Schultennis wichtiger denn je

Frage an Reimar Bezzenberger: Ich bin im Vorstand eines mittelgroßen Tennisclubs (260 Mitglieder/54 Jugendliche) und habe früher des Öfteren über Schultennis gelesen. Auch von Ihnen persönlich gab es interessante Beiträge. Seit einiger Zeit hört und liest man bundesweit allerdings absolut nichts mehr darüber. Ist das Thema out oder sollen wir uns als Verein noch mal damit beschäftigen und entsprechende Angebote schaffen?! Falls ja, wie geht man am besten vor, damit das Angebot erfolgreich wird?!

Reimar Bezzenberger: Deine konkrete Frage kann ich mit einem ganz klaren »Nein!« beantworten. Das »Aktionsfeld Schultennis« darf für die positive Vereinsentwicklung nicht ins Hintertreffen geraten. Leider wird in letzter Zeit sehr wenig über diese immens wichtige Thematik berichtet, das ist richtig! Schultennis ist aus meiner Sicht wichtiger denn je für Vereine, die mit positiven Mitgliederentwicklungen in die Zukunft blicken möchten. Nimmt man sich die Zeit, um über den »Ballkorbrand« zu schauen, dann fällt sofort auf, dass andere Ballsportarten (Fußball, Handball, Tischtennis, Basketball,…) ihre Trainer und Vereine proaktiv anhalten und schulen, das »Betätigungsfeld Schule« als Plattform zu aktiven Mitgliederwerbung zu nutzen. Für die Sportart Tennis heißt dies, die Institution Schule als Zulieferer für Kinder und Jugendliche nachhaltig nutzen. Da Tennis nachwievor keine Schulsportart ist, gilt es, dieses Vakuum seitens der Vereine und deren Trainer zu nutzen, um Tennis in die Schulen zu tragen. Trainer dürfen dabei keine Angst vor großen Gruppen haben.

Die nachfolgenden Ausführungen wenden sich zwei Aspekten zu. Zum einen geht es insbesondere um eine intensivere Kooperation mit den Schulen und Kindergärten mit dem Ziel der langfristigen Nachwuchsgewinnung, zum anderen muss der Fokus auf der nachhaltigen »Pflege der Kronjuwelen«, den Kindern und Jugendlichen, die den Weg in die Vereine bereits gefunden haben, liegen. Hierbei spielt der Trainer eine entscheidende Rolle. Um die Sportart Tennis wieder zu einem größeren Stellenwert in den Schulen zu verhelfen, gilt es an zahlreichen Stellschrauben zu drehen. Dabei muss deutlich sein, dass die Lehrer mit den schulinternen Anforderungen vollkommen ausgelastet sind. Die Initiative zu einer Kooperation wird im Normalfall nicht von der Schule ausgehen. Diese sind bestrebt, ein attraktives Angebot, welches über die schulische Grundversorgung hinausgeht, zu gestalten. Gelingt es dem örtlichen Tennisverein, sich als kompetenter Partner sowohl konzeptionell als auch personell einzubringen, steht einer für Schule und Verein gewinnbringenden Zusammenarbeit nichts im Wege.

Vorschlag: Die Verbände (DTB, Landesverbände) installieren hauptamtliche Trainer, deren Aufgabe es ist, Schulen aufzusuchen, vor Ort tennisspezifischen Sportunterricht und schließlich nach dem System der Schultennismeisterschaften aus Niedersachsen und Westfalen ein Tennisevent durchzuführen. So lassen sich nicht nur Kinder für die Vereine gewinnen, sondern auch Lehrer von den Vorzügen der Sportart Tennis (Dynamik, Vielseitigkeit, konditioneller und koordinativer Anspruch) überzeugen. Zudem lassen sich auf diesem Weg organisatorische und methodische Konzeptionen für einen tennisspezifischen Sportunterricht im Form von Praxisdemonstrationen für Lehrer vermitteln. Die Verbände verfügen über hauptamtliche Trainer, setzten dieser aber ausschließlich in den Nachwuchsleistungszentren ein. Für die Basisförderung, insbesondere mit dem Blick auf eine Aktivierung des Schulsports, ist Hauptamtlichkeit leider nicht vorgesehen. Sich für die Basis zu engagieren, wäre in diesem Kontext mehr als gelebte Verantwortung.

Die Vereine haben die Möglichkeit, auf die Schule in Ihrem Ort zuzugehen. Ein Ausweg aus dem Personaldilemma kann dabei der Einsatz von »Bufdis« (Bundesfreiwilligen-Dienst) sein. Bufdis kosten – wenn auch vergleichsweise wenig – Geld und überfordern häufig das in der Regel knappe Budget kleinerer Vereine. Hier gilt es, sich zu vereinen. So können mehrere benachbarte Vereine aus einem Ort gemeinsam einen Bufdi finanzieren, der dann an verschiedenen Schulen zum Einsatz kommt.

