Thassilo Haun
© Thassilo Haun

Servus, Thassilo! Als Experte für Vereins- und Trainerberatung bist Du selbstverständlich unser Ansprechpartner Nummer Eins, um über den Vereinstennissport während und nach Corona zu sprechen. Als Erstes: Wir hast Du die Corona-Zeit bislang persönlich erlebt?

Thassilo Haun: Am 16. März wurde in Bayern der Katastrophenfall ausgerufen. Vier Tage später ab Mitternacht kamen die Ausgangsbeschränkungen, die Grenzen zu Österreich wurden zugemacht. All das waren für mich neue Erfahrungen. München als offene Weltstadt kam komplett zum Erliegen. In den beiden Wochen danach gehörten die Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts um 10 Uhr sowie die Tagesthemen um 19 Uhr zu meinem festen Tagesablauf. Viele Menschen in unserem Umfeld waren sehr verängstigt.

Beschäftigen wir uns mit den hauptberuflichen Trainerinnen und Trainern, die einige Monate finanziell überbrücken mussten und erst seit kurzer Zeit wieder auf die Plätze dürfen. Welche Sorgen der Trainerinnen und Trainer wurden während der Corona-Zeit vorrangig an Dich herangetragen?!

Thassilo Haun: Nachdem feststand, dass die hauptberuflichen Trainerinnen und Trainer vom Platz müssen, war die erste Frage, wie man an die in der Presse propagierte Corona-Soforthilfe ran kommt. Als bei genauerem Hinsehen feststand, dass der normale Tennistrainer mangels Betriebskosten erst einmal durchs Raster fällt, war die Frustration deutlich spürbar. Viele haben die so genannte Corona-Soforthilfe aufgrund erheblicher finanzieller Engpässe und persönlicher Sorgen dennoch beantragt und auch bewilligt bekommen, wie ich erfahren habe. Es kam die Forderung nach einem starken Berufsverband auf, der sich für die Interessen der Trainerinnern und Trainer einsetzen soll. Hier hatten sich die Trainer deutlich mehr von bestehenden Verbänden erhofft. Sie fühlten sich alleine gelassen. Viele Trainer waren und sind besorgt, dass sie nicht in der Lage sind, Rücklagen zu bilden, da trotz teilweise guter Stundenvolumina die individuellen Fixkosten quasi alles auffressen, was eingenommen wird.

Thassilo Haun
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Keine Trainerstunden = keine Einnahmen. Und doch haben es einige Kolleginnen und Kollegen geschafft, aus der Not eine Tugend zu machen. Welche Kreativität konntest Du vereinzelt bei den besonders erfolgreichen Trainerinnen und Trainern ausmachen?

Thassilo Haun: Viele der besonders erfolgreichen Trainerinnen und Trainer haben relativ schnell auf Online-Formate umgestellt. Andere, die Anspruch auf die Soforthilfe hatten, haben die 9000 Euro beantragt und waren erst einmal beruhigt. Andere wiederum, die keine Sachkosten hatten oder erst zum Sommer gestartet sind, haben einfach gewartet, bis es wieder weitergehen durfte. Da ich selbst erst zur Sommersaison wieder ins Trainingsgeschäft eingestiegen bin, spreche ich bei mir unterm Strich nur über einen um drei Wochen verzögerten Trainingsstart der Sommersaison 2020. Und zwei oder drei Corona zum Opfer gefallene Trainingswochen habe ich nach vorheriger Rücksprache mit meinen Kunden in den beiden Pfingstwochen wieder eingespielt. Das war es.

Es gibt den klassischen »Solotrainer« und es gibt die größer angelegten »Tennisschulen«? Wen hat die Corona-Zeit bislang härter getroffen, bzw. wer konnte mit dieser nie dagewesenen Situation besser umgehen?

Thassilo Haun: Es versteht sich von selbst, dass es der klassische Einzelkämpfer erst mal schwerer hat, als eine Tennisschule, die in der Regel breiter aufgestellt ist. Dennoch habe ich festgestellt, dass auch manche Tennisschulen nicht gerade souverän mit der Situation umgegangen sind. Hier würde ich mir wünschen, dass ein Umdenken stattfindet und jeder für sich Vorkehrungen trifft, auch mal sechs Monate ohne Verdienst über die Runden zu kommen, sei es wegen des Corona-Virus‘, sei es wegen einer Krankheit oder auf Grund privater Umstände. Wenn Jeder für sich zwei, drei Dinge regelt, so kann die nächste Pandemie weniger anrichten und man darf auch mal krank werden, ohne dass alles einstürzt, was man sich jahrelang aufgebaut hat.

Du sprichst es an: fast drei Monate Verdienstausfall. Einige Vereine haben ihren Trainern zumindest streckenweise zur Seite gestanden, ebenso die Mitglieder, die – so wissen wir – fast flächendeckend keine bereits gezahlten Trainingsgelder zurückgefordert haben. Dennoch: wer als Selbstständiger zwei oder drei Monate finanziell nicht aus eigenen Kräften überbrücken kann, hat doch schon im Vorfeld etwas falsch gemacht, oder? Wie sollte eine vernünftige Vorsorge für Trainerinnen oder Trainer ausschauen?

