Die drei Probleme…

Von Christoph Kellermann.

Also eins kann man der Familie Reichel nun wirklich nicht nachsagen: dass sie sich etwa nicht bemühen würden, das seit einer gefühlten Ewigkeit taumelnde ATP-500er-Turnier am Hamburger Rothenbaum aus den Seilen zu bekommen. Was sie aber auch feststellen: Tennislegende Michael Stich in der Turnierdirektion zu toppen, ist gar nicht ainfach.

Die marode Tennisanlage in Deutschlands mutmaßlich attraktivster Großstadt optisch ein wenig auf Vordermann zu bringen ist die eine Sache. Hier kann man ad hoc natürlich eine Menge machen und vermutlich hätte hierzu auch RTL-Dekoexpertin Tine Wittler gereicht, frei nach dem Motto »Einsatz in vier Wänden«: Pinsel und Farbeimer raus, ein paar bunte Sitzhussen, ein wenig Zickzackgekritzel als neues Turnierlogo und schon kommt ein in die Jahre gekommenes Tennisevent ein bisschen flotter daher. Hier haben die Reichels ihre Hausaufgaben gemacht. Auch die weltweit einmalige Dachkonstruktion blitzt wieder, der Schmutz der vergangenen Jahrzehnte wurde eliminiert. So weit, so gut.

Dass der Austragungstermin unmittelbar nach Wimbledon und vor Beginn der Hartplatzsaison für ein Sandplatzturnier ein denkbar beschissener ist, das lässt sich hingegen nicht schön reden. Da könnten die Reichels auch ein komplett neues Stadion bauen: die echten Zugpferde des Tennissports werden unter diesen Voraussetzungen immer einen großen Boden um den Rothenbaum machen. Das ist für ein »500er« – noch dazu in der Weltstadt Hamburg – extrem schade, aber aus Spielersicht verständlich. Und da wären wir dann auch schon beim nächsten großen Problem für die Reichels: die Zuschauer. Gestern fand (inklusive der Quali) bereits der sechste Turniertag statt und die Zuschauerränge blieben trotz nach wie vor großflächig abgehängter Ränge bislang megaschlecht gefüllt. Das mag natürlich auch am Wetter liegen. Bei Temperaturen um die 40 Grad willst Du als Fan nicht über Stunden hinweg auf der Tribüne bruzzeln, erst Recht nicht, um bei High-Noon-Matches wie Klizan versus Krajinovic dabei zu sein. Die Jungs spielen natürlich alle eine richtig gute Kugel, aber: der Tennisfan ist verwöhnt. Er will echte Stars sehen.

Da die »Fab Three« für die Reichels weder zu begeistern, geschweige denn zu bezahlen sind und sich aus nationaler Sicht nach Zverev und mit Abstrichen Struff irgendwie absolut nichts anbietet, konnten die Reichels dank »Everybody`s Darling« Thiem, Lokalmatador Zverev und »Bad Boy« Fognini zumindest für dieses Jahr auf eine kleine Rettungsinsel springen. Hoffentlich stolpern Thiem und Zverev nicht vorzeitig. Einen potenten Titelsponsoren wirst Du aber mit diesem 32er-Feld, praktisch Null ÖR-TV-Präsenz und dem mageren Zuschauerinteresse ganz sicher nicht generieren können. Stadion, Zeitpunkt, Teilnehmerfeld. Otto würde sagen: „Da waren sie wieder, meine drei Probleme…”

Juli 2019 · Photocredit: Tennisredaktion.de