Die offenen Ganztagsschulen bieten den Vereinen die Möglichkeit, Sportangebote zu platzieren, bei deren Umsetzung die Schule auf die Vereine angewiesen ist. Clubs, die mit entsprechenden Offerten auf die Schule zugehen, rennen in der Regel offene Türen ein. Tennisvereine können sich z.B. bereit erklären, Ballspiel-Angebote (Ballschule, Spiel- & Bewegungsschule) durchzuführen. Im Rahmen dieser Aktivitäten kann dann eine Pausenhofliga oder Schultennismeisterschaft angeboten werden. Ziel ist es, eine langfristige Kooperation Schule-Verein zu installieren. Diese Werbeplattform gilt es zu nutzen, um auf die Sportart Tennis aufmerksam zu machen.

Dass die Vereine mit dem nötigen Engagement und viel Kreativität in der Lage sind, vor Ort mit Schulen zu kooperieren, kann und darf nicht über die Handlungsbedarf der Verbände und ihrer Gliederungen hinwegtäuschen. Sie sind gefordert, aktiv darauf hinzuwirken, dass Tennis im regulären Sportunterricht und in der Sportlehrerausbildung an den Universitäten eine angemessene Rolle spielt. Mögliche Verbandsmaßnahmen: Einfluss auf die Studienordnung der Universitäten vergrößern, Fortbildungen für tennisinteressierte (Sport-)Lehrer und Referendare anbieten, Einfluss bei den zuständigen Instanzen geltend machen, um tennisaffine Sportlehrer an die Schulen zu bringen, attraktives Werbe-Materialien (Schule-Verein) für Schüler bereitstellen, Unterrichtsmaterialien in Form von ausgearbeiteten Stundenentwürfen für Lehrer bereitstellen und Trainerfortbildung mit Schwerpunkt Tennis in der Schule und dem Themenkomplex Großgruppentraining.

Der entscheidende Faktor im Bestreben, Kinder und Jugendliche nachhaltig für die Sportart Tennis zu gewinnen, sind ohne Zweifel die Trainer. Sie sind zugleich Vertrauensperson sowie Ansprechpartner für die Kinder und Bindeglied zwischen Verein und Eltern. Sie sind gleichzeitig der Werbeträger, das Aushängeschild sowie der Repräsentant des Vereins. Für die sportliche Zukunft der Kinder ist es wichtig, dass sie durch den Sport sozialisiert werden und Dinge lernen, die für ihr späteres Leben von Nutzen sind. Unter anderem gibt es Landesförderprogramm (u.a. Nordrhein-Westfalen) 1000 x 1000 Euro für Vereine. Nähere Infos sind über den Landessportbund abrufbar. Es lohnt sich ebenfalls über die Grenzen in andere Länder zu blicken. Neben der rein tennisspezifischen Ausbildung sind die koordinativen Fähigkeiten von elementarer Bedeutung für die Tennisausbildung. Hierzu gibt es sehr kindgerechte Programme unter anderem aus Belgien und der Schweiz.

Abschließend: Schultennis ist nicht out, es ist wichtiger denn je, um Tennis in den Vereine zukunftsfähig zu gestalten! Dasselbe gilt auch für den Tennissport im Kindergarten!

  » Reimars bisherige Beiträge…

Tennis in der Schule

Der Fächerkanon in den einzelnen Schulformen ist sehr vielfältig. Die  Fachlehrpläne geben die Richtung vor, indem sie grundlegende Ziele für die entsprechenden Jahrgangsstufen formulieren, die auf verschiedenen Wegen erreicht werden können. Dabei spielen die Voraussetzungen der Schulen (Sportstätten, Kooperations-Vereinbarungen, Traditionen etc.) sowie die Interessen- und Ausbildungslage der Sportlehrer eine große Rolle. In der letzten DSB Sprint-Studie wurde der Schulsport mit all seinen Facetten aus Sicht der Schulleitung, der Lehrer, der Eltern und der Schüler beleuchtet. In 23 von 32 Lehrplänen in Deutschland taucht Tennis als Schulsportart auf. Die Sportstättenversorgung mit Tennisanlagen ist deutschlandweit bestens, so können 20% aller Schulen auf Tennisanlagen zum Schulsport zurückgreifen. Die Umsetzung gestaltet sich allerdings schwierig, da Tennis im Unterrichtsumfang insgesamt lediglich 3,5% ausmacht.

Bei Schülerbefragungen kam es zu dem erstaunlichen Ergebnis, dass sich 25% der Schüler in der Klassenstufe 7 bis 9 Tennis im Schulsport wünschen und 22,6% finden, dass Tennis eine »vernachlässigte« Sportart im Unterricht ist. Professor Hartmut Gabler machte in seinem Beitrag beim 10. Internationalen Schultennismeeting deutlich, dass Schulsport und Tennis sehr gut zusammen passen.

