Brief an Carlos Ramos

Lieber Carlos.

Am vergangenen Samstag warst Du Stuhlschiedsrichter beim legendären Finalmatch der US Open zwischen Naomi Osaka und Serena Williams. Letztere hast Du im Laufe des Matches insgesamt drei Mal verwarnt. Einmal wegen unerlaubten Coachings, einmal wegen Schlägermissbrauchs und einmal wegen verbaler Entgleisungen. Alles richtig gemacht. Bei allen drei Verwarnungen gibt es regeltechnisch absolut nichts zu diskutieren.

Du hast Dich in übelster Art und Weise beschimpfen lassen. Serena Williams hat Dich »Dieb« und »Lügner«genannt und weitere Offizielle auf dem Court vor den Augen und Ohren der Welt angebrüllt. Sie hält ihr Verhalten auch heute noch für absolut OK, alleine schon weil sie „eine Tochte habe” und „Serena Williams sei”. Das ist abenteuerlich und schon harter Tobak, was Du und deine Funktionärskollegen da on court einstecken mussten. Dennoch wirft man Dir mangelndes Fingerspitzengefühl vor. Dabei hast Du meiner Meinung nach jede Menge Fingerspitzengefühl bewiesen, indem Du diese wütende »Bestie«, die – ebenfalls in New York – einer Linienrichterin nach einer Fußfehlerentscheidung mal nach dem Leben trachtete, nicht disqualifiziert hast. Spätestens da wäre die größte Tennis-Arena zum absoluten Tollhaus geworden. Hier hast Du Weitblick bewiesen.

Und als wären Williams` Entgleisungen im Arthur-Ashe-Stadium noch nicht genug, zettelt sie nach dreimaligem Durchatmen in der anschließenden Pressekonferenz auch noch eine Sexismusdebatte an. Die Unterstützung Deiner Schiedsrichterkollegen scheint Dir gewiss, denn viele denken über einen Boykott der kommenden Serena-Williams-Matches nach. So und nur so kann man die »Bestie Serena Wiliams« wohl zur Raison bringen. Alleine schon, dass sie ihrer blutjungen und mutig aufspielenden Gegnerin Naomi Osaka ihr »erstes Mal« hochgradig versaute, ist unverzeihlich. Dass sich Osaka dennoch bei der Siegerehrung artig und japanisch-gut-erzogen vor der US-Amerikanerin verneigte, ist Williams` Glück. Kaum auszudenken, sie hätte sich dies alles gegen einen Vulkan wie Ostapenko geleistet.

Carlos, diese Partie, die auch für Dich als Schiedsrichter ein Karrierehöhepunkt sein sollte, wird Dich noch eine Zeit verfolgen. Etwas Gutes hat dieses Finale aber dennoch: DU wirst ganz sicher keine Partie von Serena Williams mehr leiten müssen. Soviel steht fest.

Liebe Grüße, Christoph Kellermann

 

Autor: Christoph Kellermann
Photocredit:
Jürgen Hasenkopf

September 2018 · © tennisredaktion.de