Geschüttelt, nicht gerührt

Rainer Schüttler soll es nun also richten. Angelique Kerber hat die Katze aus dem Sack gelassen, wer mit ihr das letzte noch fehlende Puzzlesteinchen finden soll, nämlich die Grand-Slam-Trophäe im Stade Roland Garros in Paris, um den Karriere-Grand-Slam fix zu machen. Eine absolut logische Personalentscheidung, wenn man das Geflecht des Hordorff-Clans kennt. Zwar verfügt der »Shaker« bislang generell über recht wenig Erfahrung im professionellen Coaching und über Damentennis wird er ebenfalls nicht sonderlich viel wissen, dennoch gebe ich der Kombination Kerber/Schüttler zunächst mal eine reelle Chance. Überhaupt gleichen sich die beiden Protagonisten in vielen Dingen. Kerber ist sehr professionell und diszipliniert, so wie Schüttler es früher als Spieler und auch heute als Funktionär und Turnierchef (ATP Genf) auch war und ist. Kerber hat aus ihren – mit Verlaub gesagt – bescheidenen technischen Fähigkeiten das Maximum herausgegholt und »arbeitet« Tennis. So wie auch Schüttler einst.

Vorhand und Rückhand kann der Korbacher bei der Kielerin auf deren – ebenfalls mit Verlaub gesagt – alte Tage sowieso nicht mehr neu erfinden. Es sind wohl die ganz kleinen Stellschräubchen, an denen er drehen muss. Vielleicht ist es einfach nur die tägliche Ansprache, vielleicht ist es das Schaffen eines positiven Grundklimas. Vielleicht macht er auch gar nichts anders. Vielleicht heißt es am Ende einfach nur: »Geschüttelt, nicht gerührt.« Für Rainer persönlich hoffe ich, dass er sich bei diesem Engagement nicht die Weste verschmutzt. Denn gewisse Restzweifel an dieser neuen Zusammenarbeit bleiben. Kerber ist kein ewiges Talent und Mitläufer wie Ex-Schüttler-Schützling Vasek Pospisil, der sich schon über die Qualifikation bei einem ATP-Event freut und Kerber ist auch nicht wie der alternde und ausrangierte »Buddy« Janko Tipsarevic, der sein Hauptaugenmerk schon seit geraumer Zeit auf die Etappen nach der Tenniskarriere legt. Kerber ist Kerber. Überehrgeizig, verklemmt, mitunter ganz offensichtlich untrainierbar. Sie steht sich oft selbst im Wege, ist launisch und vor allem – ebenfalls mit Verlaub gesagt: sie ist eine Frau. Ich bin gespannt, wie erfolgreich diese Liaison sein kann und vor allem: wie lange sie halten wird. Hierauf hat die dreifache Grand-Slam-Siegerin nicht unerheblichen Einfluss. Ich wünsche diesen beiden »Malochern« jedenfalls nur das Beste und am liebsten den »Coupe Suzanne Lenglen«.

Autor: Christoph Kellermann
Photocredit:
Jürgen Hasenkopf

November 2018 · © Tennisredaktion.de