Soft Skills
© Herbert Schnaubelt

Nehmen wir einmal an, zwei Tennislehrer haben exakt die gleiche Ausbildung durchlaufen. Sie haben beide dieselben Kurse besucht, dasselbe Unterrichtsmaterial erhalten, dieselben Worte gehört, dieselben Ausbilder gehabt. Nach Abschluss ihrer Ausbildung und bestandener Prüfung mit nahezu identischem Ergebnis beginnen beide in zwei ähnlich großen Strukturen in der gleichen Region zu arbeiten.

Einer der beiden, nennen wir ihn/sie der Einfachheit halber »S« hat binnen kürzester Zeit großen Erfolg. »S« hat nicht nur auf Anhieb die Altmitglieder des Clubs gewinnen können, sondern hat auch über Mund-zu-Mund-Propaganda bereits zahlreiche Neueinsteiger ins Tennis generieren können.

Sein Kollege, nennen wir ihn der Einfachheit halber »H« hat sich in seiner Struktur trotz gleicher Ausbildung und Fachkenntnisse deutlich schwerer getan. Die Anzahl der Trainerstunden ist sogar in kurzer Zeit leicht rückläufig geworden, die Mitglieder beginnen über »H« zu reden und der Vorstand beginnt nervös zu werden.

Was ist hier passiert? Beide sind fachlich gut qualifiziert und spielen ordentliches Tennis. Weshalb hat »S« solchen Erfolg und »H« trotz der gleichen Ausbildungsvita nicht in gleichem Maße? Was macht den Unterschied, der den Unterschied macht und zu mehr Erfolg und zu größerer Zufriedenheit im Beruf führt?

»Hard Skills«

»Hard Skills« sind für mich die unerlässlichen fachlichen und tennisspezifischen Kompetenzen, die ein Tennislehrer/-trainer haben muss. Jeder, der den Beruf des Tennislehrers anstrebt, sollte eine offiziell anerkannte Ausbildung des nationalen Tennisverbandes absolvieren und mit Erfolg abschließen. Die in den offiziellen Ausbildungen enthaltenen Inhalte garantieren die im Folgenden angeführten Kompetenzen:

  • offiziell anerkannte Ausbildung und Fachwissen
  • Demonstrationsfähigkeit
  • Technikentwicklung
  • Schlaganalyse und -optimierung
  • Taktik-/Spielentwicklung
  • Zuspielfähigkeit
  • Effektive Übungs-/Trainingsformen
  • Organisation von Gruppen
  • Planung – Programmierung – Leistungssteuerung

Auf jeden Fall ist klar: die tennisspezifischen »Hard Skills« sind alternativlos! Wer diese nicht beherrscht, sollte sich für einen anderen Beruf entscheiden. In unserem anfangs erwähnten Beispiel waren die »Hard Skills« in beiden Fällen zweifelsfrei gegeben. Was hat also zum größeren Erfolg von »S« beigetragen?

»Soft Skills«

Unter »Soft Skills« verstehe ich in erster Linie die kommunikativen Fähigkeiten und Kompetenzen eins Menschen. Kommunikation ist ein Zyklus, an dem mindestens zwei Menschen beteiligt sind. Eine Kommunikation, ein äußeres Verhalten von Person A löst in Person B eine innere Reaktion aus, die wiederum zu einem äußeren Verhalten führt.
Kommunikation findet mit Worten, der Stimmqualität und dem Körper statt. Körperhaltung, Gestik, Mimik.

