Das Spiel vorne am Netz

Frage an Peter Seidl: Hallo Peter! Ich habe eine technische Frage zum Volley im Rollstuhltennis: kann man von der Grundlinie zum Netz umgreifen und mit dem »richtigen« Volleygriff spielen oder soll man dieselbe Griffhaltung wie an der Grundlinie benutzen?

Peter Seidl
© Hasenkopf

Peter Seidl: Im Rollstuhl nimmst Du den Weg zum Netz nur, wenn Du den Gegner unter Druck gesetzt hast und er in die tiefen Winkel des Platzes fahren muss. Dann kann es durchaus dazu kommen, dass Du vorne mit dem Vorhandgriff mit dem Volley abschließt. Der Weg ans Netz muss aber klug gewählt werden, da man wenig Reichweite zur Seite hat und leicht passiert und noch leichter überlobbt werden kann. Im Rollstuhltennis ist es daher ratsam, bei einem Netzangriff gleich mit dem »approaching-shot« (Angriffsschlag) zu punkten.

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»Beinarbeit« erlernen

Frage an Peter Seidl: Hallo Peter! Ich erinnere mich an eine Rollstuhltennis-Demonstration in Marburg. Das war sehr interessant. Dort wurde vor allem der Umgang mit dem Rollstuhl als drittes Sportgerät hervorgehoben. Wenn nun jemand verunfallt oder erkrankt und das Rollstuhlfahren lernen muss, wie lange bräuchte er a) im Alltag und b) im Sport, enormen Ehrgeiz vorausgesetzt?! Ich denke mal, dass jemand, der von Geburt an gehandicapt ist, Vorteile im Umgang mit dem Stuhl hat, oder?! Welche Übungen würdest Du empfehlen, um den Stuhl a) im Alltag und b) Sport rasch perfekt beherrschen zu können?!

Peter Seidl
© Hasenkopf

Peter Seidl: Wenn jemand verunfallt oder erkrankt und dann auf den Rollstuhl angewiesen ist, empfiehlt sich ein sogenanntes »Mobilitätstraining«. Dabei wird der richtige Umgang mit dem Rollstuhl gezeigt und hier kann man üben, Bordsteinkanten, Slalom oder rückwärts zu fahren. Auch das »Überwechseln« von dem einen zum anderen Rollstuhl wird trainiert. Dies wird bei Menschen, die einen Unfall hatten, meist in der Reha gemacht, jemand, der durch eine Krankheit plötzlich den Rollstuhl benötigt, muss sich da meist selbst etwas suchen. Wenden kann man sich in einem solchen Falle zum Beispiel an die Manfred Sauer GmbH, die solche Kurse anbietet. Kann ich nur empfehlen…

Wie schnell man lernt, hängt natürlich auch mit Art und Grad der Behinderung zusammen. Jemand, der noch gute Rumpfstabilität hat und die Arme noch normal bewegen kann, wird selbstverständlich schnellere Erfolge verbuchen können. Aber es gibt auch viele »Hochgelähmte«, die absolut fit und schnell in ihren Rollis sind. Diejenigen, die von Geburt an den Rollstuhl brauchen, kennen nichts anderes und haben den Vorteil, dass der Rolli für sie absolute Normalität bedeutet. Von daher ist dies schon ein Vorteil, aber wer viel übt und trainiert, kann dies locker ausgleichen.

Für den Alltag würde ich empfehlen, soviele Wege, wie nur möglich mit dem Rollstuhl statt dem Auto zu absolvieren, kleine Berge zu fahren, mit Unterstützung und Hilfe einer Begleitperson über Bürgersteige zu fahren und zu versuchen, das Gleichgewicht auf zwei Rädern zu halten und zu fahren. Für das Tennis empfehle ich vor allem Spurtübungen, kurze Sprints, schnelles Drehen und für die Kondition einfach reichlich Runden um den Court zu drehen!

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Esther & Shingo

Frage an Peter Seidl: Hallo Peter. Ich habe ein wenig im Netz recherchiert und wollte wissen, welche Spielerin/welcher Spieler das weltweite Rollstuhltennis in den letzten Jahren dominiert hat. Hierbei bin ich auf die Niederländerin Esther Vergeer und den Japaner Shingo Kunieda gestoßen, die sich zu besten Zeiten ja offensichtlich nur selbst schlagen konnten. Kennst Du diese beiden Asse persönlich und warum waren, bzw. sind sie so dominant?! Was hat ihr Spiel ausgemacht? Wie hoch war ihr Trainingspensum und: waren/sind Esther und Shingo Vollprofis? Wenn ja: wie können sie vom Rollstuhltennis leben? Ich selbst habe Rollstuhltennis schon einige Male live gesehen und muss höchsten Respekt zollen. Danke für Deine Mühen!

