Für den DTB zu intelligent

Von Christoph Kellermann.


Weltstadt Hamburg, Juli 2018. Wimbledonsieger und Turnierdirektor Michael Detlef Stich, der sich seit 2009 an der Haller Straße am Rothenbaum für die »German Open« als Turnierdirektor verantwortlich zeigt, bläst an historischer Stätte zu seinem ultimativ letzten Angriff, ehe er das Boot der 500er-Turniers im hohen Norden verlassen muss. 2009 vom Deutschen Tennis Bund als Retter des einstigen ATP-Masters-Series-Events angeheuert, heute von eben jenem Verband jämmerlich vom Schiff gejagt.

Wimbledon- und Olympiasieger Michael Stich

2009 sagte der heutige DTB-Vizepräsident Dirk Hordorff im Gespräch mit den geschätzten Kollegen Böseler und Kosinski vom »tennismagazin«, Michael Stich hätte das Turnier am Rothenbaum in leitender Funktion schon viel früher übernehmen sollen als 2009 und dass mit Michael Stich an der Spitze wieder mehr Glaubwürdigkeit einziehen werde. Außerdem lobte Hordorff die wirtschaftlich starke lokale Vernetzung Stichs und dessen enorme Persönlichkeit. Dass Stich bei seiner Übernahme in 2009 nicht schlechtere Bedingungen hätte vorfinden können, blieb von Hordorff ebenfalls nicht unerwähnt.

Tennislegende Michael Stich

Stich selbst blickt in zahlreichen Interviews auf eine ereignisreiche Zeit als Turnierdirektor zurück. Federer, Nadal, Zverev, alle haben sie den »German Open« in den vergangenen neun Jahren ihren Stempel aufgedrückt. Man habe, so Stich, aus einem guten Turnier ein sehr gutes gemacht. Nun also bricht der DTB mit einer seiner schillerndsten Persönlichkeiten und wenigen Aushängeschilder. Wieder einmal. Der Österreicher Peter Reichel soll die »German Open« – gemeinsam mit seiner Tochter Sandra – zu neuem Glanz führen. Dass Wimbledon- und Olympiasieger Michael Stich dies wurmt, ist wohl verständlich. Dass er von Hordorff und dem DTB eiskalt abgesägt wurde, darf er wohl persönlich nehmen. Michael Stich ist intelligent und selbstbewusst. Ein Mann, der weiß, was er kann. Solche Menschen sind für ein Konstrukt wie einen Tennisverband immer unangenehm. Sie stören. Funktionäre können sich mit solchen »Machern« nicht im Sinne der Sache zusammenraufen. Michael Stich ist keine Marionette. Das wurde ihm zum Verhängnis.

DTB-Vize Dirk Hordorff

Hordorff selbst fühlt sich in seinem Denken und Tun übrigens bestätigt, stellte er sich doch dieser Tage kopfschüttelnd vor die Presse, als Michael Stich bei seinem letzten Rothenbaum-Turnier nur zwei der drei zu vergebenen Wildcards an deutsche Spieler verteilte. Die dritte Wildcard gab Stich dem Norweger Casper Ruud. Der DTB habe mit der Neuausrichtung mit Peter Reichel dafür gesorgt, dass so etwas in Zukunft nicht mehr passieren könne, so Hordorff. Dirk, stehen Stichs Amtskollegen Edwin Weindorfer (Turnierboss MercedesCup in Stuttgart, Wildcard an den Tschechen Tomas Berdych), Patrik Kühnen (Turnierboss BMW Open in München, Wildcard an den Norweger Casper Ruud) und vor allem Peters Tochter Sandra Reichel (Turnierchefin beim Nürnberger Versicherungscup, Wildcard an die Amerikanerin Sloane Stephens) nun ebenfalls auf Deiner Abschussliste?

Dass Michael Stich am Wochenende seines letzten Auftritts am Rothenbaum am gestrigen Samstag im US-Amerikanischen Newport als sechster Deutscher in die »International Hall of Fame« aufgenommen wurde, passt irgendwie ins schiefe Bild des DTB. Global als Tennislegende anerkannt und gehuldigt, hierzuzlande verärgert und vertrieben, weil mündig, unbequem und für den Deutschen Tennis Bund vielleicht ein wenig zu intelligent.


Autor: Christoph Kellermann
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Jürgen Hasenkopf

Juli 2018 · © tennisredaktion.de

Wahrhaft diskrepant

Von Christoph Kellermann.


Es ist schon erstaunlich, womit sich der Deutsche Tennis Bund wenige Tage nach Kerbers Wimbledontriumph offensichtlich am meisten beschäftigt hat. Der mitgliederstärkste Tennisverband der Welt ließ nämlich dieser Tage über eine eigens verfasste Pressemitteilung verlauten, dass das Marktforschungsunternehmen »Nielsen Sports« im Auftrag des DTB nach einer repräsentativen Umfrage schier unglaubliche Zahlen zusammentragen konnte. Hiernach sollen sage und schreibe 6,3 Millionen Menschen auf Grund des Kerberschen Triumphes ein – so der Deutsche Tennis Bund – »erhöhtes Interesse am Tennissport« haben. Nun, mit dieser Umfrage lässt sich weder werben, noch könnte man daraus schließen, dass es mit dem Tennissport in Deutschland derart bergauf ginge, wie es der Deutsche Tennis Bund uns und seinen (potentiellen) Werbepartnern gerne vermitteln möchte.

