Brief an Wim Fissette

Von Christoph Kellermann.


Lieber Wim.

Angelique Kerber wurde gestern Wimbledonsiegerin. Wahnsinn. Verrückt. Vor allem, wenn man das vergangene Jahr betrachtet. Dieser Wimbledontitel gehört selbstverständlich auch Dir. Zu großen Teilen sogar. Da in Deutschland gefühlt ja einzig und allein der erste Platz bei einem Großereignis gewürdigt wird und alles andere – ebenfalls gefühlt – als Niederlage abgestempelt wird, vergisst man schnell, was Du schon abseits des berühmtesten Tennisturniers der Welt als Coach unserer sportlich abgestürzten Tennis-Lady in den vergangenen neun Monaten geleistet hast.

Kerber hat nämlich bislang ein beeindruckendes Jahr hingelegt: Megastarke Präsenz beim Hopman Cup in Perth, Sieg in Sydney, Semifinale bei den Australian Open mit dem denkbar unglücklichen Aus gegen Halep, Semifinale Dubai, Viertelfinale French Open (wieder mit einem umkämpften Aus gegen Halep) und Finale Eastbourne. Lediglich auf Mallorca sowie in Doha, Rom, Indian Wells und Miami sowie beim Fed Cup ist Dein Schützling etwas hinter den eigenen Erwartungen zurückgeblieben.

Du hast unserer Nummer Eins wieder Selbstvertrauen eingeimpft, hast sie (noch) fitter gemacht und vor allem hast Du ihren Aufschlag immens verbessert. Und das Schöne ist: es gibt noch reichlich Luft nach oben. Und eine weitere Entwicklung ist schon für die kommenden US Open erforderlich, denn nicht immer entwickelt sich ein Spielbaum so perfekt, wie in diesem Jahr in Wimbledon. Das war gewiss kein Fallobst, das Angelique an der Church Road auf dem Weg zum Titelgewinn aus dem Weg fegen musste, aber die Aufgaben hätten gewiss unangenehmer sein können. Dies alles soll Eure gemeinschaftliche Leistung aber keinesfalls schmälern. Mit dem Wimbledonsieg habt Ihr Euch in die Geschichtsbücher eingetragen. Wer nach einem absoluten Seuchenjahr Derartiges zu Vollbringen im Stande ist, verdient vor allem eins: Respekt. Wim, für mich jedenfalls hast Du bereits heute die »Konstrukteurs-WM« des Jahres gewonnen. Du bist der Motor des Kerber-Erfolgs. Möge das Tennisjahr 2018 für Euch so erfolgreich weiterverlaufen.

Liebe Grüße, Christoph Kellermann


Autor: Christoph Kellermann
Photocredits:
Jürgen Hasenkopf

Juli 2018 · © tennisredaktion.de

Brief an Julia Görges

Von Christoph Kellermann.


Liebe Julia.

Zunächst einmal möchte ich Dich beglückwünschen zu einem bemerkenswerten Turnier in Wimbledon. In den vergangenen Jahren bist Du an der Church Road stets in Runde Eins gescheitert, diesmal hast Du Dich bravourös ins Semifinale gespielt. Gratulation auch an Dein sympatisches »Miniteam« in der Box. Michael und Florian haben sicherlich großen Anteil, an Deinen fünf Siegen in Wimbledon und dem damit verbundenen Einzug in die Top Ten.

Im Grunde hast Du bis zum Halbfinale alles richtig gemacht und zur Überraschung aller im Herbst Deiner Karriere das bedeutendste und wichtigste Tennisturnier der Welt gerockt. Dennoch wirst Du Dich noch lange fragen, ob nicht mehr drin war. Einige Kollegen hatten bereits ab dem Viertelfinale mehrfach geschrieben, dass es noch nie so »einfach« war, Wimbledon zu gewinnen, wie in diesem Jahr. Die ersten Zehn der Welt scheiterten früh, im Feld waren nur noch Spielerinnen, gegen die man ganz sicher nicht als Außenseiterin startet. Auch Ausnahmekönnerin und Grand-Slam-Siegerin-Championesse Serena Williams war in diesem Jahr zu diesem Kreis zu zählen. Für mich warst Du im Semi definitiv favorisiert.

