Großes Doppel-Interview

Von Christoph Kellermann.

Eine äußerst positive Resonanz haben die beiden Initiatoren des in Basel stattfindenden Kindertennis-Workshops »COACH THE COACHES«, Reimar Bezzenberger und Kai Gerber, in den ersten beiden Jahren der Ausrichtung erfahren. Grund genug, das international ausgelegte »Come-Together« in diesem Jahr zum dritten Male zu präsentieren. Parallel zum ATP-Heimturnier von Roger Federer, den SWISS INDOORS, kommen in Basel am 30. Oktober und 1. November 2020 wieder zahlreiche international renommierte Referenten und jede Menge wissenshungrige Coaches aus aller Herren Länder angereist, um sich auf dem Gebiet des Kinder- und Jugendtennis professionell fortzubilden.

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Als offizieller Medienpartner wird unser Internetportal »Tennisredaktion.de« die innovativen Initiatoren dabei unterstützen, bis zu 100 interessierte Tennistrainer an besagtem Wochenende über den Rand des Ballkorbs hinaus schauen zu lassen. Doch bevor das sicher wieder spannende und bewusst praxisbezogene Kindertennis-Wochenende in Aesch/Basel auf die Reise geht, ist es noch ein wenig hin. Wir haben die Kollegen Bezzenberger und Gerber derweil zum Doppelinterview gebeten. Viel Spaß beim Lesen und: „See You in Basel!”

Reimar Bezzenberger, studierter Sportwissenschaftler und Magister Artium an der Technischen Universität Darmstadt, ist als absoluter Experte auf dem Gebiet des Kinder- und Jugendtennis einer der Initiatoren des »International Workshops Kids Tennis COACH THE COACHES«

Tennisredaktion.de: Hallo Kai, hallo Reimar! In diesen Tagen ist Meldestart für »COACH THE COACHES«, Eurem nun bereits dritten Workshop in Sachen Kindertennis, der einmal mehr in Basel stattfinden wird. Erste Frage: Warum Basel? Gibt es für die Wahl dieser Location einen besonderen Grund?

Reimar Bezzenberger: Im März 2018 fand der erste Workshop in der Trainingsstätte der »ATP SWISS INDOORS« in einem kleinen, aber feinen Rahmen statt. Die Tennisschule »proteam tennis & more« hat ihren Sitz in Basel. Die Location ist für unser Image wichtig und hat sich von Beginn an sehr bewährt. Die Räumlichkeiten und der Termin hier vor Ort verbinden den dort stattfindenden Leistungssport und das von uns beworbene Kindertennis in idealer Weise. Überlegungen, mal einen Standortwechsel vorzunehmen, erübrigen sich, denn was gibt es Schöneres, als beim Heimturnier von Roger Federer interessierte Trainer für die vielseitigen Aspekte des Kindertennis zu sensibilisieren?!

Kai Gerber, A-Lizenz Trainer des Deutschen Tennis Bundes und Betreiber der Tennisschule »pro team tennis & more« im schweizerischen Münchenstein, ist einer der Initiatoren des »International Workshops Kids Tennis COACH THE COACHES«

Tennisredaktion.de: Kai, Euer Workshop ist auch in diesem Jahr wieder mit internationalen Referenten der Extraklasse gespickt. Ihr werdet Eurem Motto »weit über den Ballkorbrand hinaus zu schauen« mehr als gerecht. Inwiefern unterscheidet sich die internationale Trainingsarbeit mit Kindern im Vergleich zu der hier in Deutschland?