Ein gewisser Pascal Schulte mit dem vielsagenden Titel »Vice President Sales Operations & Account« beim Kölner Unternehmen »Nielsen Sports« präsentierte den »Heads of Everything« des Deutschen Tennis Bundes Zahlen, bei denen es uns – so die Umfragewerte denn stimmen – um den nationalen Tennissport in Zukunft nicht bange sein muss. Dem gegenüber stehen allerdings extrem schwache Einschaltquoten während des umworbenen Wimbledonfinals: gerade einmal 190.000 Sky-Abonnenten sollen dem Duell »Kerber vs. Williams« zugeschaut haben und bei der kurzfristig eingekauften Sublizenz des ZDF waren es lediglich gut zwei bis zweieinhalb Millionen Menschen, die den Kerber-Coup dauerhaft verfolgt haben. Zum Vergleich: wenn Thomas Gottschalk damals bei »Wetten, dass« die zweistellige Millionenquote nicht knacken konnte, sprach man bereits von einem Flop und der beste Münsteraner Tatort brachte es in diesem Jahr auf 12 Millionen Zuseher. Die Triumphe von Steffi  Graf und Boris Becker sahen in den 80er- und 90er-Jahren laut »Quotenmeter.de« übrigens nicht selten 15 Millionen Tennisfans und mehr. Schulte spricht beim ZDF darüber hinaus von einem Spitzen-Zuschauerwert bei Kerber gegen Williams von 3,6 Millionen. Wann wurde dieser Wert erfasst? Vermutlich in der Halbzeitpause des parallel stattfindenden WM-Spiels Belgien gegen England. Soccer rules. O-Ton Schulte: „Es gibt viele Sportarten, die sich solche Werte wünschen!“ Sicher. Es gibt auch viele ehrenwerte Sportarten, die sich überhaupt mal eine Übertragung wünschen. Rhönradfahren, Synchronschwimmen oder Unterwasserrugby zum Beispiel.

Es ist mehr als offensichtlich: der Deutsche Tennis Bund versteht es auch weiterhin nicht, sich selbst, seinen Sport und seine Athleten vernünftig zu vermarkten. Er hat auch gar keinen wirklichen Zugriff auf sie. Angelique Kerber nimmt nach dem Wimbledon-Coup ein, zwei Sponsorentermine in eigener Sache wahr, fliegt dann weit weg in den Urlaub oder in ihre Heimat nach Polen und Alexander Zverev verzieht sich abseits seiner sportlichen Auftritte in schöner Regelmäßigkeit in seine Wahlheimat Monaco und genießt sein Jet-Set-Leben. Und weil es der DTB nicht schafft, seine Zugpferde an der Basis volksnah einzubinden, verstrickt man sich in billige Alternativ-Kampagnen wie »Unser Tennis« mit grandiosen Testimonials wie Dieter Nuhr oder Matthias Opdenhövel. O-Ton DTB: „Wir rücken diese prominenten Tennisfans in den Fokus unserer neuen Online-Kampagne!“ Die Präsidiums-Sitzung, in der das abgesegnet wurde, ist sicher schon heute legendär. Ebenso wie die schwindelerregende Zahl der durch Kerber angeblich aktivierten sage und schreibe 6,3 Millionen (in Worten: sechs-komma-drei-Millionen) Tennisenthusiasten hierzulande. Das Verhältnis des hier kommunizierten abentuerlichen Umfragewertes zur aktuellen Mitgliederzahl des DTB, die ich hier besser verschweige, ist wahrhaft diskrepant.


Autor: Christoph Kellermann
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Juli 2018 · © tennisredaktion.de

Teppich von hinten aufgerollt

Von Christoph Kellermann.


Bei den Grand-Slam-Turnieren hat er sich stetig gesteigert im Laufe der Saison 2018, dieser Novak Djokovic: Achtelfinale in Melbourne, Viertelfinale in Paris und nun der für viele doch sehr überraschende Titelgewinn in Wimbledon. Zugegeben, auch ich hatte den Serben keinesfalls auf meiner Favoritenliste, trotz seiner starken Vorstellung beim »Vorbereitungsturnier« zuvor in Queens, wo er erst im Finale von Marin Cilic gestoppt wurde. Nur er selbst hat sich vielleicht für den ganz großen Triumph in Wimbledon bereit gefühlt. »Nole« hat sich an der Church Road nach 2011, 2014 und 2016 seinen nunmehr vierten Einzeltitel gesichert. Das ist beachtlich, vor allem, wenn man seine furchtbare diesjährige Negativserie beginnend in Indian Wells, über Miami, Monte-Carlo, Barcelona bis Madrid mit ins Kalkül zieht, wo partout nicht viel bis gar nichts laufen wollte.

Verdient hat sich Djokovic diesen Majortitel spätestens durch seinen überragenden Halbfinal-Triumph im vorweggenommenen Endspiel über den Spanier Rafael Nadal. In einer extrem hochklassigen Schlacht setzte sich der Mann aus Belgrad am Ende mit 10:8 durch, das war pure Werbung für den Tennissport. Das Finale gegen den südafrikanischen Steh-Auf-Hünen Kevin Anderson, der nach den letztjährigen US Open auch sein zweites Grad-Slam-Finale verlor, war irgendwie nur Formsache. Kein Zweifel: Djokovic hat sich den diesjährigen Titel nach Siegen über Sandgren, Zeballos, Khachanov, Nishikori, Nadal und Anderson redlich verdient. Er hat ein toughes Feld von hinten aufgerollt.


Autor: Christoph Kellermann
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Jürgen Hasenkopf

Juli 2018 · © tennisredaktion.de