Der Nimbus schwindet

Um eins gleich vorweg zu nehmen: dieser Blogbeitrag ist kein Abgesang auf Roger Federer. Nicht, dass wir uns missverstehen. Im Gegenteil sogar: die Leistung, die der Schweizer im Alter von fast 37 Jahren noch immer abliefert, ist gar nicht hoch genug anzurechnen! Was allerdings auffällt, ist, dass der Nimbus der Unbesiegbarkeit des »Maestros«, langsam aber sicher schwindet. Wer immer dem Schweizer gegenübersteht, kennt zwar seine immens schwierige Aufgabe, weiß aber auch, dass es mittlerweile eine realistische Chance gibt, den Rekord-Grand-Slam-Sieger zu schlagen. Auch – oder vor allem – auf Rasen, dem Lieblingsbelag Federers. Das hat sich bereits in Stuttgart und Halle abgezeichnet, wo sich der Publikumsliebling oftmals durch die Runden gequält hat – auch gegen Mitstreiter, die er auf dem grünen Untergrund sonst im Schnelldurchgang in die Kabine geschickt hätte.

In Halle war es der Kroate Borna Coric, der den Rasenkönig bezwingen konnte, in Wimbledon gelang dies dem Südafrikaner Kevin Anderson, der trotz eines 0:2-Satzrückstands und Matchball gegen sich immer an sich geglaubt hat. Der »Fed-Express« kam irgendwie nie richtig ins Rollen. Freie Punkte blieben vor allem in der zweiten Hälfte der Partie Mangelware. Anderson rackerte vorbildlich. Lohn der Mühen und des Glaubens: ein Fünfsatzsieg über den achtmaligen Wimbledon-Champ, der in der entscheidenden Phase dieser Viertelfinalpartie wackelte. Ein Doppelfehler zur Unzeit – noch dazu der einzige in dem fast viereinhalbstündigen Match – beim Stande von 11:11 und 30 beide im fünften Satz. Anderson nutzte diese kleine Schwächephase und stach zu. Federer musste sich – wie schon in Halle – geschlagen geben und zeigte sich in der anschließenden Pressekonferenz schwer enttäuscht und niedergeschlagen. Federer weiß: der Aufwand, den der Schweizer für einen Turniersieg mittlerweile aufbringen muss, wird von Monat zu Monat größer, die Konkurrenz mitunter jünger, frischer und auch ein wenig furchtloser.

Autor: Christoph Kellermann
Photocredits:
Jürgen Hasenkopf

Juli 2018 · © Tennisredaktion.de