Menschliches Finale

In den letzten Jahren wurden wir bei den Grand Slams durch großartige Finalspiele verwöhnt. So waren das Australian-Open-Finale 2017 zwischen Roger Federer und Rafael Nadal oder das Wimbledon-Finale 2019 zwischen Novak Djokovic und Roger Federer Matches, die ich nie vergessen werde. Diese Auseinandersetungen werden mir vor allem deshalb in Erinnerung bleiben, weil die Akteure in den wichtigsten Momenten ihr bestes Tennis zeigen konnten. So geschehen zum Beispiel im Wimbledon-Endspiel des vergangenen Jahres, wo Novak Djokovic gegen Roger Federer mit einem Vorhand-Cross-Passierball aus vollem Lauf einen Matchball abwehren konnte. Diese und viele andere Situationen im Verlauf solcher Matches rufen bei mir regelmäßig Fragezeichen hervor. Ich kann einfach nicht nachvollziehen, wie solche Schläge möglich sind, sprich: wie man immer wieder sein allerbestes Tennis abrufen kann, wenn es wirklich drauf ankommt.

Toni Witz
© Witz

Und dann bei den US Open 2020 ein weiteres außergewöhnliches Finale. Diesmal ging es zwischen Dominic Thiem und Alexander Zverev um die Krone und das mit über weite Strecken tollem Tennis und herausragender kämpferischer Leistung auf beiden Seiten. Dieses Match war für mich aber auch deshalb so außergewöhnlich, weil es sich meiner Meinung nach in einem Punkt sehr stark von allen anderen Finalspielen zuvor unterschied. Thiem und Zverev zeigten uns ihr »Innenleben«. Das, was sich in ihrem Kopf in den entscheidenden Momenten abspielte. Dieser Umstand ermöglichte dem Zuschauer, sich im Verlauf der Partie enorm mit den Spielern zu identifizieren. Man fühlte sich den Spielern nahe, weil auch sie – wie wir »Nicht-Profis« – in wichtigen Situationen und häufig aus Angst, einen Fehler zu machen, viel zu passiv agierten und teilweise überfordert schienen. Sie agierten in den wichtigen Situationen häufig nicht, wie man es eigentlich von ganz »Großen« gewohnt ist. Sie zeigten uns, was ihnen der Sieg sowie die Erfüllung ihres Traums, auf den sie seit vielen Jahren hinarbeiten, bedeuten. Sie zeigten ihre menschliche Seite. Und genau aus diesem Grund wird mir dieses Finale in Erinnerung bleiben.

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Be the best Coach!

Es gibt immer wieder Phasen im Verlauf der Coaching-Tätigkeiten, in denen man sich die Frage stellt, ob man einen guten Job macht oder ob alles bestmöglich läuft. Diese Fragen, beziehungsweise das sich selbst hinterfragen, kann beispielsweise in Momenten auftreten, in denen der eigene Schützling im Training nicht so motiviert ist oder eine überraschende Niederlage einstecken musste. Diese Überlegungen führen in meinem Fall gelegentlich zu der einfachen aber zugleich sehr komplexen Frage: Was macht eigentlich einen guten Coach aus?!

Toni Witz
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Ich möchte aufgrund meiner Erfahrungen, die ich früher als aktiver Spieler mit meinen Trainern, als Schüler/Student in diversen Aus- und Fortbildungen und als aktiver Trainer gesammelt habe, ein Bild eines für mich persönlich guten Coaches zeichnen. Und zwar möchte ich an dieser Stelle versuchen, andere Eigenschaften anzuführen, als jene die sehr häufig in diversen Beiträgen oder Fachzeitschriften erwähnt werden, in denen von pädagogischer Kompetenz, technischem und taktischem Verständnis, etc. die Rede ist. Diese Eigenschaften sind natürlich ebenso relevant. Ich hoffe jedoch, dass es mir durch eine mitunter anderen Betrachtungsweise gelingt, einigen Coaches dabei zu helfen, noch effizienter und qualitativ hochwertiger arbeiten zu können. Lange Rede kurzer Sinn, nun ein Auszug von Eigenschaften, die einen guten Coach meiner Meinung nach ausmachen…

Coach sein – full time job

Ein berühmter Coach hat einmal in einem Vortrag erwähnt, dass es für ihn selbstverständlich sei, immer für seine Schützlinge da zu sein. Bezogen auf das Training  bedeutet das, dass die »Betreuung« nicht ab dem Moment endet, wo man den Platz verlässt, sondern dass man auch außerhalb des Platzes ein offenes Ohr für seine Schützlinge haben sollte. Denn auch Dinge, die außerhalb des Platzes passieren, können einen positiven wie auch negativen Einfluss auf die weitere(n) Trainingsleistung(en) haben. Deshalb ist es wichtig, dies vor dem Training zu wissen, um das Training entsprechend gestalten zu können.

