Erfahrung siegt

War das letzte Grand-Slam-Finale bei den US Open zwischen Thiem und Zverev eine emotionale Achterbahn der Gefühle, zeigte das diesjährige Endspiel der Australian Open wie dominant ein Spieler mit entsprechender Erfahrung agieren kann.

Vor dem Finale war die Favoritenrolle nicht eindeutig geklärt, da man einerseits von Medvedev aufgrund seiner Siegesserie und dem damit verbundenen Selbstvertrauen eine starke Leistung erwarten konnte, andererseits Djokovic in AO-Finals bis dato noch ungeschlagen war. Für mich persönlich war vor dem Finale der Russe der Favorit, da vor allem die Verletzung und die damit schwer einzuschätzende körperliche Verfassung des Serben, die das Fundament seines Spiels bildet, eine große Unbekannte war. Denn eines war vor dem Finale aufgrund der Spielcharakteristik der beiden Finalisten zu erwarten, nämlich längere und damit physisch anspruchsvolle Ballwechsel.

Toni Witz
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Doch Djokovic sollte einmal mehr viele Zweifler eines Besseren belehren. Von Beginn an war er der Chef am Platz und ließ keinen Zweifel aufkommen, dass er einen klaren Plan vor Augen hatte, nämlich den Russen mit kontrollierter Aggressivität unter Druck zu setzen und ihn noch mehr, als dieser in seinen letzten Matches gewohnt war, in die Defensive zu drängen. Ein Matchplan, der sich zwar vor dem Match vermuten ließ, vor allem weil Djokovic wegen des deutlich an Effizienz verbesserten Aufschlags (über 100 Asse vor dem Finale – so viele wie nie zuvor!) auch die Grundlage schuf, dessen in der Lage zu sein, doch derart konstant und nahezu fehlerfrei außerhalb seiner »Komfortzone« agieren zu können, war beeindruckend und zeigte einmal mehr, warum er der derzeit beste Spieler der Welt ist.

Das diese Leistung aber auch erwartet werden konnte, liegt an einem wesentlichem »leistungsbestimmenden« Faktor, dem sich viele SpielerInnen, Coaches und ExpertInnen bewusst sind, nämlich der Erfahrung. Bei Djokovic hatte man schon in der Vorbereitung beim Warm-up (im Verlauf der Übertragung zu sehen) das Gefühl, dass er sich geistig auf das Finale eingestellt hatte und ihm ob seiner unzähligen Grand-Slam-Finals klar bewusst war, was auf ihn zukommen wird und wie er sich in bestimmten Momenten zu verhalten hat. Im Verlauf des Finales gab der Serbe einem das Gefühl, zu jedem Zeitpunkt »Herr der Lage« zu sein, weil er für jede Situation, für jedes taktische Mittel des Gegners, eine Lösung parat zu haben schien und dadurch ein entsprechendes Selbstvertrauen und Präsenz auf dem Platz ausstrahlte, die letztendlich großen Einfluss auf den eindeutigen finalen Ausgang hatte. Bei Medvedev hatte man gegen Ende des zweiten und im kompletten dritten Satz das Gefühl, hilflos zu sein und nicht zu wissen, wie er sich aus der »Umklammerung« befreien kann.

So schwer diese Niederlage für Medvedev zu verarbeiten sein wird, ist sie eine absolute Notwendigkeit um als Tennisprofi wachsen zu können und für kommende Finals besser gewappnet zu sein. Denn dann ist er womöglich der Spieler, der aufgrund seiner Erfahrungen und den daraus gezogenen Lehren seinen ersten Grand-Slam-Titel feiern kann. Ich bin überzeugt davon, dass ihm das gelingen wird!

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