1) Schulsport sollte die körperliche Verfassung verbessern. Tennisspezifische Bewegungsmuster des Schlagens, Werfens und Laufens sind auch unter vereinfachten schulspezifischen Bedingungen geeignet, positive Reize zu setzen!

2) Schulsport sollte soziale Erfahrungen und Kompetenzen ermöglichen. Lernpartnerorientierte Aufgabenstellungen, aber auch die Doppelsituation im Kleinfeld-Match, vermitteln in hohem Maße elementare soziale Erfahrungen und Kompetenzen.

3) Schulsport sollte im vertretbaren Maße den Interessen der Schüler entsprechen. In dem »Schüler-Wunschkonzert« (siehe SPRINT-Studie) rangiert Tennis in der Beliebtheitsskala weit vorn.

4) Schulsport sollte zum außerunterrichtlichen Sport befähigen. Tennis hat eine hohe Freizeitrelevanz, da es viele Tennisvereine gibt. Tennis ist in vielen Urlaubsorten ein Standardangebot, welches gern genutzt wird. Trendvarianten wie Street-Tennis, Beach-Tennis etc. animieren ebenfalls.

5) Schulsport sollte vielfältige Sport- und Bewegungserfahrungen vermitteln.  Durch kinderspezifische Angebote wie Low-T-Ball und Kleinfeldtennis, Kurzschläger oder Methodikbälle (»Play+Stay-Konzept«) ist Tennis hervorragend geeignet, auch Einsteigern erste erfolgreiche Eindrücke zu vermitteln.

  » Reimars bisherige Beiträge…

Besser als Mathe und Deutsch

Fröhlicher Kinderlärm – Erwachsene nennen ihn ohrenbetäubend – schallt aus der Sporthalle. Das eigene Wort ist kaum mehr zu verstehen. Mehr als 300 Grundschüler der ersten bis vierten Jahrgänge sorgen für Stadion-Atmosphäre, anlässlich einer örtlichen Schultennis-Meisterschaft; alles wie zu besten Davis-Cup-Zeiten in den 90er-Jahren des letzten Jahrhunderts. „Das ist viel besser als Mathe und Deutsch“, war von einigen Teilnehmern zu hören. Diese Ausführungen haben genau so bei einem Schultennisevent einer Grundschule in der Nähe von Heidelberg stattgefunden. Zur Siegerehrung kam die mehrfach deutsche Tennismeisterin Stefanie Gehrlein als Überraschungsgast in die Sporthalle. „Eine solche Stimmung habe ich noch nie bei einer Tennisveranstaltung erlebt“, war ihr Kommentar, als ihr die Autogramme regelrecht aus der Hand gerissen wurden.

Dies ist ein Beispiel von vielen, wie es möglich ist, Tennis als eine spannende Sportart in Form eines Events einer großen Anzahl vom Schülern näher zu bringen. Als Auftakt für eine sich anschließende Kooperation »Schule-Verein« ist ein Schultennis-Event in Form einer Meisterschaft die ideale Plattform, aktiv Mitgliederwerbung bei Kinder und Jugendlichen zu betreiben. Zusätzlich ist dies eine sehr gute Gelegenheit, sich als Verein in der örtlichen Presse als aktiver Sportanbieter der Öffentlichkeit zu präsentieren. Dies ist vor dem Hintergrund sinkender Mitgliederzahlen innerhalb der Vereine eine gute Gelegenheit, Präsenz zu zeigen und für sich zu werben.

Das Freizeitverhalten der Kinder und Jugendlichen hat sich in den vergangenen Jahren deutlich hin zur Inaktivität verschoben. Parallel dazu ist das Freizeitangebot von Vereinen und kommerzieller Sportanbieter stetig angewachsen. Diese drängen nun ebenfalls auf den »Markt Schule«, um Mitglieder für ihre Aktivitäten zu gewinnen. Hier wird sich am Ende derjenige durchsetzen, der den Schülern das beste und attraktivste Angebot vorstellt.

Die heutige Bildungspolitik beeinflusst im starken Maße die Planungen im Jugendbereich der Vereine. Die vielfach angestrebte Ganztagesschule und die auf acht Jahre verkürzte Gymnasialzeit haben dabei große Auswirkungen auf die aktive Jugendarbeit der Tennisvereine bis hin zum Wettkampfspielbetrieb der jugendlichen Altersklassen.

Falls es bundesweit zu einer Ganztagsbetreuung der Schüler kommen sollte, ist der Jugendsport am Nachmittag in seiner bisherigen Form kaum integrierbar und es müssen neue Wege gefunden werden. Solche bildungspolitischen Veränderungen dürfen aber nicht als Bedrohung angesehen werden, sondern müssen als neue Chance und Herausforderung für Vereine verstanden werden. Weiterhin ist es sinnvoll, über den Tellerrand hinauszuschauen und genau zu verfolgen, welche Aktivitäten andere Sportarten wie Handball oder Fußball vollziehen, um aktiv in den Schulen Fuß zu fassen.

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