Kai Gerber: Unser Motto lautete von Beginn an: »Kinder spielend spielfähig machen«. Bei der Auswahl unserer internationalen Referenten setzen wir ganz bewusst auf unterschiedliche methodische Ansätze der Tennis-Spiel-Vermittlung. Der Spielgedanke bei Kindern sollte unserer Meinung nach viel mehr spielerisch erfolgen und durch Übungs- und Spielformen gefördert werden, die sich durch einen hohen Aufforderungscharakter auszeichnen. Tennis muss bei Kindern frühzeitig als Sportspiel beworben werden. Nur so ist es möglich, eine breite Basis zu legen. Erst das macht den leistungsorientierten Sport ja erst möglich! Wir wollen unseren Workshopteilnehmern keine monotonen Technik-Lektionen in Form von Frontalbeschallung aufzeigen, sondern die Sportart Tennis als einen »großen Abenteuerspielplatz für Kinder« aufzeigen…

Tennisredaktion.de: Welche wesentlichen Grundlagen können im Kinder- und Jugendtennis bereits im frühesten Kindesalter für eine spätere Laufbahn gelegt werden? Und an Kinder ab welchem Alter richten sich Eure Inhalte?

Reimar Bezzenberger: Wir haben uns ganz bewusst dafür entschieden, 3-jährigen Kindern ab der Lernstufe „weiß“ spielerische Lerninhalte aufzuzeigen. Nach dem bekannten Motto »Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr«, brauchen wir alters- und kindgerechte Bewegungsangebote für Kleinkinder ab drei Jahren. Es gilt, das Motorik-ABC bei Kindern auszubilden und deren natürlichen Spielgedanken zu nutzen, um die ersten Schritte zum großen Tennis bewältigen zu können. Der Einstieg in die komplexe Sportart Tennis mit Hilfe von Lernbausteinen, sprich: »Tennis mit Legosteinen«, ist ungewöhnlich, zeigt aber, wie vielfältig das Erlernen von Tennis für Kinder sein kann. Ziel muss es sein, die koordinativen Grundlagen frühzeitig zu legen. Ohne diese werden zukünftige Lernfortschritte nur mit größten Mühen möglich sein.

Tennisredaktion.de: Einen Workshop für innovatives Kinder- und Jugendtraining gibt es in Deutschland meines Wissens noch nicht. Ist nach dem großartigem Zuspruch bei Euren ersten beiden Eventausgaben seitens des Deutschen Tennis Bundes oder seitens der zahlreichen Landesverbände schon wer auf Euch zugegangen? Dieses hoch interessante und wichtige Thema sollte man doch auch nach Deutschland holen?!

Kai Gerber: Wir haben uns im letzten Jahr sehr über den Besuch mehrere Verbandsvertreter in Basel gefreut. Deren durchweg positiven Rückmeldungen haben uns gezeigt, dass es großes Interesse gibt, das Thema »Kindertennis« neu zu positionieren. Wir haben uns auch sehr über die Wertschätzung des Badischen Tennis-Verbandes gefreut, der für seinen Geltungsbereich die Teilnahme an unserem Workshop als C-Trainer-Fortbildung anerkannt hat. Wir verschließen uns nicht und sind zu allen Seiten immer gesprächsbereit und offen – auch für inhaltlich fundierte Kooperationen. Es gilt, Fachwissen zu bündeln und für die Sache gemeinsam etwas zu bewirken.

Reimar Bezzenberger: Mitte April werden wir übrigens den ersten »Mini-Kids-Tennis-Workshop« auf der Clubanlage des TC Leutershausen in der Nähe von Heidelberg durchführen. Mit dabei sind Martin Rocca und Koen Vercauteren. Wir wollen uns schrittweise weiter entwickeln. Dies zeigen uns auch die positiven Rückmeldungen unserer bisherigen Kooperationspartner. Man darf nicht vergessen: wir verfügen über keine Managementagentur oder dergleichen, welche alle organisatorischen Dinge übernimmt. Vielmehr liegt die gesamte Planung in den Händen von wenigen Personen, die sich allesamt in erster Linie um ihren Hauptberuf kümmern müssen…