Shingo Kunieda
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Peter Seidl: Danke für Deine Frage und es freut mich sehr, dass Du Rollstuhltennis klasse findest! Die beiden Spitzenspieler Esther Vergeer und Shingo Kunieda kenne ich natürlich von zahlreichen Turnieren. Beide waren bzw. sind – wie Du schon erwähnt hast – absolute Ausnahmespieler und wirklich kaum zu bezwingen. Esther hat es geschafft, über 470 Matches ungeschlagen zu bleiben – ein unglaublicher Rekord! Esther und Shingo haben das Glück, in den Ländern Holland und Japan zu leben, wo der Behindertensport unglaublich bekannt ist und gefördert wird. Ein professionelles Umfeld und die besten Trainingsmöglichkeiten haben sie ganz nach oben gebracht. On top kommt natürlich eine gehörige Portion Talent. Esther hat ja schon vor einigen Jahren ihre Karriere beendet, aber mit Diede de Groot steht seit einiger Zewit schon wieder eine Holländerin an der Spitze der Weltrangliste. Shingo steht aktuell an Position Zwei der Weltrangliste, hat leider immer wieder mit Verletzungen zu kämpfen. Ich behaupte mal, wenn er verletzungsfrei agieren kann, ist er auch nur ganz schwer zu bezwingen. Beide, Esther und Shingo, waren bzw. sind Vollprofis, die zwar nicht allein von den Preisgeldern leben können, aber durch ihre Sponsorenverträge über sehr gute Einnahmequellen verfügen. Das Trainingspensum eines Profis im Rollstuhl unterscheidet sich in Quantität und Qualität kaum von dem eines »normalen« Fußgängerprofis.

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Sind E-Rollis erlaubt?

Frage an Peter Seidl: Lieber Peter, ich frage mich, ob Rollstuhltennis auch mit E-Rollis ausgeübt werden kann? Wenn ja, wäre das auch bei offiziellen Turnieren zulässig? Und zweite Frage: der Stuhl gilt ja als zusätzliches Sportgerät. Gibt es da wie beim Racket (maximale Schlägerlänge, etc.) ebenfalls technische Einschränkungen, was erlaubt ist und was nicht?

Peter Seidl: In der so genannten »Quad-Klasse« gibt es in der Tat bereits Spieler auf der Tour, die im E-Rolli unterwegs sind und Tennis spielen. In der »Quad-Klasse« muss ein Arzt, der von der ITF lizenziert sein muss, durch eine Untersuchung bestätigen, dass körperliche Einschränkungen an mindestens drei Gliedmaßen vorliegen. Zu Frage Zwei: bei den Tennisrollstühlen gibt es keine technischen Vorgaben oder Limits, wie zum Beispiel beim Rolli-Basketball, wo es eine maximale Sitzhöhe gibt. Beim Tennis sind hier – je nach Behinderungsgrad – die unterschiedlichsten Varianten des Rollstuhlbaus zu sehen. Allerdings sollte meiner Meinung nach über eine Maximalhöhe der Sitzposition nachgedacht werden! Da es im »offenen« Wettbewerb keine spezifischen Behinderungsklassen gibt, haben Leute mit schwererer Behinderung (zum Beispiel Querschnittslähmung), die durch fehlende Bauch- und Rückenmuskulatur tiefer sitzen müssen, gegen Gegner mit leichterer Behinderung (die diese Muskulatur noch haben und auf Grund dessen höher sitzen können) zu der körperlichen zusätzlich auch noch eine technische Benachteiligung. Eine höhere Sitzposition bringt Vorteile bei Aufschlag und Volley und auch beim Schmetterball.

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Wheelchair-GOATS

Frage an Peter Seidl: Hallo Herr Seidl! Welcher Rollstuhltennisspieler und welche -spielerin sind für Sie persönlich a) aktuell und b) in der Geschichte des Rollstuhltennis das Maß aller Dinge und vor allem: warum?! Ich bin auf Ihre Einschätzung sehr gespannt!

Peter Seidl
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Peter Seidl: Für mich ist Shingo Kunieda bei den Herren das Maß aller Dinge – aktuell und auch in der Geschichte. Der Japaner ist seit Ewigkeiten der beste Spieler der Welt, hat das Rollstuhltennis auf ein neues Niveau gehoben – auch was Training und Marketing betrifft. Er ist in Japan ein absoluter Superstar und hat in seinem Heimatland fast das gleiche Standing wie der ATP-Topspieler Kei Nishikori. Sonst fallen mir nur noch die früheren Topspieler Laurent Giammartini (FRA) und Randy Snow (USA) ein, die in den 80er-Jahren das Rollstuhltennis beherrschten. Auch der Amerikaner Brad Parks, der das Rollstuhltennis Mitte der 70er-Jahre »erfand«, ist in dieser Aufzählung sicherlich zu erwähnen. Bei den Damen beherrschte die Holländerin Esther Vergeer bis zu ihrem Rücktritt 2013 das Rollstuhltennis wie noch niemand zuvor. Ihre Karrierebilanz beträgt 687:25 Siege, mit unglaublichen 470 Siegen am Stück. Sie gewann 169 Titel (unter anderem 26 Grand-Slam- und 14 Masters-Titel) und war 668 Wochen die Nummer Eins der Welt. Aktuell ist die Holländerin Diede de Groot die beste Spielerin der Welt. Auch sie beherrscht zur Zeit die Damenkonkurrenz.

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