Auf Rudis Spuren…

Nico Helwerth
© Paul Zimmer

Bereits 2019 führ­te die Deut­sche Ten­nis­schieds­rich­ter Ver­ei­ni­gung ein Inter­view mit Nico Hel­werth. Anlass war die Auf­nah­me ins ITF Grand Slam Team. Damals eine ech­te Sen­sa­ti­on. Kei­ne drei Jah­re spä­ter der nächs­te Mei­len­stein des Stutt­gar­ters: Bei den Aus­tra­li­an Open durf­te er nach Rudi Ber­ger 1989 an sel­ber Stel­le als zwei­ter Deut­scher über­haupt ein Grand-Slam-Ein­zel­fi­na­le lei­ten. Völ­lig uner­war­tet kam dies jedoch nicht. Seit­dem der pro­mo­vier­te Öko­nom 2017 mit der welt­weit höchs­ten Schieds­rich­ter­li­zenz aus­ge­zeich­net wur­de, schieds­te er unzäh­li­ge Matches auf den höchs­ten Tur­nie­r­ebe­nen. Immer öfter führ­te er auch sou­ve­rän Par­tien der Top­stars der Sze­ne. Fol­ge­rich­tig kam nun der nächs­te Schritt und die Beloh­nung für vie­le Jah­re im inter­na­tio­na­len »Offi­cia­ting«. Wie es zur Final­be­set­zung kam und wie es sich ange­fühlt hat, bei einem der wich­tigs­ten Matches des Jah­res die Lei­tung zu über­neh­men, ver­rät Nico Hel­werth im fol­gen­den Interview.

Nico Helwerth
© Paul Zimmer

1989 schieds­te die deut­sche Schieds­rich­ter­le­gen­de Rudi Ber­ger mit dem Her­ren­fi­na­le der Aus­tra­li­an Open als ers­ter deut­sche über­haupt ein Grand-Slam-Ein­zel­fi­na­le. Wie­so muss­ten erst über 30 Jah­re ver­ge­hen, bis Du an glei­cher Stel­le als zwei­ter Deut­scher wie­der ein Grand-Slam-Ein­zel­fi­na­le lei­ten durftest?

Das ist natür­lich eine sehr gute Fra­ge, deren Beant­wor­tung aber nicht ganz ein­fach ist. Für eine sol­che Anset­zung gibt es zahl­rei­che Punk­te, die beach­tet wer­den müs­sen: Die Natio­na­li­tät der Spie­ler spielt natür­lich eine Rol­le, gab es Vor­fäl­le auf dem Weg ins Fina­le und so wei­ter. Schluss­end­lich gibt es eine klei­ne Grup­pe an Offi­zi­el­len, die bis zum Ende bei einem Grand-Slam-Tur­nier arbei­ten und als Mit­glied im Team der ITF/Grand Slam Offi­cials hat man natür­lich gute Kar­ten, dass man dann auch eines der End­spie­le lei­ten darf. Unser Team hat kein Abo auf die Finals, aber die Mehr­zahl die­ser Matches wird eben doch von unse­ren Offi­zi­el­len geleitet.

Von wem und wann wur­de Dir mit­ge­teilt, dass Du das Fina­le lei­ten darfst? Wird so eine Nach­richt per­sön­lich über­mit­telt oder kommt am spä­ten Abend irgend­wann ein­fach eine E‑Mail aus dem Supervisor-Office?

Die Nach­richt kam als offi­zi­el­le Mit­tei­lung vom Chief of Offi­cials bzw. dem Refe­ree. Da wird den Offi­cials per Mail mit­ge­teilt, wer die End­spie­le lei­ten wird. Dies geschieht dann im Ver­gleich zu den nor­ma­len Schieds­rich­ter­an­set­zun­gen etwas frü­her. Ich wuss­te also am spä­ten Don­ners­tag, was mir so am Wochen­en­de bevor­ste­hen wird.

Als Mit­glied im ITF/Grand Slam Team gehörst Du zu einer klei­nen exklu­si­ven Grup­pe von neun Gold Badge Schieds­rich­tern der ITF. Du hat­test es ein­gangs schon durch­klin­gen las­sen: Einen klei­nen Vor­teil haben die ITF Team Mem­ber hin­sicht­lich der Final­be­set­zung schon, oder?!

Wie schon erwähnt, haben auch wir kei­ne Garan­tie für die Final­an­set­zun­gen, dass wäre ja auch nicht im Sin­ne des Sports und auch Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen ande­rer Orga­ni­sa­tio­nen gegen­über nicht fair. Es sol­len die bes­ten Offi­cials die Mög­lich­keit bekom­men, die Finals zu schiedsen.

Nico Helwerth
© Paul Zimmer

Es ist somit kein Muss, dass die Finals von den ITF-Schieds­rich­tern über­nom­men wer­den. Jedes Gold Badge dürf­te das?