Tennisredaktion.de: Play+Stay spielt bei Euch eine wesentliche Rolle. Dieses Konzept gibt es nun bereits seit 2007. Wie hat sich Play+Stay weiterentwickelt? Wie man den Inhalten Eurer Workshps entnehmen kann, habt Ihr den klassischen Play+Stay-Levelfarben rot, orange und grün noch die Farben weiß, blau und gelb hinzugefügt. Erzählt uns mehr darüber…

Reimar Bezzenberger: Seit der ersten Ausgabe der Fachzeitschrift »Tennistraining Junior« im Jahr 2012 wird die Altersstufe »blau« thematisiert. Aus vielseitigen Erfahrungen und Rückmeldungen ist die Lernstufe »rot« für Spielanfänger deutlich zu schwierig und die Lernstufe »blau« ist erst am Ende des Kindergartenalters praktikabel. Das Hauptproblem liegt darin, dass Kinder große Schwierigkeiten haben, allgemeinmotorische Bewegungen wie das Werfen und Fangen auszuführen. Diese Defizite müssen somit in der Vorstufe geschult werden. 2018 wurde aus diesem Grund von Mitorganisator Willi Brunert in Fortbildungen, die in Kindergärten und Grundschulen durchgeführt wurden, die Altersstufe »weiß« eingeführt. Hierbei sollen Kinder ab drei Jahren langsam vom rollenden Ball zum Schlagen eines zugerollten Balls herangeführt werden. Die Sportart Tennis benötigt für diese Altersstufe ein Konzept, welches anderen Sportarten, die im Gegensatz zur Sportart Tennis schon eher auf die Kinder in Kitas zugreifen, entgegengesetzt werden kann.

Tennisredaktion.de: Wenn ich persönlich in der Vergangenheit eine Fortbildung oder einen Workshop besucht habe, dann erhoffte ich mir immer etwas Esprit für neue Übungen, um sie am liebsten gleich bei nächster Gelegenheit in mein Training einzubauen. Leider wurde ich fast immer enttäuscht. Was würde ich als Teilnehmer bei »COACH THE COACHES« mit nach Hause nehmen?! Allein Eure Eventbezeichnung verspricht ja schon ein hohes Maß an Hilfestellung…

Kai Gerber: Wie bereits gesagt: unsere Zielsetzung war es von Beginn an, keine »Frontalbeschallung« für die Teilnehmer zu bieten. Nicht der Referent steht im Mittelpunkt seines Vortrages, sondern dessen praktische Inhalte, die bei »COACH THE COACHES« immer einen einen sehr hohen Praxisanteil haben. Workshops dieser Art findet man für die Sportart Tennis im deutschsprachigen Raum sehr selten. Der Bedarf an der Vermittlung von praxisrelevanten Inhalten ist aber immens. Die anwesenden Coaches sollen Übungs- und Spielformen aufgezeigt bekommen, die sie mit großer Motivation in der Praxis umsetzen können. Nach Abschluss unseres Workshops kann jeder Trainer mit Sicherheit Spiele und Übungen »mit nach Hause« nehmen und diese mit geringem Materialaufwand in seine eigenen Unterrichtsstunden integrieren. Die meisten Übungen haben darüber hinaus unzählige Variationsmöglichkeiten. Außerdem bekommt man vielfältige Anregungen für neue Spielsituationen, wie zum Beispiel die »Tennis-Torfabrik«, die sich in allen Altersstufen von »weiß« bis »grün« einsetzen lässt.

Tennisredaktion.de: Auf was dürfen sich die Teilnehmer Eures 3. Workshops »COACH THE COACHES« in diesem Jahr besonders freuen?

