»Des Kaisers neue Kleider…«

Von Christoph Kellermann.

Gestern erreichte mich über den Postweg die neueste Ausgabe von »Westfalen-Tennis«, dem offiziellen Verbandsorgan des Westfälischen Tennis-Verbandes. Wie schon bei den letzten Ausgaben üppig und ohne Mehrkosten gekoppelt mit dem »tennis Magazin«. Das ist eine gute Sache, denn das »tennis Magazin« ist nach wie vor ein inhaltlich und optisch hochwertig produziertes Medium. Schon Anfang der 80er-Jahre, wo ich als Teenager in den Tennissport hineinschnupperte, hat mich dieses Magazin fasziniert. Fand ich auch immer einen Tick besser, als die »Tennis-Revue«, die es damals auch noch auf dem Markt gab…

Aber zurück zur westfälischen Printausgabe, in der Robert Hampe, der Präsident des Westfälischen Tennis-Verbandes, den Leser auf Seite 3 mit einem Editorial in Empfang nimmt. Die Headline »Für die Zukunft gerüstet« suggeriert zunächst einmal einen gesunden Status Quo – bis man sich das Editorial sorgfältig durchgelesen hat. Was der Verfasser hierbei – vermutlich unwillentlich, aber tatsächlich – an Fakten transportiert, ist bei näherer Betrachtung pure Selbstbeweihräucherung und erinnert mich ein wenig an ein Werk des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen: »Des Kaisers neue Kleider«. Und das meine ich überhaupt nicht böse. Warum ich bei diesem Editorial an Andersen denke, will ich erklären…

Bundesstützpunkt & Gästehaus

In allen von Robert Hampe gelisteten Argumenten für eine zukunftsträchtige Gesamtausrichtung des Westfälischen Tennis-Verbandes sehe ich ehrlich gesagt nicht viel eigenes Zutun. So sind der erwähnte »Bundesstützpunkt« und die »Anerkennung durch das Bundesinnenministerium« eine Angelegenheit des Deutschen Tennis Bundes, nicht aber des Westfälischen Tennis-Verbandes. Und die Formulierung, »im Gästehaus sei fast kein Platz mehr«, sagt absolut nichts über die tatsächliche Belegung aus, sondern transportiert vielmehr die Tatsache, dass Bewohner fehlen, während private Akademien aus allen Nähten platzen.

Aushängeschild

Bei all den immensen finanziellen Investitionen in die Förderung des Nachwuchs- und Leistungssports des Verbandes und die zweistellige Trainercrew in seiner Jahresbilanz lediglich eine 15-jährige Spielerin jenseits der DTB-Top-100 als Leistungsnachweis namentlich erwähnen zu können, entlarvt der Leser doch schnell als sportliches Armutszeugnis.

Struff & Team Hämmerling

Die positive Entwicklung von Davis-Cup-Spieler Jan-Lennard Struff (Career-High: ATP 33) hat meines Wissens wenig bis nichts mit dem Westfälischen Tennis-Verband zu tun. Ebenso wenig dürften wohl die außergewöhnlichen Leistungen des Bundesliga-Teams von »Hämmerling TuS Sennelager« mit den Bemühungen des WTV zusammenhängen.

Verbandsball

Dass der Tennisball »WTV Tour 2.0« gut ist, kann den Verband vielleicht erfreuen, verantwortlich für Produktion und Qualität dürfte aber wohl jemand anderes sein.

Öffentlichkeitsarbeit

Eine von Robert Hampe suggerierte »gesteigerte Professionalität der Presse- & Öffentlichkeitsarbeit« kann ich beim besten Willen nicht ausmachen. Das Printmedium »Westfalen-Tennis«, welches einst monatlich erschien, gibt es nun nur noch vier Mal im Jahr und kann schon alleine deshalb nicht mit Aktualität glänzen und die Webseiten des Verbandes können hier nicht ernsthaft als mediales Aushängeschild herhalten, denn außer spärlich gesäten amtlichen Informationen projiziert einem die Verbandshomepage unterdessen so gut wie nichts mehr auf den Monitor. Eine professionelle und vor allem den Bemühungen der Turnierveranstalter gerechte Turnierberichterstattung findet praktisch gar nicht mehr statt.

Mitgliederzahlen

Last but not least wird im Rahmen der Mitgliederzahlen wieder einmal versucht, der Tennisgemeinde ein »leichtes Minus« als Erfolg zu verkaufen. Das kennen wir auch von Bundesebene. Nichts Neues also seit gefühlt zwei Jahrzehnten. Damit schließt sich dann auch der Märchenkreis rund um den eingangs erwähnten Kaiser. Auch dessen Hofstaat setzte bekanntlich einst die Parade fort, obwohl der Schwindel irgendwann aufflog.

Auf ein Neues in 2020.

Dezember 2019 · Photocredit: Tennisredaktion.de