Brief an Ivan Lendl

Lieber Ivan.

In nur wenigen Monaten hast Du unserer Nummer Eins, Alexander Zverev, als »Super-Coach« zu einem der fünf ganz großen Titel geführt. Gestern, nach dem überragenden Finaltriumph über den aktuell besten Spieler der Welt, Novak Djokovic, habe ich mich mit mehreren Experten unterhalten. Allesamt waren wir der Meinung, dass Du Dir diesen Coup zu einem nicht unwesentlichen Teil auch auf Deine eigene Fahne schreiben kannst. Klar, schlussendlich ist es der Spieler, der den Sieg einfahren muss, aber die Programmierung Deines Schützlings für diesen Husarenstreich hast Du ganz persönlich vorgenommen. Zunächst habt Ihr die stets gefährlichen John Isner und Marin Cilic in der Vorrunde ohne Satzverlust eliminiert und dann der Reihe nach die beiden Legenden Roger Federer und eben Djokovic – ebenfalls ohne Satzverlust – abserviert. Dieser Leistung gebührt Respekt.

Ich hatte zudem das Gefühl, als hätte es diesmal im Zverev-Clan eine andere Herangehensweise gegeben. Im Vorfeld hörten wir nach außen hin ungewöhnlich leise Töne. Zverev verkaufte sich demütig und meinte, es wäre schon ein Riesenerfolg, sich für das Final-Shoot-Out in London am Ende einer langen Saison qualifiziert zu haben – vom Titel sprach er nicht. Im Inneren strebte er bei den ATP Finals natürlich den Sieg an, nahm sich aber durch sein Understatement den Druck von außen. Das ist ohne jeden Zweifel Deine typische Handschrift, Ivan. Schon wie Du bei Zverev in der Box sitzt: fokussiert, demütig, ruhig und ausgeglichen. Kein permanentes Aufspringen und Fäuste ballen, keine Show. Wohltuend angenehm in Zeiten völlig übermotivierter Spielerboxen. Deine nächste Aufgabe wird es sein, Deinen Schützling nicht nur auf den ersehnten ersten Grand-Slam-Erfolg vorzubereiten, sondern ihn auch auf dem berühmten Teppich zu halten, denn schließlich wird Alexander den Fans 2019 als amtierender »Weltmeister« präsentiert. Die Racketbag wird dadurch nicht unbedingt leichter. Aber ich bin mir ziemlich sicher: er wird auf Dich hören.

Liebe Grüße, Christoph Kellermann

Autor: Christoph Kellermann
Photocredit:
Jürgen Hasenkopf

November 2018 · © Tennisredaktion.de