It`s Coco-Time.

Von Christoph Kellermann.

Nun ist es also endlich passiert: das 15-jährige US-Amerikanische Supertalent Cori »Coco« Gauff hat sich den ersten Einzeltitel auf der WTA-Tour geschnappt. Und nichts deutete bei der mit 250.000 US-Dollar dotierten Hallenveranstaltung im oberösterreichischen Linz zunächst auf diesen Coup, verlor Gauff doch bereits in der zweiten Qualirunde sang- und klanglos mit 4:6, 2:6 gegen die Deutsche Tamara Korpatsch. Doch manchmal müssen Dinge eben passieren, wie sie passieren: als die Kolleginnen Sevastova und Sakkari für das Hauptfeld rauszogen, ging es für Gauff als Lucky Loser weiter. Ja, bei allem Talent braucht es auch diese glücklichen Fügungen, um es nach oben zu schaffen. Man muss diese Momente allerdings auch zu nutzen wissen, so, wie es Gauff in Linz tat. Beeindruckend vor allem der Zweisatzerfolg über die topgesetzte Niederländerin Bertens und natürlich der Dreisatzsieg im Finale über die einstige French-Open-Siegerin Ostapenko. Der amerikanische Teenager katapultierte sich mit diesem Turniererfolg in die Top 100, genauer gesagt bis auf Rang 71. Wenn nichts Unvorhergesehenes passiert, ist der Weg vorgezeichnet, zumal ein gewisser Patrick Mouratoglou bereits seinen Erfolgsdaumen drauf hat.

Cori Gauff ist übrigens nicht die allerjüngste Spielerin im Welttennis: ihre Lands»frau« Eleana Yu besitzt mit gerade einmal 14 Jahren ebenfalls schon ein WTA-Ranking (1.152) und neben Gauff gibt es sechs weitere 15-jährige Mädels, die sich anschicken, die Weltrangliste zu rocken. Mit Katrina Scott und Reese Brantmeier im Übrigen zwei weitere US-Amerikanerinnen. In den Top 100 stehen neben Gauff noch acht weitere Spielerinnen, die gerade einmal 20 Jahre oder jünger sind: Potapova (18), Swiatek (18), Anisimova (18), Andreescu (19), Yastremska (19), Rybakina (20), Kenin (20) und Vondrousova (20). Zum Vergleich: das deutsche Tennis ist bei den Damen in den Top 100 mit fünf Spielerinnen vertreten. Klingt erst mal nicht schlecht, aber: Kerber ist 31 Jahre alt, Görges 30, Petkovic 32, Siegemund 31 und Maria 32.

Klar: eine Steffi Graf gibt es wenn überhaupt vielleicht alle 500 Jahre und gesegnete Teenies wie eine Cori Gauff wird es weltweit auch nicht am laufenden Band geben, aber dennoch: die Nachwuchsarbeit des Deutschen Tennis Bundes und seiner Landesverbände wirkt irgendwie wie brotlose Kunst, da können noch zwanzig weitere »Bundestrainer« installiert und 200 weitere offizielle DTB-Stützpunkte eröffnet werden. Die, die es neben (viel zu) vielen Mitstreitern eigentlich richten sollen, wie Dirk Dier oder Jens Gerlach, werden als Interimstrainer für das »alte Eisen« abgestellt und verbrannt und Barbara Rittner, die sich als »Head of Women`s Tennis« federführend um die Zukunft des deutschen Damentennis kümmern soll, kommt abseits der Eurosport-Mikros und privater On-Court-Hundebetreuung nicht über die nicht unrichtige Analyse hinaus, dass das deutsche Tennis ein Nachwuchsproblem habe. Hoffnung auf Besserung? Weit und breit nicht in Sicht.

By the way: was hat eigentlich das viel zitierte »Porsche Junior Team« gebracht? Witthöft, Beck und Pfizenmaier sind längst Tennis-Geschichte und bei Lottner, Gerlach, Schmidt, Rüffer und Hobgarski scheint der Zug vorzeitig abgefahren zu sein. Bleibt das »Porsche Junior Talent Team« mit Middendorf, Gabric, Niemeier, auf der Heide, Guth, Hodzic, Janßen, Müller, Mack, Steur und Schunk. Ich hoffe, ich habe niemanden vergessen. Der DTB sieht sich in Sachen Trainerausbildung und Nachwuchsförderung auf absolutem Weltklasseniveau. Die Beweise aber bleibt der mitgliederstärkste Tennisverband der Welt (!) schuldig. Wenn es von den vorgenannten jungen Mädels (und auch Jungs) jemand wirklich mal nach oben schaffen sollte, dann wohl eher auf Grund von Eigeninitiative oder mit Hilfe der mittlerweile zahlreichen, weltweit erfolgreichen internationalen Tennisakademien. »Mou« lässt grüßen…

Oktober 2019 · Photocredit: Jürgen Hasenkopf