Des Trainers Spielstärke

Nick Bollettieri
© Hasenkopf

Fra­ge an Thas­si­lo Haun: Hal­lo Thas­si­lo! Ich bin seit zwei Jah­ren Jugend­wart in unse­rem Club und ste­he nun vor der Auf­ga­be, einen neu­en Trai­ner zu ver­pflich­ten. Die­ser Trai­ner soll sich um den kom­plet­ten Jugend­be­reich sowie um das gesam­te Mann­schafts­trai­ning küm­mern. So weit, so gut. Unser Vor­sit­zen­der hat mir hier­bei aller­dings die fast unlös­ba­re Vor­ga­be erteilt, dass unser poten­ti­el­ler neu­er Trai­ner auch ein exzel­len­ter Spie­ler sein soll. Und mit exzel­lent meint er wirk­lich außer­ge­wöhn­lich. Denn, so unser Vor­sit­zen­der, nur wer ein exzel­len­ter Spie­ler war oder ist, kann auch ein guter Trai­ner sein. Mir per­sön­lich wird es kaum gelin­gen, einen sol­chen Top­spie­ler für unse­ren klei­nen Club (knapp 400 Mit­glie­der) zu gewin­nen. Ich per­sön­lich hal­te die Aus­sa­ge unse­res Vor­sit­zen­den auch für ziem­lich gewagt. Wie ste­hen Sie zur Kor­re­la­ti­on Spie­ler-Trai­ner im Ver­eins­sport und wie kann ich die­se Aus­sa­ge widerlegen?

Thassilo Haun
© HAUN | COACHING

Thas­si­lo Haun: Hal­lo Lars! Vie­len Dank für Dei­ne Nach­richt! Wie Du Dir vor­stel­len kannst, begeg­nen mir sol­che Aus­sa­gen von Vor­sit­zen­den seit den »90er-Jah­ren«. Soso, nur ehe­ma­li­ge »exzel­len­te« Spie­ler kön­nen also gute Trai­ner sein. Inter­es­sant. Wenn dem so wäre, so hät­ten wir in den letz­ten Jahr­zehn­ten vie­les nicht gese­hen, was uns spor­tart­über­grei­fend begeis­tert hat. Hier mal drei in den Augen Dei­nes Vor­sit­zen­den nicht wirk­lich exzel­len­te Spie­ler, die als Trai­ner das Gegen­teil bewie­sen und das Maxi­ma­le erreicht haben:

Jür­gen Klopp — In sei­ner akti­ven Zeit spiel­te er für sei­ne Main­zer genau 325 mal und dies aus­schließ­lich in der 2. Bun­des­li­ga. Einen gro­ßen Titel als Spie­ler sucht man ver­ge­bens. Wie kann es sein, dass ein Spie­ler, der über die 2. Bun­des­li­ga nie hin­aus­kam, dann bei Dort­mund erfolg­reich den Genera­tio­nen­wech­sel schaff­te und mit dem FC Liver­pool nicht nur die Pre­mier­league, son­dern auch noch die Cham­pions­league gewann? Wäre »Dein« Vor­sit­zen­der der Vor­sit­zen­de bei Borus­sia Dort­mund oder beim FC Liver­pool gewe­sen, hät­te er sich also gegen Klop­po ent­schei­den müs­sen, da der ja selbst, zumin­dest offen­sicht­lich, kein exzel­len­ter Spie­ler war, oder!? Dass Klopp zu Beginn im Sturm, spä­ter im Mit­tel­feld und am Schluss sei­ner Kar­rie­re in der Abwehr spiel­te, zeigt rück­bli­ckend sei­nen eige­nen Rei­fe­pro­zess und sein (mitt­ler­wei­le welt­weit aner­kann­tes) Fach­wis­sen rund um Fuß­ball. Ach ja, Klopp stell­te sich sei­ner­zeit mal beim HSV vor, wur­de dort aber nicht genom­men, weil man den Auf­tritt Klopps mit zer­ris­se­ner Jeans eines HSV nicht ange­mes­sen fand. Die Jeans fin­det man im Muse­um des BVB und die Ver­ant­wort­li­chen des HSV muss­ten sich jah­re­lang den Vor­wurf gefal­len las­sen, eine gro­ße Chan­ce ver­tan zu haben. Die Jeans war wich­ti­ger als Exper­ti­se und Poten­ti­al eines Jür­gen Klopp.

