Generations-Problem

Es ist nicht mehr wegzudiskutieren: wir haben in Tennis-Deutschland ein massives Nachwuchsproblem. Das »Ü30-Team«, welches sich in der vergangenen Woche in Braunschweig beim Fed Cup zweifellos nach Kräften mühte, war nicht in der Lage, dem ambitionierten Weißrussland auch nur annähernd Paroli zu bieten. Im Gegenteil: die deutschen Ladies, gerne auch mit dem Label »Goldene Generation« etikettiert, wurden in eigener Halle beim 0:4 regelrecht vorgeführt und spielen nun einmal mehr um den Klassenerhalt. Nun könnte man sagen: „Wen interessieren die beiden Wettbewerbe Davis Cup und Fed Cup überhaupt noch? Längst haben diese einst so ruhmreichen Mannschaftspokale ihre Strahlkraft verloren. Auf jeden Fall aber decken sie die Generations-Probleme im deutschen Tennis schonungslos auf. Beim Davis Cup wurde jüngst seitens der deutschen Führung der unglaubliche Teamgeist nach vorne geschoben, gegen einen fünftklassigen Gegner wohlgemerkt und inklusive des sportlichen Offenbarungseids des mittlerweile 32-jährigen Philipp Kohlschreiber, der freiwillig partout nicht Platz machen will für die wenigen Jungs, die nachkommen. Völlig unverständlich, dass Teamchef Michael Kohlmann Weltmeister Zverev nicht junge, arrivierte Nachwuchskräfte zur Seite stellen darf.

Bei den Damen hätte Teamchef Jens Gerlach ebenfalls die Chance gehabt, gegen Weißrussland junge Mädchen ins kalte Wasser zu werfen. Stattdessen setzte er erneut auf eine weitere Ü30-Party. Tatjana Maria, Andrea Petkovic, Laura Siegemund & Co. wurden von ambitionierten, jungen und hungrigen Gegnerinnen erwartungsgemäß nach Belieben vernascht. Dass Sabine Lisicki nicht auch noch im Kader war, hat schon fast überrascht. Die wenigen deutschen Mädels aus dem hoch gelobten »Porsche-Nachwuchs-Team« befinden sich in Lauerstellung, treten aber auf der Stelle. Ich frage mich, warum da keine Bewegung rein kommt?! Tamara Korpatsch, Antonia Lottner, Carina Witthöft, Katharina Hobgarski, Lena Rüffer, Katharina Gerlach – alles Spielerinnen der viel versprechenden U23-Generation, deren Ausbildung viel Geld verschlingt – kommen sportlich nicht voran und kriegen irgendwie auch absolut kein Vertrauen geschenkt.

Was genau machen eigentlich Becker und Rittner als »Head of Mens und Womens Tennis«? Anstatt den Nachwuchs und die so genannte »zweite Reihe« bedingungslos zu pushen, hängen sie bei einem Grand Slam zwei Wochen lang pausenlos an ihren Eurosport-Mikros und schwafeln mit einer nicht zu toppenden Impertinenz ihre Dauerfloskeln daher, während im Juniorinnen- und Junioren-Wettbewerb kein (!) einziger DTB-Vertreter zu sehen war. Die Probleme jedenfalls sind allen aber offensichtlich bekannt. So wurde Rittner in Melbourne beispielsweise nicht müde, festzustellen, dass im deutschen Tennis zwischen den aktuellen Spitzenspielerinnen und dem Nachwuchs eine immense Lücke klaffe. Gut erkannt! Jeder Erkenntnis muss aber auch »Action« folgen. Doch was tun die »Heads of Important Tennis-People« wirklich? Und was tun eigentlich die mittlerweile gefühlt 1.000 offiziellen Bundestrainer des Deutschen Tennis Bundes (selbst eine Handvoll Rollstuhlfahrer hat mittlerweile deren vier!), außer ein paar Lehrgänge abzuhalten und alles schön zu reden? Das Generations-Problem des DTB ist hausgemacht. Dass die beiden deutschen Leitfiguren Kerber und Görges in diesen Tagen einmal mehr ihr eigenes Ding durchgezogen haben, anstatt sich die Deutschland-Flagge umzuhängen, ist nebenbei bemerkt genauso ärgerlich. Aber es ist ja nicht so, dass damit nicht zu rechnen war.

Autor: Christoph Kellermann
Photocredit:
Jürgen Hasenkopf

Februar 2019 · © Tennisredaktion.de