Verständnis

In Anlehnung an den soeben erwähnten Punkt bedeutet dies in gewissen Situationen, in denen der Schützling zum Beispiel aufgrund von privaten Problemen unkonzentriert oder unmotiviert erscheint, als TrainerIn verständnisvoller gegenüber der voraussichtlich daraus resultierenden schwächeren Trainingsleistung zu sein. Es sollte aber nach dem Training von Seiten der Trainerin bzw. des Trainers thematisiert werden, um eine Lösung für die weiteren Trainingseinheiten zu finden.

Strukturierte Flexibilität

Es ist grundsätzlich wichtig für jedes Training, einen Plan/Schwerpunkt(e) zu haben, damit klar ist, was man in der Trainingseinheit erreichen möchte. Dabei ist aber häufig eine situativ variable Flexibilität erforderlich, da, wie zuvor erwähnt, individuelle Voraussetzungen der Schützlinge an den jeweiligen Tagen berücksichtigt werden müssen/sollten. Das bedeutet für die Praxis, dass man beispielsweise den Trainingsplan bei mangelnder Motivation seitens des Schützlings mit Übungen ergänzt/ersetzt, die vielleicht nicht zum aktuellen Trainingsschwerpunkt passen, von denen man aber weiß, dass sie sehr gerne gespielt werden.

Austausch

Erklärungen und Absprachen mit seinem Schützling vor dem Training oder in dessen Verlauf sind meiner Erfahrung nach sehr wichtig, um seine Schützlinge auch mental im Trainingsprozess zu fordern und einzugliedern. Hier möchte ich grundsätzlich zwischen SpielerInnen unterscheiden die sich a) trainieren lassen, die quasi alles von ihrem Coach entscheiden lassen und im Training eher »passiv« agieren udn b) selber Inputs für das Training geben, die nachfragen oder/und hinterfragen warum beispielsweise diese Übung jetzt gespielt wird, oder in dieser Situation dieser Schlag besser ist.

Der Vorteil von aktiv trainierenden SpielerInnen ist, dass sie sich viel intensiver mit dem Tennissport auseinandersetzen, wodurch ein schnellerer Lernerfolg sowie ein schnellerer Leistungsanstieg erreicht werden kann. Somit wird klar, dass die Aufgabe eines guten Coaches auch darin besteht, dafür zu sorgen, dass seine Schützlinge aktiv im Trainingsprozess mitarbeiten. Es ist jedoch wichtig, dass nicht immer alles bis ins kleinste Detail durchdiskutiert wird, weil sonst keine Zeit für das Training an sich bleibt. Hier sind entsprechende Balance sowie ein gewisses Fingerspitzengefühl erforderlich.

Begeisterung erzeugen

Durch die bewusste Eingliederung seines Schützlings in das Training und dem dadurch wachsendem Verständnis für den Sport, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Schüler sich außerhalb des Platzes ebenfalls für den Tennissport begeistern und in der Folge besseren SpielerInnen zuschauen und versuchen werden, sich von ihnen etwas abzuschauen. Auch dies ist nachvollziehbarer Weise förderlich für die persönliche Leistungsentwicklung.

Neue Wege gehen

Abwechslungsreiche und innovative Trainingseinheiten sind wichtige Faktoren, um Begeisterung zu schaffen und aufrecht zu erhalten. Um dies zu erreichen, können unter anderem neue Dinge ausprobiert werden und auch Kreativität wird manchmal vom Coach gefordert. Entscheidend dabei ist jedoch, sich vorab ausreichend Gedanken darüber zu machen, ob sich die neue(n) Übung(en) oder ein neuer Trainingsansatz wirklich dazu eignen oder eher kontraproduktiv sind.

