Brief an Angelique Kerber

Liebe Angelique.

Du bist dreifache Grand-Slam-Siegerin. Amtierender Wimbledonchamp. Warst die Nummer Eins der Welt und willst dort auch wieder hin. Man schaut auf Dich. Vor allem die Kids tun dies. Jene Mädchen, die Dir nacheifern. Du gehörst zur Weltklasse. Lebst eben jenes Traumleben, das sich viele talentierte Mädels erfüllen wollen. Du kannst eine ganze Menge, sonst wärst Du ja niemals in jene Spähren vorgedrungen, in denen man Dir auf jeder Tennisanlage der Welt den Arsch nachträgt und jeden, aber auch wirklich jeden Wunsch bücklings und bereitwillig erfüllt.

Du spielst respektabel Tennis und verfügst über eine exzellente Fitness. Wenn Du bei Deinen Grundschlägen gekonnt in die Knie gehst und die knallharten Schläge Deiner Gegenerinnen fast im Sitzen parierst – das ist ebenso stark wie einmalig. Alles das hast Du Dir angeeignet. Hart erarbeitet. Was Du aber bislang noch immer nicht gelernt hast, ist, mit Anstand zu verlieren. Ein echter Champ zeigt in der Niederlage seine wahre Größe. Es ist furchtbar mitanzusehen, wie Du Dich aufführst, wenn es mal nicht wie am Schnürchen klappt. Und das ist ja bei Dir – von wenigen Ausnahmen einmal abgesehen – über das Jahr gesehen meistens der Fall. Abgeschenkte finale Sätze, No-look-Handshakes und gerne auch mal ein paar verbale Netzfehler. Du bist in dieser Phase Deiner Karriere verdammt leicht zu besiegen. Man muss nur ein bisschen Zickenterror veranstalten oder eine Verletzungspause zum richtigen Zeitpunkt nehmen und etwas Tennisspielen können. Die 18-jährige Bianca, die Dich innerhalb weniger Tage zwei Mal in die Schranken gewiesen hat, lacht Dich, die amtierende Wimbledonsiegerin, aus. »Drama-Queen«? Was für ein Schwachsinn…

Liebe Grüße, Christoph

Autor: Christoph Kellermann
Photocredit: Jürgen Hasenkopf

März 2019 · © Tennisredaktion.de