Brief an Hans Stephan

Lieber Hans.

Auch wenn man seit geraumer Zeit irgendwie immer mit dieser schlimmen – weil endgültigen – Nachricht rechnen musste, so schlug die Meldung, dass Du uns verlassen haben sollst, wie eine Bombe ein. Vor allem, weil wir beide in jüngster Vergangenheit aus den verschiedensten Gründen nicht mehr jene vielfältigen Berührungspunkte hatten, die uns über viele Jahrzehnte immer wieder zusammenführten.

Rückblickend würde ich Dich als echtes »Unikum« bezeichnen. Als Mensch, als langjähriger Funktionär auf Bezirks- und Stadtebene und als Tennisspieler sowieso. Wer jemals das zweifelhafte Vergnügen hatte, gegen Dich spielen zu dürfen, der weiß, wovon ich rede. 1983 hast Du mir in meinem allerersten Medenspiel die Leviten gelesen. Mit Deinem Verein Lüner SV warst Du beim Ruderclub Hamm zu Gast. Ich spielte dort in der dritten Herrenmannschaft an Position Sechs. Es war – wie bereits erwähnt – mein erster Einsatz auf Herrenebene. Ein Einsatz, den ich nie vergessen werde. Dein Auftritt war exakt so, wie es mir mein älterer Bruder, der mit Dir gemeinsam beim Lüner SV aktiv war, prognostiziert hatte, als er hörte, dass ich gegen »Doc Stephan« spielen müsse: es erwartete mich in der Tat ein mit Draht geflickter Holzschläger, die gerissenen Saiten ebenfalls mit Draht fixiert, die Strickjacke mit den Ärmeln um die Hüfte gebunden und eine Technik, die einen 16-jährigen »Haudrauf« nach dem Warmspielen eigentlich nur zu einem Schluss kommen lassen konnte: „Halbe Stunde – inklusive Warmspielen!” Das Ergebnis ist bekannt: 6:0, 6:7, 0:6 – aus meiner Sicht. Was habe ich geflucht. Im ersten Satz hattest Du meinem Juniortennis nichts entgegenzusetzen, ab dem zweiten Satz gabst Du den Bällen mit Deiner unnachahmlichen und unorthodoxen No-Look-Technik einen Effet, der mir bis heute unerklärlich ist.

Auf aktiver Ebene sollten wir uns allerdings noch einmal auf dem Platz gegenüberstehen. Du hattest Dich gerade halbwegs mit den Folgen eines bösen Schlaganfalls arrangiert und Deine liebe Frau überredete Dich, Tennis doch mal im Rollstuhl auszuprobieren. Als ich sagte „Hans, Zeit für eine Revanche und die optimale Gelegenheit, endlich eine vernünftige Schlagtechnik zu erlernen”, hast Du geschmunzelt. Den Stuhl konntest Du leider nicht mehr selbst bewegen. Aber Deinen Schlagarm. Im Laufe der folgenden Wochen schafften wir es, den Ball im T-Feld oder als Volley-Duell knapp 20 Mal über das Netz zu befördern. Diese großartige Leistung forderte Dir leider viel zu viel geistige und körperliche Energie ab. Aber Deine Frau ob Deines Comebacks mit Tränen in den Augen am Netzpfosten stehen zu sehen, war alle Mühen wert. Die Stunden mit Dir auf dem Court haben mir viel bedeutet. Und über den Inhalt Deiner Trinkflasche Samstagsmorgens um 11 Uhr decken wir zwei den Mantel des Schweigens. Ich kann Dir aber versichern, dass ich mit meinen Betreuern im ureigensten Interesse einen ähnlich interessanten Deal ausgehandelt hätte.

So bist Du also nun von uns gegangen. Hast Dein Leben lang gekämpft. Als Mensch, der bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad quer durch Lünen von A nach B geradelt ist, als Funktionär um Gerechtigkeit und Ordnung in unserem schönen Sport und als Spieler, dem der fieseste Schlag gerade fies genug war, um den Gegner aus der Balance zu bringen.

„Zwei Pils, bitte. Eins auf Dich und eins für mich.”

Dein Christoph

Autor: Christoph Kellermann
Photocredit: Tennisredaktion.de

Dezember 2018 · © Tennisredaktion.de