Nicho­las James »Nick« Bol­let­tie­ri — Als jun­ger Mann dien­te er bei der US Army und wur­de bei den Fall­schirm­jä­gern bis zum Oberst­leut­nant beför­dert. Nach sei­ner Zeit beim Mili­tär stu­dier­te er Recht an der Uni­ver­si­tät in Miami, war aber nicht in der Lage, das Stu­di­um abzu­schlie­ßen. Im Alter von 25 Jah­ren begann er als Auto­di­dakt auf öffent­li­chen Ten­nis­plät­zen in New York für 10 Dol­lar die Stun­de mit sei­ner Art von »Ten­nis­trai­ning«. Wie kann es sein, dass ein Auto­di­dakt im Lau­fe von meh­re­ren Jahr­zehn­ten meh­re­re Welt­klas­se­spie­ler ent­deck­te, form­te und zu gro­ßen Titeln beglei­ten konn­te? Wie kann es sein, dass genau sein 162.000 Qua­drat­me­ter gro­ßes Gelän­de, mitt­ler­wei­le »IMG Aca­de­my«, zum Hot­spot wur­de, wenn es um den nächs­ten Grand-Slam-Sie­ger geht? Wäre Dein Vor­sit­zen­der Vater eines talen­tier­ten Kin­des, so wür­de er es also ganz sicher nicht zu die­sem Auto­di­dak­ten schi­cken, der über kein hoch­klas­si­ges Ten­nis ver­fügt und dem­entspre­chend auch kei­ne gro­ßen Tur­nier­er­fol­ge vor­wei­sen kann. Der kann ja nichts drauf haben. Welch ein fata­ler Irrtum.

Klaus Hof­s­äss — Sei­ne Kar­rie­re als Trai­ner begann 1978 als Ver­bands­trai­ner von Nie­der­sach­sen, drei Jah­re spä­ter wur­de er Bun­des­trai­ner. Hof­s­äss wur­de von meh­re­ren Welt­klas­se­spie­lern enga­giert (Graf, Becker, Mus­ter, Sán­chez Vica­rio, Kie­fer) und führ­te sie unauf­halt­sam an die Spit­ze. Wür­de Dein Vor­sit­zen­der nun nach einer Art »Legi­ti­ma­ti­on« auf­grund der exzel­len­ten Spiel­wei­se von Hof­s­äss oder nach zahl­rei­chen Erfol­gen als Jugend­li­cher oder Erwach­se­ner suchen, so wür­de er fest­stel­len, dass es sport­lich auch hier mög­li­cher­wei­se nicht all­zu viel zu fei­ern gab. Hof­s­äss über­zeugt über vie­le Jahr­zehn­te bis heu­te und fei­er­te unglaub­li­che Erfol­ge. Aber Dein Vor­sit­zen­der wür­de sein Kind auch hier ana­log sei­ner eige­nen Defi­ni­ti­on wohl nicht trai­nie­ren las­sen. Wie­der eine ver­pass­te Chan­ce, etwas von einem der Bes­ten zu lernen.

Um was geht es mir: Wer ein guter oder sehr guter Spie­ler war, kann auch ein guter oder sehr guter Trai­ner wer­den. Das eine hat mit dem ande­ren aber nur bedingt zu tun. Sicher hilft es, wenn man selbst gut oder sehr gut spie­len konn­te und dies viel­leicht noch kann. Aber ent­schei­dend ist es doch, die hoch­kom­ple­xe Sport­art so erklä­ren zu kön­nen, dass man ver­steht, um was es geht. Es geht doch viel mehr um Kom­mu­ni­ka­ti­on und Empa­thie, als um ehe­ma­li­ge Rang­lis­ten­po­si­tio­nen und Titel bei irgend­wel­chen Tur­nie­ren. Lei­der las­sen sich vie­le Eltern und auch vie­le Ehren­amt­ler blen­den von Titeln und angeb­li­chen Erfol­gen als Spie­ler. So über­rascht es nicht, dass vie­le Trai­ner aus dem ost­eu­ro­päi­schen Raum auf ihren Lebens­läu­fen Schnitt­stel­len zum Davis-Cup Team des Hei­mat­lan­des ange­ben oder Kader­zu­ge­hö­rig­kei­ten oder Rol­len als Spar­rings­part­ner. Dies beein­druckt vie­le, die als Vor­sit­zen­der für ihren Ver­ein den ver­meint­lich bes­ten Trai­ner suchen.

Ich selbst habe mit Becker, Stich, Steeb, Kar­ba­cher, Graf, Koh­de-Kilsch und ande­ren, die man in Deutsch­land kennt, auf dem Platz als Spar­rings­part­ner gestan­den. Na und? In mei­nem Ver­ein steht mor­gen ein 6‑jähriges Mäd­chen vor mir und möch­te die Vor­hand ler­nen. Und die Hob­byrun­de möch­te kei­nen Selbst­dar­stel­ler, son­dern jeman­den, der sich nach dem Trai­ning noch auf ein Bier­chen dazu­ge­sellt. Und die Senio­ren wol­len einen Coach, der sie beim Betre­ten der Anla­ge grüßt und sich beneh­men kann. Ob ich »frü­her« als Spie­ler mal was geris­sen habe, ist hier in die­sem Moment total unwich­tig und nebensächlich.

