Brad Gilbert
© Jürgen Hasenkopf

Userfrage: „Hallo Stephan! Ich weiß, die Frage ist frech, aber vielleicht dennoch erlaubt, da Tennis ja nicht nur ein physisches Spiel ist, sondern vielmehr auch ein psychisches. Wie bringe ich meinen Gegner aus dem Gleichgewicht? Bestimmt gibt es den einen oder anderen fiesen, aber legalen Tipp. PS: Habe von einem Buch gehört, welches sich mit kleinen, fiesen Tricks beschäftigt, kenne aber dessen Titel nicht. Hoffe, Du verweist an dieser Stelle nicht ausschließlich auf die Fairness?“

Hi Keno, saucoole Frage!

Nun, vorneweg zu dem Buch, welches Du angesprochen hast: sicherlich meinst Du »Winning ugly« von Brad Gilbert… und das Werk ist in meinen Augen ein »MUST-READ« für jeden Tennisspieler, der ein paar Psycho-Tricks in sein Spiel einbauen möchte. Hier nun ein paar kleine Spielereien aus meiner Trickkiste…

Spielfluss beschleunigen oder verschleppen – Jeder Spieler hat seinen eigenen Rhythmus, wie er sich zwischen den Punkten oder bei den Seitenwechseln neu sortiert. Störe den Gegner, indem Du seinen Spielfluss sabotierst. Zum Beispiel lange Pause mit Ballprellen bis Du aufschlägst (Djokovic macht das oft!), beim Return vielleicht nochmals kurz umdrehen und Saiten zurecht zupfen – mit Absicht – gerade bei Big-Points beim Aufschlag den Ball vor dem Zuschlagen nochmal fangen, entschuldigen, neu starten, gerne auch ein zweites oder drittes Mal. Bälle, die im Feld liegen, bewusst langsam einsammeln, Schnürsenkel binden oder Handtuch von der Bank holen, etc. Alles kleine fiese, aber legale Tricks, um den »Flow« des Gegners zu sabotieren. Da wir in der Regel auch ohne Schiedsrichter spielen, musst Du nicht befürchten, eine Verwarnung wegen Zeitüberschreitung zu kassieren.

Wenn Du gerne redest, kannst Du Deinem Gegner – zum Beispiel beim Seitenwechsel – auch gerne nette Komplimente machen. Trifft er zum Beispiel gerade seine Vorhand richtig gut, so sage ihm ganz nett: „Wow, was für eine tolle Vorhand! Man weiß wirklich nicht, wo Du diesen Schlag herzauberst!“ Was passiert? In der Regel beginnt Dein Gegner über seinen Schlag nachzudenken und wir wissen beide: das ist nicht gut für ihn! Er verliert seinen natürlichen Groove. Oder er beginnt noch mehr Power zu machen und tendiert zum Überpowern – auch nicht gut für ihn. Auch ’ne kleine Pinkelpause, gerade dann, wenn’s beim Gegner richtig gut läuft, ist immer gut. Der »Flow« wird unterbrochen, der Gegner wird zur Untätigkeit gezwungen und beginnt in der Regel nachzudenken. Gerade, wenn Du einen Satz verloren hast, ist dieser Break immer ganz gut… auch wenn Du gar nicht pinkeln musst…

Auch Positionswechsel beim Return wirken in der Regel gegen gute Aufschläger exzellent. Einfach mal die Vorhand-Seite richtig breit aufmachen, vielleicht auch mal fünf Meter hinter der Grundlinie oder drei Meter vor der Grundlinie stehen. Das verändert die optische Wahrnehmung für Deinen Gegner und vielleicht regt er sich auch ein bisschen über Deine Positionswechsel auf. So lieber Keno, viel Spaß mit »Winning ugly« und ich hoffe, ich bekomme jetzt nicht Hass-Mails von Leuten, die Du mit diesen Tricks konfrontierst…

Stephan Medem

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Stephan Medem war einst ATP-Weltranglistenspieler und langjähriger Coach auf der WTA-Tour, unter anderem von Barbara Rittner und Karina Habsudova. Viele Jahre spielte er sehr erfolgreich in der deutschen Tennis-Bundesliga, heute ist er nicht minder erfolgreich als Trainer, Speaker und Bestseller-Autor unterwegs. Zu seinen aktiven Zeiten war »Steph« übrigens Sparringspartner von nahezu allen Tennisgrößen, bis hin in die Top-Ten. Als Experte der allerersten Stunde steht »Steph« den Usern auf »Tennisredaktion.de« als Fachmann für »Mentales« zur Verfügung und ist darüber hinaus ein perfekter Ratgeber in Elternfragen.

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