Brief an Julia Görges

Von Christoph Kellermann.


Liebe Julia.

Zunächst einmal möchte ich Dich beglückwünschen zu einem bemerkenswerten Turnier in Wimbledon. In den vergangenen Jahren bist Du an der Church Road stets in Runde Eins gescheitert, diesmal hast Du Dich bravourös ins Semifinale gespielt. Gratulation auch an Dein sympatisches »Miniteam« in der Box. Michael und Florian haben sicherlich großen Anteil, an Deinen fünf Siegen in Wimbledon und dem damit verbundenen Einzug in die Top Ten.

Im Grunde hast Du bis zum Halbfinale alles richtig gemacht und zur Überraschung aller im Herbst Deiner Karriere das bedeutendste und wichtigste Tennisturnier der Welt gerockt. Dennoch wirst Du Dich noch lange fragen, ob nicht mehr drin war. Einige Kollegen hatten bereits ab dem Viertelfinale mehrfach geschrieben, dass es noch nie so »einfach« war, Wimbledon zu gewinnen, wie in diesem Jahr. Die ersten Zehn der Welt scheiterten früh, im Feld waren nur noch Spielerinnen, gegen die man ganz sicher nicht als Außenseiterin startet. Auch Ausnahmekönnerin und Grand-Slam-Siegerin-Championesse Serena Williams war in diesem Jahr zu diesem Kreis zu zählen. Für mich warst Du im Semi definitiv favorisiert.

Was aber hat Dich gebremst? War es die ehrfurchteinflößende Kulisse auf dem Centre-Court inklusive voller Royal Box? Das Abbild der mächtigen Serena Williams auf der anderen Seite des Platzes? Die Angst vor dem ganz großen Wurf? War das viel zitierte, ja fast schon geforderte »deutsche Finale« im Hinterkopf? Was immer es war, es war menschlich.

Phasenweise erinnertest Du mich an Sabine Lisicki, die nach einem fantastischen Turnier 2013 gegen Marion Bartoli aus Frankreich als leichte Favoritin gehandelt wurde und beim 1:6, 4:6 bei weitem nicht das abrief, was sie bis zum Endspiel zu leisten im Stande war. Seitdem trauert Lisicki der »Chance ihres Lebens« hinterher. Vielleicht aber machst Du es auch wie die leider viel zu früh verstorbene Tschechin Jana Novotna: sie wischte sich den Mund ab und kämpfte sich aus dem Tal der Tränen. 1998 schnappte sie sich an der Church Road nach zwei verloren Finalspielen und endlos vergebenen Chancen den nicht mehr für möglich gehaltenen Turniersieg. Jule, auf ein Neues in 2019!

Liebe Grüße, Christoph Kellermann


Autor: Christoph Kellermann
Photocredits:
Jürgen Hasenkopf

Juli 2018 · © tennisredaktion.de