Verbandsinteresse am Rollitennis

Frage an Peter Seidl: Guten Tag Herr Seidl! in Württemberg sind wir mit dem Thema Rollstuhltennis noch ganz am Anfang. Als zweitgrößter Tennisverband innerhalb des Deutschen Tennis Bundes wollen wir diese Lücke in naher Zukunft schließen. Gibt es von Ihrer Seite belastbare Zahlen für unseren Bereich? Sind Ihnen Aktivitäten württembergischer Vereine bekannt? Ansprechpartner?

Peter Seidl
© Hasenkopf

Peter Seidl: Es besteht ja überhaupt kein Zweifel: im deutschen Rollstuhltennis bewegt sich hierzulande derzeit eine ganze Menge! Es freut mich sehr, dass sich jetzt schon die Verbände über das Thema in ihrem Bundesland über Rollstuhltennis informieren. Ebenfalls kein Zweifel besteht sicherlich an der Tatsache, dass noch immer viel zu wenig über Rollstuhltennis berichtet wird.

Die »Tennisredaktion« geht hier mit allerbestem Beispiel voran und transportiert viele Infos und Beiträge in die Szene. Dies sollte im Idealfall auch in Ihrem Verbandsmagazin, bzw. in allen anderen Print- oder Online-Medien des Württembergischen Tennis Bundes geschehen. Je mehr wir über Rollstuhltennis berichten und je mehr über dieses Thema gelesen wird, desto größer sind die Chancen, Vereine zu animieren, sich dem Behindertensport zu öffnen und demzufolge dann auch Rollstuhlfahrer für den Tennissport begeistern zu können. Viele bereits aktive Rollstuhlfahrer, die dem gelben Ball schon heute mit Freude hinterher jagen, sind aktuell noch gar keinem Tennisverein angeschlossen. Detaillierte Infos zu bereits inklusiven Tennisvereinen in Eurem Verbandsgebiet kann sicherlich der Referatsleiter für Rollstuhltennis im Deutschen Tennis Bund, Niklas Höfken, liefern. Du erreichst ihn unter 0157/85965424. Sprich ihn an und bekunde Dein Interesse! Du wirst bei ihm offene Türen einrennen.

  » Peters bisherige Beiträge…

Integration & Inklusion

Frage an Peter Seidl: Hallo Herr Seidl! Bitte erklären Sie mir doch mal den Unterschied zwischen Inklusion und Integration! Innerhalb unseres Vorstandes gehen hier die Meinungen auseinander – auch im Dialog mit dem Behindertenrat der Stadt. Ich persönlich habe innerhalb unseres Vorstandes den Vorstoß gewagt, unsere Anlage rollstuhlgerecht umbauen zu lassen. Leider stieß das nicht auf geschlossene Zustimmung. Hierzu würde ich gern von Ihnen einige Argumente an die Hand bekommen. Ich persönlich halte es für wichtig und richtig, dass wir uns Menschen mit Behinderung öffnen.

Peter Seidl
© Hasenkopf

Peter Seidl: Zuerst einmal finde ich es toll, dass Du Dir zum Thema Rollstuhltennis Gedanken gemacht hast und die Tennisanlage rollstuhlgerecht umbauen lassen möchtest. Meiner Meinung sollte die Integration von menschen mit Handicap nicht mehr diskutiert werden müssen, leider aber ist es größtenteils noch so. Zwar werden immer mehr bauliche Maßnahmen getroffen, dies allein baut allerdings die Barrieren in den Köpfen der Menschen noch nicht ab.

Integration bedeutet aus meiner Sicht zu versuchen, Menschen mit den unterschiedlichsten Arten von Behinderungen (z.B. Rollstuhlfahrer, Blinde oder Gehörlose) durch baulichen Maßnahmen am »normalen« Leben teilhaben zu lassen. Wir  sprechen über eine recht kleine Gruppe, die es in bestehende Systeme zu integrieren gilt. Unter Inklusion verstehe ich, Nichtbehinderte und Menschen mit Handicap als Individuen gemeinsam und gleichberechtigt und von vornherein als Teil des Ganzen zu sehen.