Was aber hat Dich gebremst? War es die ehrfurchteinflößende Kulisse auf dem Centre-Court inklusive voller Royal Box? Das Abbild der mächtigen Serena Williams auf der anderen Seite des Platzes? Die Angst vor dem ganz großen Wurf? War das viel zitierte, ja fast schon geforderte »deutsche Finale« im Hinterkopf? Was immer es war, es war menschlich.

Phasenweise erinnertest Du mich an Sabine Lisicki, die nach einem fantastischen Turnier 2013 gegen Marion Bartoli aus Frankreich als leichte Favoritin gehandelt wurde und beim 1:6, 4:6 bei weitem nicht das abrief, was sie bis zum Endspiel zu leisten im Stande war. Seitdem trauert Lisicki der »Chance ihres Lebens« hinterher. Vielleicht aber machst Du es auch wie die leider viel zu früh verstorbene Tschechin Jana Novotna: sie wischte sich den Mund ab und kämpfte sich aus dem Tal der Tränen. 1998 schnappte sie sich an der Church Road nach zwei verloren Finalspielen und endlos vergebenen Chancen den nicht mehr für möglich gehaltenen Turniersieg. Jule, auf ein Neues in 2019!

Liebe Grüße, Christoph Kellermann


Autor: Christoph Kellermann
Photocredits:
Jürgen Hasenkopf

Juli 2018 · © tennisredaktion.de

Brief an Alexander Zverev

Von Christoph Kellermann.


Lieber Sascha.

Dein Auftritt gestern beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon, dass Du laut eigener Aussage ja eigentlich gewinnen wolltest, war eine Farce und erinnerte ein Stückweit an die Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland: satt, selbstherrlich, mitunter arrogant und immer die Schuld woanders suchend. Mexiko, Südkorea, Gulbis, who cares? Sportlich drittklassig. Machen wir mal eben weg. Wieder einmal ging der Schuss nach hinten los. Gegen den Letten Gulbis, Nummer 138 der Welt und 2018 und bis Wimbledon immerhin schon ein World-Tour-Match gewonnen, hast Du Dich am Ende derart vorführen lassen, dass es Kollege Marcel Meinert am Sky-Mikrofon fast schlecht wurde. Deinen regelrechten und fast freiwillig wirkenden Absturz in den Sätzen Vier und vor allem Fünf professionell abzumoderieren, ohne dabei vollends aus der Fasson zu geraten, ist auch eine Kunst. Respekt, Marcel.

Die Nummer Drei der Welt lässt ein Drittrundenmatch auf dem heiligen Rasen in Wimbledon laufen. Wahnsinn! Statt auf Deine zwanzig Goldkettchen solltest Du lieber mal auf die Zähne beißen. Akzeptieren, dass Dir kein Majortitel in den Schoß gelegt wird. Stattdessen schenkst Du in schöner Regelmäßigkeit entscheidende Partien ab. Streng genommen hättest Du in Wimbledon bereits in der Runde zuvor die Segel gestrichen, hätte Dich gegen Taylor Fritz nicht die Dunkelheit in den nächsten Tag gerettet. Dein größtes Manko? Du bist nicht in der Lage, Dich selbst zu coachen. Du bist abhängig. Ein Gefangener des Zverev-Clans halt. Du brauchst jemanden, der Dich zur Selbstständigkeit erzieht. Im Wohlfühlnest Deiner Eltern ist der nächste Schritt kaum möglich.

Liebe Grüße, Christoph Kellermann


Autor: Christoph Kellermann
Photocredit:
Jürgen Hasenkopf

Juli 2018 · © tennisredaktion.de