Reimar Bezzenberger: Die Teilnehmer dürfen sich auf einige innovative Neuerungen freuen. Wir haben kleinere Modifikationen vorgenommen und neue Partner gewonnen, ohne hierbei zwingend selbst aktiv zu werden. So werden wir wieder einen roten Faden bei der chronologischen Abfolge der Vorträge haben und mit der Lernstufe »weiß« beginnen. Zum ersten Mal blicken wir hierbei auf den Aspekt »Großgruppentraining«, der bis jetzt mächtig unterrepräsentiert ist. Darüber hinaus wird es bereits am 29. Oktober, also am Vortag des eigentlichen Workshops, eine Sonderveranstaltung mit dem belgischen Athletikexperten Ruben Neyens geben. Veranstaltungs-Highlights sind sicherlich die beiden internationalen Topreferenten Mike Barell aus Großbritannien und Juan Antonio Sala aus Spanien.

Kai Gerber: Außerdem wird es am Abend des ersten Workshoptages für alle Teilnehmer ein gemeinsames »Meet and Greet« mit allen Referenten zum persönlichen Erfahrungsaustausch geben. Wir möchten die Teilnehmer ganz bewusst animieren, Fachwissen weiterzugeben, um so auf direktem Wege voneinander zu profitieren. Die Netzwerkbildung über die Landesgrenzen und über den viel zitierten Ballkorbrand hinaus ist uns ganz besonders wichtig.

Tennisredaktion.de: Was hat Euch überhaupt motiviert, einen solchen Workshop auf die Beine zu stellen und nun sukzessive auszubauen und weiterzuentwickeln? Ist es der ganz persönliche Antrieb oder das offensichtlich sehr positive Feedback, welches Ihr in den vergangenen zwei Jahren erhalten habt? Oder eine Mischung aus beidem?

Reimar Bezzenberger: Ein gemeinsames Treffen der drei Hauptorganisatoren mit anderen Kindertennisexperten im Jahr 2018 in der Nähe von Freiburg war wohl die Initialzündung, einen Worlshop wie »COACH THE COACHES« ins Leben zu rufen. Mangels guter Konzepte in den Altersstufen »weiß« und »blau« wurde die Sportart Tennis für Spielanfänger als zu schwierig angesehen…

Kai Gerber: Ganz genau! Reines Ballwagentraining kann in diesen Stufen nicht zum Erfolg führen. Somit ist es unser gemeinsames Ziel, Wissen zu transferieren und Tennis für Kinder als eine motivierende Sportart wirklich »erlebbar« zu machen.

Tennisredaktion.de: Mit wie vielen Teilnehmern rechnet Ihr in 2020? Ich hoffe, es gibt eine Obergrenze, denn ich kenne viele Trainerkollegen, die enttäuscht vom DTB-Kongress aus Berlin zurückkehrten, wo knapp 800 Teilnehmer die ganze Veranstaltung sehr unpersönlich haben werden lassen. Schließlich wollte man dort etwas lernen, was inmitten unzähliger Tennistouristen, die einmal Boris Becker aus der Nähe sehen wollten, wohl recht schwierig war…  

Reimar Bezzenberger: 2018 haben wir mit 35 Teilnehmern im kleinen, familiären Kreis begonnen. Ein Jahr später kamen bereits 75 Trainerkollegen nach Basel. Wenn wir die Teilnehmerzahl jedes Jahr ein klein wenig steigern können, sind wir auf dem richtigen Weg. Bei einer Teilnehmerzahl von plus-minus 100 ist das Ziel 2020 erreicht.

Kai Gerber: So sehr wir uns auch über wachsendes Interesse freuen: wir wollen auf gar keinen Fall zu einer Großveranstaltung mutieren! Dann verlassen wir den angestrebten persönlichen Rahmen. Uns ist der Austausch untereinander sehr viel wichtiger, als Rekordzahlen zu vermelden. Unsere Referenten zeichnen sich dadurch aus, dass nicht sie persönlich im Mittelpunkt des Interesses stehen, sondern deren Inhalte. Vor Ort selbst werden wir in diesem Jahr eine Art »Markplatz der Begegnung« kreieren, wo sich Kollegen austauschen und mit den Referenten direkt in Kontakt treten können.

ⓣ  »Coach the Coaches«

Februar 2020 · Photocredit: COACH THE COACHES