Integration im Tennissport wäre z.B., eine Rollstuhlgruppe in einem Tennisverein zu gründen, die separat untereinander Bälle schlagen. Inklusion wäre, Menschen mit Handicap innerhalb des Vereins je nach Spielstärke bestehenden Traininngsgruppen zuzuordnen. Eine »inklusive« Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die nach dem Prinzip »jeder gemäß seiner Fähigkeiten« funktioniert. Warum also sollten Fußgänger und Rollstuhlfahrer unseren schönen Sport nicht gemeinsam, sprich: auf ein und demselben Platz, ausüben?!

  » Peters bisherige Beiträge…

Wettbewerbsnachteile

Frage an Peter Seidl: Hallo Peter! Bei den Australian Open bin ich auf das Rollstuhltennis aufmerksam geworden. Dabei habe ich ein wenig im Netz recherchiert und gegoogelt. Hierbei ist mir zum einen aufgefallen, dass wir in Deutschland fast keinen Nachwuchs und generell kaum Topspieler haben. Bei den Herren gibt es praktisch keinen nennenswerten Wettbewerber, gerade mal bei den Damen sind zwei oben dabei, danach scheint allerdings absolut nichts zu kommen. Woran liegt das? Und zweite Frage: der Australier Dylan Alcott genießt in seiner Heimat und darüber hinaus Kultstatus und besitzt Starappeal. Mit Sabine Ellerbrock und Katharina Krüger gibt es offensichtlich zwei deutsche Top-Ten-Spielerinnen, von denen man aber weder etwas liest noch sieht. Wollen die sich nicht oder kann man die nicht vermarkten?! Ich finde Rollstuhltennis toll und habe großen Respekt vor der Leistung. Ich verstehe aber nicht, warum Rollstuhltennis hierzulande quasi nicht stattfindet?!

Peter Seidl
© Hasenkopf

Peter Seidl: Leider findet Rollstuhltennis in Deutschland kaum Beachtung. Hier ist der Behindertensport allgemein weniger in der Öffentlichkeit vertreten, anders zum Beispiel in England, Holland, Frankreich, Japan und wie Du erwähnt hast, in Australien. ich denke, das liegt viel an der deutschen Mentalität, wo zwar überall von Inklusion gepredigt wird, in den Köpfen der meisten Menschen aber nicht stattfindet. Unsere Spitzenspielerinnen Ellerbrock und Krüger können trotz bescheidener Förderung und geringer Sponsoringgelder in der Weltspitze mithalten. Nicht behinderungsaffines oder nicht-medizinisches Sponsoring ist bei uns in Deutschland aber aktuell noch undenkbar. Das ist in anderen Ländern anders. Dass bei den Herren kein Spieler in den Spitzenregionen vertreten ist, liegt auch an den nicht vorhandenen Behinderungsklassen beim Rollstuhltennis. Da unsere Spieler alle auch im Alltag auf den Rollstuhl angewiesen sind, haben sie körperlich deutliche Nachteile gegenüber Spielern mit geringer Behinderung, die den Rollstuhl meist nur zum Sport benötigen, enorme Wettbewerbsnachteile. Rollstuhltennis hat als »Alleinstellungsmerkmal« gegenüber anderen Behinderungssportarten keine Einteilung in unterschiedliche Behinderungsklassen. Hier spielen Querschnittsgelähmte (meist ohne Bauch- und Rückenmuskulatur) auch gegen Amputierte oder Leute, die noch alle Muskelgruppen zur Verfügung haben. Und das ist natürlich ein deutlicher Nachteil für »komplett Querschnittsgelähmte«. Die ITF in London, die international für das Rollstuhltennis verantwortlich ist, ändert aber zum Leidwesen vieler Spieler nichts daran. Davon ist auch unser Nachwuchs betroffen! Viele wechseln dann lieber zu anderen Sportarten, in denen sie dank der Einteilung in diverse Schadensklassen mehr erreichen können, z.B. die Teilnahme an den Paralympics.

  » Peters bisherige Beiträge…