Thassilo Haun: In Rücksprache mit Kunden wurden kreative Lösungen gefunden. Viele Kunden verzichteten auf eine Rückerstattung bereits gezahlter Gelder oder bekamen Alternativen zu einem späteren Zeitpunkt angeboten. In dieser Zeit hat sich gezeigt, wer seine Kunden gut bedient hatte und wer nicht. Wer aber nicht in der Lage ist, zwei oder drei Monate aus eigenen Kräften zu überbrücken, der hat definitiv was falsch gemacht.

Wer sich bewusst für den Status des Selbständigen entscheidet, soll bitte nicht jammern, wenn er in Zeiten wie Corona zunächst auf sich alleine gestellt ist. Deutschland ist ein Sozialstaat und kein Wohlfahrtsstaat. Jeder hat für sich eine Wahl zu treffen und dann die Konsequenzen zu tragen, in positiver wie auch in negativer Hinsicht. Wer sich für eine Anstellung entscheidet, verdient auf dem Papier erst einmal weniger. Aber er hat Vorteile für Zeiten, die nicht planbar sind. Wer sich für den Status des Soloselbständigen entscheidet, verdient erst einmal mehr und hat auch mehr Möglichkeiten, aber er trägt auch größere Risiken. Genau hier denken sich viele Trainer „wird schon werden“. Corona zeigte, dass es sich lohnt, früher an später zu denken.

Eine vernünftige Vorsorge ist individuell mit dem Ansprechpartner seines Vertrauens zu durchleuchten und umfasst mehrere Säulen. Neben einem finanziellen Polster für mindestens sechs Monate sollten im Idealfall langfristig 10 bis 20% der monatlichen Einnahmen zur Seite gelegt werden. Auch sollten die eigene Gesundheit sowie das Thema Berufsunfähigkeit individuell gelöst werden, gerade als Soloselbständiger, der vom Staat im Fall der Fälle nichts bekommt. Manche Trainer erwarten vielleicht ein Erbe, andere erwartet möglicherweise nichts. Jede Situation ist anders und muss gelöst werden. Wer früh bereit ist, sparsam zu leben, kann die Voraussetzungen schaffen, sich eine eigene Immobilie zuzulegen. Denn oft sind die monatlichen Darlehensraten nicht weit weg von einer aktuell zu zahlenden Miete in der Stadt seiner Wahl. Klar, es braucht Eigenkapital zu Beginn. Aber wer will, der findet Wege und Lösungen.

In einem der letzten Webinare, die ich verfolgt habe, hat eine Dame die Diskussion lostreten wollen, dass weibliche Trainerinnen am Markt benachteiligt – oftmals sogar erst gar nicht gewollt werden. Ich persönlich habe diese Erfahrung in drei Jahrzehnten in den Vereinen nicht ausmachen können. Im Gegenteil. Ich war immer dankbar, wenn ich meinen Co-Trainerstab um weibliche Pendants erweitern konnte. Wie sind Deine Erfahrungen?

Thassilo Haun: Auch ich hatte immer mindestens eine Dame als festen Teil meines Trainerteams. Frauen haben andere Antennen und ich empfinde Frauen grundsätzlich als eine Bereicherung. Möglicherweise hat die Dame, die Du erwähnst, persönlich negative Erfahrungen gesammelt und daher in diese Richtung argumentiert. Ich halte es für wichtig, ein Team immer zu mischen, nicht nur in Punkto Geschlechter, sondern auch in Punkte Spielstärke und Alter. Es muss für jede Zielgruppe einen Trainer geben, der den Hut aufhat. Und wer den Hut auf hat muss die Größe haben, sich nicht so wichtig zu nehmen.

Wie wird sich die Trainerlandschaft nach Corona verändern?

Thassilo Haun: Das wird sich zeigen. Ich bin mir sicher, dass sich Qualität weiterhin durchsetzen wird, denn die Anzahl der Vereine ist trotz positiver Einzeltrends seit Jahren leicht rückläufig. Wer ein auskömmliches Leben als Trainer wünscht, der muss liefern. Eine gute Arbeit auf dem Platz als Basis, ergänzend hilft natürlich eine gute Kommunikation außerhalb des Platzes. Und die berühmten Soft Skills bitte auch. Ich drücke allen Trainern die Daumen, dass sie sich so positionieren können, wie sie es sich wünschen.

Zwei Vereinstrainer haben mir berichtet, dass Tennisinteressierte Ihnen nach dem Re-Start förmlich die Türen einrennen. Auch DTB-Vize Dirk Hordorff sprach ja von einer großen Chance, die sich den Vereinen nach Corona nun bieten könnte. Wo geht der Trend Deiner Meinung nach hin?

Thassilo Haun: Als es in München wieder losging, haben alle Betreiber von Anlagen und Vereinen einen großen Zulauf wahrgenommen. Die Leute wollten endlich wieder raus, sich bewegen und auch wieder Tennis spielen. Gerade in den ersten drei Wochen nach dem Re-Start war dies deutlich zu spüren. Nun kommt es darauf an, die Leute mit dauerhaft guter Trainingsqualität an die Vereine zu binden. Corona hat sozusagen die Tür aufgemacht. Nun müssen die Chancen genutzt werden, sonst wird der erste Effekt mittelfristig verpuffen.