Das Schicksal ist ein Arschloch

„Das Schicksal ist ein mieser Verräter” – so lautet der Titel eines hoch interessanten Kinostreifens. Spätestens seit heute früh gehe ich noch einen Schritt weiter und sage: „Das Schicksal ist ein Arschloch!” Im Rahmen einer Trainer-Fortbildung zum Thema »Inklusion und Rollstuhltennis« kam es nämlich heute zu einem unerwarteten Wiedersehen mit einem meiner alten »Kriegskameraden« aus den »Neunzigern«.

Hier ein paar Fakten zu ihm aus meiner spontanen Erinnerung:

Baujahr ’68, also ein Jahr jünger als meine Wenigkeit +++ ein Gegner der sportlich unangenehmen Sorte +++ kein wirklicher Gewinnschlag +++ ein Aufschlag, der so ungefährlich war, dass er irgendwie schon wieder zur Bedrohung wurde +++ unspektakuläre Vorhand +++ Rückhand? Nur Slice. Gern auch mal mit ekligem Seitwärtsdrall +++ Spitzname: »Gummiwand« +++ wenn Du ihn besiegen wolltest, dann musstest Du jeden Punkt drei Mal machen +++ zum Netz ging er pro Match eigentlich nur zwei Mal: einmal, um zu wählen und einmal, um dem Gegner nach der Partie die Hand zu schüttteln…

Seine große Stärke? Eine Engelsgeduld. Und genau die braucht er heute mehr als jemals zuvor. Warum? Schlaganfall im Schlaf mit gerade einmal 45. Seit nunmehr fünf Jahren erarbeitet sich der Rivale von einst alles, aber auch wirklich alles neu. Trotz dieses Schicksalsschlags hat er sich dazu entschieden, den Tennissport wieder in sein Leben zu holen. Hierzu hat er sich einen Tennisrolli angeschafft. Das Fahren ist noch holprig, das Schlagen fällt ihm schwer. Dennoch will er es wieder wissen. Da ist er bei mir selbstverständlich an der richtigen Adresse. Am heutigen Tag haben wir uns geschworen, den Tennisplatz schon bald wieder miteinander zu teilen. Die Rivalität von einst wird dann kein Thema sein – obwohl noch so manche sportliche Rechnung zu begleichen wäre. Nein, wir stehen dann auf derselben Seite des Netzes. Es geht um das Wiedererlernen alter Stärken. Um die Zurückgewinnung von Lebensfreude. Um die gemeinsame Monsteraufgabe, dem Schicksal den Mittelfinger zu zeigen. Ich kann es kaum erwarten.

Autor: Christoph Kellermann
Photocredit: T
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Oktober 2018 · © Tennisredaktion.de