem Jahr nicht das ITF Tennis World Tour Event in Troisdorf veranstalten würde, gäbe es im ganzen Tennisverband Mittelrhein (immerhin ein Gebiet mit der Metropole Köln, Bonn, Aachen, usw.) kein einziges Aktiven-Weltranglisten-Tennisturnier. Im Segment Leistungstennis sind also nun die Städte Meerbusch und Troisdorf an Rhein & Ruhr das »Maß aller Dinge«.

ATP Tennisturnier ohne Unterstützung des Verbandes…

Das erfüllt natürlich einerseits mit Stolz, bieten wir doch Topsportlern und Nachwuchscracks ein Sprungbrett, eine Bühne und eine Perspektive für Karriere und Zukunft und einem begeisterten Publikum ein tolles Programm. Auf der anderen Seite stellt man natürlich fest, dass ausgerechnet unsere Tennis-Leuchtturmprojekte von der Förderung des Tennisverbandes Niederrhein (TVN) ausgeschlossen werden. Das ATP Tennisturnier in Meerbusch, die sportlich bedeutendste Tennisveranstaltung an Rhein & Ruhr, erhält z.B. vom zuständigen TVN keinerlei Unterstützung. Das ist einzigartig in Deutschland, denn die übrigen deutschen ATP Challenger Veranstaltungen in den Landesverbänden Bayern, Niedersachsen, Hessen, Würtemberg und Rheinland Pfalz werden von ihren Landesverbänden kräftig unterstützt. Die letzte Begründung der Verantwortlichen des TVN lautete: „…man hätte schlicht keine Tennisspieler, die an solch einem Event teilnehmen könnten.“ Verstehe das wer will… Ich jedenfalls nicht, denn es gibt wahrlich genug Topspieler in der Region, die sich die Finger nach einer Teilnahme lecken würden und diese auch verdient hätten. Durch die abgesagte Kooperation mit unserem ATP Tennisturnier in Meerbusch verwehrt der Tennisverband Niederrhein seinen eigenen Top-Spielern die Teilnahme am Hauptfeld und der Qualifikation im Einzel- und Doppel-Wettbewerb. Konsequenter kann man den eigenen Akteuren und Nachwuchsspielern ein Desinteresse am Spitzentennis nicht mehr zeigen.

Anstatt über den Tennisverband Niederrhein, bekam TVN-Toptalent Henri Squire seine Wildcard für das ATP-Challengerturnier in Meerbusch 2018 direkt über den Veranstalter bzw. den Deutschen Tennis Bund (Photocredit: Jürgen Hasenkopf)

Die IG Tennis NRW handelt gegen ihre eigenen Interessen…

Der Versuch das ATP Tennisturnier in Meerbusch als »Internationale NRW Meisterschaften« auszurichten, scheiterte genau an den Personen und Strukturen (z.B. die IG Tennis NRW, ein Verbund der drei rheinischen Tennisverbände Mittelrhein, Niederrhein und Westfalen) deren originäre Aufgabe es ist, den Profi-Tennissport im Auftrag des Landes NRW zu stärken und zu fördern. Zweimal bemühten wir uns, um dieses Projekt – zweimal erhielten wir eine Absage. Kein einziges mir bekanntes Projekt – trotz Mittelbereitstellung durch das Land – hat die IG Tennis NRW bisher ins Leben gerufen, bzw. auffällig gefördert. Offensichtlich wurde alle Energie lieber in das Verhindern von Projekten und Ideen investiert. Im offiziellen Strukturplan der IG Tennis NRW ist ganz zu Beginn die Rede von (Zitat): „Das primäre Ziel des Strukturplanes der IG Tennis NRW ist die Darstellung einer bestmöglichen Ausbildung und Vorbereitung der jugendlichen Talente auf eine mögliche Profikarriere“. Ob ein Verantwortlicher dieser Vereinigung seinen eigenen Strukturplan wohl schon einmal gelesen hat? Von diesen Verstößen gegen die Normen der »good gouvernance« negativ betroffen sind vor allem die vielen Sportler und Talente, denen die große Perspektive in der heimischen Region durch Spielchen und schlechte Tricks genommen wird.

Mitgliederschwund – warum werden dann neue Vereine ausgeschlossen?

Tennis Landesverbände, die Spitzen-Tennisturniere im Aktivenbereich (Damen/Herren) nicht fördern bzw. unterstützen verstoßen gegen ihre eigene Funktion und behindern den nachhaltigen Aufbau von Spitzensportstrukturen. Hierzu fällt mir ein weiterer Fall ein. Zur Zeit bemühen wir uns mit unserem jungen Tennisverein TB Meerbusch e.V. um eine Wiederaufnahme in den Tennisverband Niederrhein bzw. Tennis Bezirk 3 Düsseldorf. Ausgewiesen wurde unser Verein, obwohl gemeinnützig und Mitglied im LSB, weil er nicht rechtzeitig drei Mannschaften für den Spielbetrieb melden konnte. Wer sich im ambitionierten Tennissport etwas auskennt, weiß, dass es für eine Leistungssportkarriere vor allem auf Erfolge auf nationalen und internationalen Einzelturnieren ankommt und weniger auf die Teilnahme an Teamwettbewerben. Bezirke haben somit einzelne Sportler bzw. Sportlerinnen zu dienen und zu fördern und nicht ausschließlich den Teamwettbewerb.

