Lieber Philipp!

Im Laufe Deiner Karriere hagelte es oft Kritik. Nicht unbedingt immer, aber meistens zu Recht. Die Frage, ob Du Dein enormes Potential zufriedenstellend ausgeschöpft hast, sei es spielerisch oder vermarktungstechnisch, kannst ja eigentlich nur Du selbst beantworten. Mehr als 450 Einzelsiege auf der großen Tour – Stand 13. März 2019 – acht Turniersiege, zahlreiche Davis-Cup-Einsätze – und dennoch: wie viele Experten, denke auch ich, dass bei Deinem Potential bis zum heutigen Tag gefühlt mehr hätte drin sein müssen. Vor allem beim Davis-Cup-Spiel gegen Ungarn hast Du für mich absolut enttäuscht. Man wollte Dir schon fast zurufen: „Lass es einfach!” Nach diesen beiden desaströsen Einzelauftritten gegen absolut unterklassige Gegner scheinst Du jedoch den berühmten Hebel umgelegt zu haben. Zunächst der respektable Auftritt gegen Federer in Dubai, nun die beiden aufeinanderfolgenden Husarenstreiche gegen Kyrgios und Djokovic zum Auftakt in Indian Wells. Du wirkst vollends konzentriert und fokussiert und es scheint, dass Du – wenn ein Rad ins andere greift – hier und da auch mit Deinen 35 Jahren noch immer mit den absolut Besten mithalten kannst. Im Laufe Deiner 18-jährigen Karriere hattest Du immer mal solche Highlights. Ich erinnere nur an das Monstermatch gegen Murray in Dubai. Legendär. Beweisen musst Du niemandem etwas. Für unzählige Kollegen bleiben Deine bisherigen Erfolge und erspielten Preisgelder trotz Deiner vielen Aufs und Abs ein lebenslanger und unerfüllter Traum. Aber gerade Deine Leistungs- und Stimmungsschwankungen lassen Fans und Experten immer wieder verzweifeln. Ich persönlich wünsche Dir im Spätherbst Deiner Karriere noch viele weitere Paukenschläge und vor allem Konstanz. Ein Sieg bei einem Masters und konstant starke Leistungen bei den Majors würden Deiner Karriere rückblickend den Makel des »Unvollendeten« nehmen. Eine derart lange Karriere hätte das schon verdient.

Viele Grüße, David Schwätter

März 2019 · Photocredit: Jürgen Hasenkopf