Brief an Alexander Zverev

Von Christoph Kellermann.


Lieber Sascha.

Dein Auftritt gestern beim Grand-Slam-Turnier in Wimbledon, dass Du laut eigener Aussage ja eigentlich gewinnen wolltest, war eine Farce und erinnerte ein Stückweit an die Spiele der deutschen Fußball-Nationalmannschaft bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland: satt, selbstherrlich, mitunter arrogant und immer die Schuld woanders suchend. Mexiko, Südkorea, Gulbis, who cares? Sportlich drittklassig. Machen wir mal eben weg. Wieder einmal ging der Schuss nach hinten los. Gegen den Letten Gulbis, Nummer 138 der Welt und 2018 und bis Wimbledon immerhin schon ein World-Tour-Match gewonnen, hast Du Dich am Ende derart vorführen lassen, dass es Kollege Marcel Meinert am Sky-Mikrofon fast schlecht wurde. Deinen regelrechten und fast freiwillig wirkenden Absturz in den Sätzen Vier und vor allem Fünf professionell abzumoderieren, ohne dabei vollends aus der Fasson zu geraten, ist auch eine Kunst. Respekt, Marcel.

Die Nummer Drei der Welt lässt ein Drittrundenmatch auf dem heiligen Rasen in Wimbledon laufen. Wahnsinn! Statt auf Deine zwanzig Goldkettchen solltest Du lieber mal auf die Zähne beißen. Akzeptieren, dass Dir kein Majortitel in den Schoß gelegt wird. Stattdessen schenkst Du in schöner Regelmäßigkeit entscheidende Partien ab. Streng genommen hättest Du in Wimbledon bereits in der Runde zuvor die Segel gestrichen, hätte Dich gegen Taylor Fritz nicht die Dunkelheit in den nächsten Tag gerettet. Dein größtes Manko? Du bist nicht in der Lage, Dich selbst zu coachen. Du bist abhängig. Ein Gefangener des Zverev-Clans halt. Du brauchst jemanden, der Dich zur Selbstständigkeit erzieht. Im Wohlfühlnest Deiner Eltern ist der nächste Schritt kaum möglich.

Liebe Grüße, Christoph Kellermann


Autor: Christoph Kellermann
Photocredit:
Jürgen Hasenkopf

Juli 2018 · © tennisredaktion.de