Verdienten und kommenden Topsportlern der TB Meerbusch e.V. bleibt jedenfalls aktuell jede Tür verschlossen, um über die Mitgliedschaft in einem Sportfachverband an wichtige Fördermittel zu gelangen. Wohin diese stattdessen fließen, bleibt angesichts des teils erschreckenden Zustands des regionalen Tennisnachwuchses ein Geheimnis. Man darf sich also nicht wundern, wenn es mit den Erfolgen unserer jungen Tennistalente weit her ist. Und: in Zeiten von weiterem Mitgliederrückgang sollte doch jeder Tennisbezirk über jeden zusätzlichen Verein froh sein!? In diesem Zusammenhang spricht TB Meerbusch Geschäftsführer Christian Ohm – Jurist & DTB A-Trainer – gar von einem Bruch des § 52 zur Abgabenordnung, wonach grundsätzlich seitens der Verbände/Bezirke keine Ausgrenzungen vorgenommen und diese auch nicht politisch tätig werden dürfen. Interessant daran ist, dass diese Ausgrenzung vor allem leistungsambitionierte Strukturen und Personen erleben. Dieser unerträgliche Zustand steht im übrigen im völligen Widerspruch zum aktuellen Koalitionsvertrag der nordrhein-westfälischen Landesregierung, wonach der Leistungssport ausdrücklich einer erheblichen Förderung bedarf, um die internationale Wettbewerbsfähigkeit sicherzustellen. Im Falle des Tennissports, zumindest am Niederrhein, bleibt dieser Satz leider Schall und Rauch.

Auch mein dritter Fall belegt diese Behauptung: Seit zwei Jahren sind vier von uns organisierte DTB-Jugendranglistenturniere aus der Wertung genommen worden. Die Verantwortlichen des TVN winden sich mit Begründungen oder suchen mehr schlecht als recht nach Vorwänden, genannte Veranstaltungen nicht zu zulassen. Die betroffenen, ambitionierten Kinder und Jugendliche im TVN können also vor der Tür keine wertvollen DTB-Ranglistenpunkten mehr gewinnen, sondern müssen weit reisen, teilweise mehrere hunderte Kilometer, um ein vergleichbares DTB-Ranglistenturnier zu finden. Schnell wird klar, wer mal wieder auf der Verliererseite dieser Verweigerungshaltung des Tennisverbandes Niederrhein steht: die Kinder, Jugendlichen und deren Eltern, eigentlich der gesamte Talent- und Nachwuchsbereich. Wenn der Tennissport eine Trendwende zum aktuell immer noch anhaltenden Mitgliederschwund schaffen und im internationalen Vergleich wieder qualitativ wettbewerbsfähig werden möchte, müssen die Struktur- und Förderrichtlinien dringend überdacht oder konsequent umgesetzt bzw. befolgt werden.

Traurige Gewissheit: Tennisverband bekämpft eigene Leuchtturmprojekte!

Tennis- und Sportpolitik aus dem Hinterzimmer ist Gift für die Sportler. Die beschriebenen Missstände im Tennisverband Niederrhein verhindern jedenfalls zielgerichtete Talentförderung und erfolgreiche Tennissportler und Sportlerinnen aus der Region auf lange Zeit. Ein Weg an die Tennisspitze darf nicht nur Privatinitiativen überlassen werden, sondern dies ist vor allem auch eine Aufgabe der öffentlichen Strukturen und Verbände. Und so lande ich wieder beim TC Bredeney und seinem Damen-Weltranglisten-Tennisturnier. Mit der Lizenzrückgabe wird ein wichtiger Pool und Hot-Spot für das Damen- und Nachwuchsleistungstennis im Niederrhein schmerzlich fehlen. Der andere Tennis-Hotspot im Niederrhein liegt in Meerbusch. Dieser wehrt sich zeitgleich mit allen Kräften gegen das kontraproduktive und leistungsfeindliche Verhalten des eigenen Bezirks und des Verbandes.

Beitragsempfehlung: Lies hierzu auch den Blog von Frank Hofen zum Westfälischen Tennis-Verband sowie das Interview mit Marc-Kevin Goellner zum Tennis-Verband Mittelrhein.

Vielen Dank, Marc Raffel, für diesen Kommentar! Tennisredaktion.de will es wissen: Was ist Eure Meinung zum Thema Nachwuchsförderung in Nordrhein-Westfalen? Schreibt Eure Kommentare bitte an info@tennisredaktion.de. Wir freuen uns auf konstruktive Beiträge und zahlreiche Zuschriften. Bitte aber auch Ross und Reiter nennen.

November 2019 · Photocredit: MaRa