Motivation durch Inspiration

Motivation ist ein wichtiges Element für eine gute Trainingsleistung. Damit der Schützling in so vielen Trainingseinheiten wie möglich motiviert ist, vor allem in Einheiten mit Schwerpunkten, die dem Schützling vielleicht nicht so zusagen (beispielsweise Techniktraining), ist es wichtig, ihr/ihm näher zu bringen, warum dieser Schwerpunkt gesetzt wird. Man muss ihr/ihm so gut es geht verdeutlichen, wie beispielsweise konstanter oder druckvoller das eigenen Spiel dadurch wird. Wie wichtig dieser »Mosaikstein« ist, um zum Beispiel beim nächsten Mal seine Angstgegnerin/seinen Angstgegner schlagen zu können. Und was das dann für ein tolles Gefühl sein wird, wenn man es geschafft hat. Speziell bei Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, dies so detailliert wie möglich zu beschreiben, um sie zu inspirieren, damit auch nicht so »spannende« Trainingsinhalte mit höchstmöglicher Motivation durchgeführt werden.

Stillstand ist Rückschritt

„Wer glaubt, alles zu wissen, hört auf, besser zu werden”, dieser Spruch eines ehemaligen Trainers bringt es auf den Punkt. Als Coach hat man die Aufgabe, sich ständig weiterzuentwickeln, um neue Erkenntnisse und Trends, nachdem man sie hinterfragt und sich ausreichend mit ihnen beschäftigt hat, in den Trainingsalltag einzubauen, um ein modernes und effizientes Training gewährleisten zu können. Dabei sind auch Kooperation und Austausch mit anderen TrainerInnen sinnvoll und notwendig, um auch andere Sichtweisen kennenzulernen und bei Bedarf in das eigene Training einzubauen.

Von anderen Sportarten lernen

Im Laufe meiner Ausbildungen habe ich gelernt, dass es sehr hilfreich ist, sich auch mit Trainerinnen und Trainern aus anderen Sportarten auszutauschen. Speziell aus dem Bereich der Leichtathletik kann man sich meiner Erfahrung nach sehr viel abschauen, denn hier findet man eine Vielzahl an Übungsformen, die dafür sorgen, dass elementare Dinge wie Laufen oder Werfen von Beginn an richtig erlernt werden. Und sind diese »Basics« einmal erlernt worden, kann man mit etwas Kreativität und sportartspezifischem Wissen aus leichtathletischen auch tennisspezifische Übungen kreieren.

Eigenen Stärken bewusst sein

Einer meiner besten Lehrer hat mich eines Tages mit einer Antwort auf die Frage eines Kollegen sehr überrascht, indem er erwiderte: „Da bin ich kein Experte, dass kann dir mein Kollege sicher besser beantworten.“ Mit dieser Antwort hatte ich deshalb nicht gerechnet, weil ich mir bis zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen konnte, dass dieser kompetente und erfahrene Trainer etwas nicht wissen kann. Mir wurde in diesem Moment schlagartig klar, dass ein guter Coach nicht jemand ist, der alles weiß, sondern dem bewusst ist, wo ihre/seine Stärken liegen und für den Fall der Fälle ein Netzwerk mit Experten hat, denen sie/er vertraut und die sie/er um Rat fragen kann.

Fehler eingestehen – super Coach

Derselbe Lehrer hat mir auch vermittelt, dass Fehler im Verlauf der Coaching-Tätigkeiten passieren werden, ja sogar normal sind. Denn Fehler gehören zum Entwicklungsprozess, den auch ein Coach durchläuft, dazu. Wichtig dabei sind jedoch zwei Dinge. Erstens: den Fehler schnellstmöglich zu registrieren und zweitens zu versuchen, daraus zu lernen – und diesen fehler – wenn möglich – nicht zu wiederholen. Ein »Super Coach« teilt diese Fehler mit anderen Coaches, damit diese nicht dieselben Fehler machen, um beispielsweise daraus resultierende Verletzungen zu verhindern.

Erfahrung

Zu guter Letzt die wahrscheinlich wichtigste Voraussetzung, ein guter Coach sein zu können und um einen Teil der soeben erwähnten Punkte auch »erfahren« zu haben, ist dann logischer Weise die Erfahrung an sich. Nur durch Erfahrung(en) findet ein guter Coach jenen persönlichen Weg, der ihm richtig erscheint und bei dem er überzeugt davon ist, seine Schützlinge bestmöglich betreuen zu können. Und falls etwas nicht wie gewünscht läuft, weiß er durch die Vielzahl an Trainingseinheiten und durch die Vielzahl an unterschiedlichen Schützlingen mit ihren individuellen Bedürfnissen, ob, was und wann etwas im Trainingsprozess geändert werden soll. Das bedeutet nicht, dass man zu Beginn der Trainerkarriere kein guter Coach sein kann, aber man muss sich im Klaren sein, dass Erfahrung(en) notwendig ist/sind, um ein noch besserer Coach sein zu können. In diesem Sinne alles Gute beim Erfahrung sammeln, um zum »besten Coach zu werden, der ihr sein könnt«.