Damit Du für den Aus­tausch mit Dei­nem Vor­sit­zen­den gut gerüs­tet bist, hier noch eini­ge Anmer­kun­gen: In mei­ner Zeit als Ver­bands­trai­ner lern­te ich vie­le hoch­de­ko­rier­te Trai­ner­kol­le­gin­nen und ‑kol­le­gen ken­nen, die eini­ger­ma­ßen blut­leer und empa­thie­los auf dem Platz stan­den und kein gutes Trai­ning boten. Umge­kehrt lern­te ich auch sehr vie­le Übungs­lei­ter oder Assis­ten­ten ohne gro­ßen Abschluss ken­nen, die von der ers­ten Sekun­de an prä­sent waren, Trai­nings­teil­neh­mer begeis­ter­ten und Inhal­te auf den Punkt brach­ten, so dass jeder Zuhö­rer und jeder Trai­nings­teil­neh­mer inner­halb von kür­zes­ter Zeit eine stei­le Lern­kur­ve hatte.

Mir war es als ange­hen­der haupt­be­ruf­li­cher Trai­ner in einem Bal­lungs­ge­biet wie Mün­chen von Anfang an wich­tig, dass ich mei­ne Berech­ti­gung, als Trai­ner zu arbei­ten, nie aus­schließ­lich auf mei­ne eige­ne hohe Spiel­fä­hig­keit oder irgend­wel­che Titel stüt­ze. Ich woll­te von Anfang an die ent­spre­chen­den Aus­bil­dun­gen und Abschlüs­se dazu, damit ich auch los­ge­löst von Spiel­stär­ke und Titeln inhalt­lich über­zeu­gen kann. Denn »Blen­der« gibt es zu Hau­fe. Sicher hilft es mir, dass ich sowohl mit mei­ner lin­ken Schlag­hand als auch »mit Rechts« alle Schlä­ge demons­trie­ren kann und dass ich genau weiß, wie es sich anfühlt, Welt- oder Euro­pa­meis­ter zu wer­den oder die Num­mer eins der Welt. Aber in der täg­li­chen Arbeit auf Ver­eins­ebe­ne ist all das neben­säch­lich. Ja, es mag ein Tür­öff­ner sein und man­che Stel­le in Ver­ei­nen mit 800 bis 1.000 Mit­glie­dern wün­schen eine ent­spre­chen­de Vita für die lei­ten­de Posi­ti­on. Klei­ne­re Ver­ei­ne mit 200 bis 400 Mit­glie­dern brau­chen all das nicht unbedingt.

Sehr vie­le sehr gut aus­ge­bil­de­te Trai­ne­rin­nen und Trai­ner arbei­ten in mitt­le­ren und klei­ne­ren Ver­ei­nen. Denn es gibt nicht so vie­le adäqua­te Stel­len wie es z.B. A‑Trainer in Deutsch­land gibt. So ein­fach ist das. Nicht jeder möch­te Ver­bands­trai­ner sein, wo er Teil eines kom­ple­xen Geflech­tes wird und nicht immer so arbei­ten darf, wie er oder sie es ger­ne tun wür­de. Nicht jeder möch­te aus­schließ­lich mit Leis­tungs­spie­le­rin­nen und Leis­tungs­spie­lern sowie den dazu­ge­hö­ren­den Eltern zu tun haben. Nicht jeder muss fünf oder sechs Tage pro Woche Trai­ning geben, man­chen genü­gen auch drei oder vier Tage.

Ich selbst arbei­te in einem klei­nen Ver­ein mit gera­de ein­mal 330 Mit­glie­dern. Hier geht es um Brei­ten­sport, hier geht es um Frei­zeit, hier geht es um das »Bier­chen danach« und den Zusam­men­halt, gera­de in Zei­ten von Coro­na. Dein Vor­sit­zen­der soll Dir sagen, war­um er Vor­sit­zen­der des Ver­eins ist. Um was geht es ihm und was will er für den Ver­ein errei­chen? Prü­fe sei­ne Ant­wor­ten. Wenn die­se für Dich nicht schlüs­sig sind, so könn­test Du über­le­gen, ob Du wei­ter­hin »sein« Jugend­wart sein möch­test. Ich per­sön­lich wüss­te, was ich zu tun habe. In die­sem Sin­ne alles Gute und bleib gesund! Lass mich wis­sen, wie die Sache aus­ge­gan­gen ist! Thassilo.

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