Wenn Kommunikation = 100%, dann…

  • Körpersprache = 55% (Körperhaltung, Gestik, Blickkontakt)
  • Stimme = 38% (Klang, Lautstärke, Modulation)
  • Worte = 7% (Inhalt der Botschaft)*

*Quelle: Mehrabian/Ferrus: „Inference of Attitudes from Nonverbal Communication in Two Channels! in The Journal of Counseling Psychology 31, S. 248-252, 1967

Professionelles Verhalten

Nehmen wir diese Studie als gegeben an, so ergeben sich hier für einen Tennisunterrichtenden echte Herausforderungen. Sie sind unter ständiger Beobachtung ihrer Kunden, der Eltern von Kindern und Jugendlichen und des Vorstandes. Ein professionelles Auftreten und Verhalten wird von all jenen sowohl »on Court« als auch »off Court« erwartet. Offene Tennisschuhe auf dem Platz, ein ungepflegter Overgrip, ein vom Supermarkt vom Himmel gefallener Ballwagen sind genauso undenkbar, wie die Benutzung des Handys während einer Trainingssession. All’ diese Aspekte sind eine Erweiterung zur Körpersprache (siehe oben). Im weitesten Sinne hat ein Tennislehrer eine Vorbildfunktion hinsichtlich der Professionalität für alle seine Kunden, die Clubmitglieder und den Vorstand.

Kundenwissen & Kommunikation

Was nützt mir aber die beste Ausbildung, das grösste Fachwissen, wenn ich es nicht mittels einer kundenadäquaten Kommunikation vermitteln kann? Die Herausforderungen für einen Tennisunterrichtenden sind hier groß. Wenn wir von einem »normalen« Club- oder Vereinstrainer ausgehen, so hat er/sie es mit Kindern, jugendlichen Freizeit- und Leistungsspielern, Erwachsenen und Senioren zu tun. Jede dieser Zielgruppen verlangt eine andere Art der Kommunikation. Will ein Trainer erfolgreich sein, so muss er wissen, was die jeweilige Zielgruppe will und was sie nicht will. Die Kenntnis dieser Faktoren gibt ihm/ihr die Möglichkeit, in Konsequenz das Verhalten anzupassen.

Hier erlaube ich mir eine Frage: Sind die Ausbildungen der nationalen Verbände nur fachspezifisch oder sind sie auch berufstauglich? Meiner Erfahrung nach sind die Ausbildungen der meisten nationalen Verbände auf sehr hohem Niveau und auch vergleichbar. Im Berufsbild des Tennislehrers haben wir es jedoch auch mit einem »Human Business« zu tun, das heißt, ich muss die Botschaft zielgruppengerecht vermitteln können.

Die «Professional Tennis Registry« (PTR) bietet verschiedene Spezialisierungen für Tennisunterrichtende an: Tennis 10 & Under, Tennis 11-17 (jugendliche Freizeitspieler), Performance (jugendliche Leistungsspieler), Erwachsenen- und Seniorentennis. In ihren Workshops werden die notwendigen Informationen über die Bedürfnisse und Wünsche der jeweiligen Zielgruppen vermittelt und deren Befriedigung geschult. Dies stellt für mich eine optimale Ergänzung zu den nationalen Ausbildungen dar.

Konklusion

Ohne »Hard Skills« geht gar nichts. Meiner Ansicht und Erfahrung nach sind es die »Soft Skills«, die den Unterschied machen. Wie werde ich als Mensch wahrgenommen? Die Feedbacks, die ein Tennisunterrichtender erhält, beziehen sich fast ausschließlich darauf, wie er mit den Menschen umgeht, die ihm vertrauen, wie seine Charakterqualitäten sind und in wie weit er ein Vorbild ist – nicht ob und wie er einen Topspin beigebracht hat. Spieler erinnern sich nicht an Techniken, Drills oder Unterrichtsphilosophien. Sie erinnern sich an Coaches und daran, wie diese Coaches sie als Person behandelt haben und welchen Einfluss sie auf ihr Leben hatten!

Herbert Schnaubelt

Herbert Schnaubelt, verantwortlicher Leiter für Professional Tennis Registry (PTR) in Deutschland, Österreich und der Schweiz, staatlich geprüfter Tennislehrer (TU München), PTR Professional 5A, PTR International Workshop Leader und Tester sowie darüber hinaus auch »Character Coach« hat sich auf das professionelle Verhalten und die Rolle des Tennislehrers spezialisiert. Er steht allen Lesern und Freunden von »Tennisredaktion.de« Rede und Antwort, wenn es um die Professionalität von Coaches und Tennislehrern auf und abseits des Platzes geht…

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