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Plädoyer für den Wettkampf

Von Beginn an hat mich der Wettkampf – das viel zitierte »Eins gegen Eins« – fasziniert. Im Laufe der Jahre hat es wenige Dinge oder Situationen gegeben, die so starke positive wie auch negative Emotionen in mir auslösen konnten, wie ich es häufig im Verlauf eines Matches empfunden habe. Ganz besonders speziell sind natürlich die positiven Gefühle. Die Glücksmomente. Die Euphorie. So wie beispielsweise nach einem tollen Passierball aus vollem Lauf oder einem langen Ballwechsel, den man schließlich für sich entscheiden konnte. Genau das sind für mich wesentliche Gründe, an Wettkämpfen teilzunehmen.

Toni Witz
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Speziell zu Beginn der Meisterschaftssaison habe ich jedoch aufgrund von Aussagen unmittelbar vor dem Wettkampf wie: „Ich bin so nervös, warum tue ich mir das eigentlich an?”, oder „Den/die GegnerIn kenne ich schon, gegen den/die möchte ich nicht spielen!” den Eindruck, dass einige SpielerInnen den Wettkampf vorwiegend als belastend empfinden und sich dabei der positiven Aspekten, die der Wettkampf mit sich bringt, gar nicht bewusst sind oder diese wegen einer Niederlagenserie oder auf Grund einer schmerzlichen Niederlage »vergessen« haben.

Aus diesem Grund möchte ich im Folgenden weitere positive Aspekte des Wettkampfes erwähnen, um Vorfreude zu erzeugen und dadurch das »belastende« Gefühl zu reduzieren und/oder einen kleinen Beitrag zu leisten, bei ehemaligen WettkampfspielerInnen das berühmte »Feuer« wieder zu entfachen…

Der gewisse Kick – das »Wellenbad der Gefühle«, welches man vor allem im Verlauf eines knappen Matches häufig durchlebt +++ Spannung – aufgrund des ungewissen Ausgangs, ob sich die Mühen am Ende auch auszahlen +++ Abschalten – die Fähigkeit, im »Hier und Jetzt« zu sein und alles andere als unwichtig erachten zu können +++ Persönliche Grenzen – an seine psychischen und physischen Grenzen zu gehen und diese auch im Vorfeld ausgelotet zu haben +++ Herausforderung – eine erfolgsversprechende Strategie zu suchen und sie dann im Verlauf des Matches auch zu finden, um danach ganz genau zu wissen, was in der Folge zu tun ist +++ Gefühl von Stärke – das Gefühl, welches man spürt, wenn man nach und nach die Oberhand gewinnt +++ Glücksgefühl(e) – der Moment vor dem Matchball, wenn man sich bewusst macht, dass nur noch ein Punkt zum Sieg fehlt. Am besten ein Sieg, der hart erarbeitet wurde und den man sich redlich verdient hat +++ Euphorie und Stolz – das euphorische Gefühl nach dem letzten Punkt. Stolz auf sich sein zu können…

Meiner Meinung nach ist es wichtig, sich einmal selber Gedanken darüber zu machen warum man an einem Wettkampf eigentlich teilnimmt. Welche Gefühle dieser Wettkampf in einem auslöst und was man eigentlich davon erwartet. Denn wenn man sich dessen bewusst ist, dann kann dies auch die zuvor erwähnte Vorfreude erzeugen, die sich ohne Zweifel positiv auf die Leistung auswirken wird.

Zu guter Letzt sollte man sich auch bewusst sein, dass die zuvor erwähnten positiven Aspekte, die in Verbindung mit dem Wettkampf stehen, anderswo in der Häufigkeit und Intensität kaum oder wenn nur sehr selten zu finden und zu erleben sind. Dies könnte vermutlich auch ein Grund sein, warum sich sehr erfolgreiche SpitzensportlerInnen, die bereits alles erreicht haben, weiterhin den Herausforderungen, die mit dem Wettkampf einhergehen, stellen möchten. In diesem Sinn wünsche ich Euch viel Erfolg, aber vor allem viel Spaß bei Euren künftig hoffentlich noch zahlreichen Matches.

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