Das ist rich­tig. Es gibt ja auch zahl­rei­che Bei­spie­le in den letz­ten Jah­ren, wo End­spie­le von Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen außer­halb unse­res Teams gelei­tet wur­den. Der Refe­ree sucht gemein­sam mit Super­vi­sor, Chief Umpi­re und dem Tur­nier­ver­ant­wort­li­chen nach dem am bes­ten geeig­ne­ten Offi­cial für das jewei­li­ge Fina­le. Und die­ser Offi­cial kommt natür­lich auch mal nicht aus unse­rem Team. Die ande­ren Orga­ni­sa­tio­nen haben ja auch hoch qua­li­fi­zier­te Schiedsrichter.

Wie hast Du das Fina­le und die Stun­den davor erlebt?

Am Tag des Finals gibt es am Nach­mit­tag einen offi­zi­el­len Foto­ter­min auf der Anla­ge mit den Lini­en­rich­tern oder Match Assi­stants. Ansons­ten befolgt man sei­ne übli­chen Rou­ti­nen, was die Vor­be­rei­tung für ein sol­ches Spiel angeht. Vor dem Match selbst steigt die Anspan­nung dann natür­lich doch etwas mehr als sonst, es ist ja schließ­lich das Fina­le. Sobald das Spiel dann aber läuft und die ers­ten Punk­te gespielt sind, fühlt es sich gar nicht so anders an. Man ist hoch kon­zen­triert bei der Sache wie auch in ande­ren Spie­len und denkt nicht bei jedem Ball dar­an, dass hier das End­spiel steigt.

Wie groß ist der Stein, der einem vom Her­zen fällt, wenn der Match­ball gespielt und alles gut gegan­gen ist? Immer­hin wur­de das Match in über 210 Län­der live über­tra­gen und erreich­te dabei mehr als 900 Mil­lio­nen Haushalte.

Da freut man sich schon sehr, dass alles gut gelau­fen und es ruhig geblie­ben ist. Es ist aber mehr Freu­de als Erleich­te­rung. Ich glau­be für uns gilt gene­rell: Wir freu­en uns auf unse­re Matches und wol­len immer einen guten Job ablie­fern. Und natür­lich glau­ben wir an unse­re Fähig­kei­ten, sonst wären wir ver­mut­lich nicht für die­se Matches aus­ge­sucht wor­den. Daher ist das Matchen­de nicht unbe­dingt eine Ent­las­tung oder Erleichterung.

Wäh­rend des Tur­niers gab es in der Regi­on um und in Mel­bourne einen Lock­down. In der Fol­ge waren für meh­re­re Tage kei­ne Zuschau­er erlaubt. Wie hast Du Situa­ti­on vor Ort erlebt? Ein Grand-Slam-Fina­le ohne Zuschau­er ist spä­tes­tens seit den US Open 2020 nicht mehr undenk­bar. Zuschau­er tra­gen natür­lich enorm für eine tol­le Atmo­sphä­re bei. Du warst am Ende sicher auch froh, dass zumin­dest eine begrenz­te Zuschau­er­zahl zuge­las­sen wur­de, oder? 

Zwei­fel­los waren wir genau­so froh wie Spie­ler und Ver­an­stal­ter, dass Zuschau­er am Ende des Tur­niers wie­der zuge­las­sen waren. Die Stim­mung mit Zuschau­ern ist ein­fach unbe­zahl­bar und kann durch nichts ersetzt wer­den. Die Tur­nie­re welt­weit haben einen tol­len Job in die­ser schwie­ri­gen Zeit gemacht und auch gezeigt, dass Ten­nis ohne Zuschau­er mög­lich sein kann. Aber ich den­ke, alle Ten­nis­fans seh­nen sich nach vol­len Sta­di­en. So gese­hen waren wir in Aus­tra­li­en pri­vi­le­giert. Die Tage zwi­schen­durch haben sich dann selbst­ver­ständ­lich sehr merk­wür­dig ange­fühlt, als plötz­lich wie­der Zustän­de ähn­lich wie zu Hau­se in Euro­pa herrsch­ten, die Zuschau­er zu Hau­se blei­ben muss­ten und alle Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten ein­ge­stellt wurden.

Die gesam­ten Aus­tra­li­an Open 2021 wur­de mit Live ELC gespielt. Es gab also kei­ne Lini­en­rich­ter und kei­ne Chal­len­ges. Hat das vor und wäh­rend des Finals für etwas mehr Ent­span­nung bei Dir gesorgt?

Das Sys­tem ist für uns immer noch sehr neu, das bedeu­tet dann auch, dass man sehr kon­zen­triert blei­ben muss und ver­sucht, für alle Even­tua­li­tä­ten gewapp­net zu sein. Das man sich nun also völ­lig ent­spannt im Stuhl zurück­lehnt, kann ich nicht bestä­ti­gen. Aber unse­re Auf­ga­be hat sich fun­da­men­tal ver­än­dert und wir muss­ten uns ent­spre­chend anpas­sen. Wenn alles funk­tio­niert, hat man natür­lich etli­che schwie­ri­ge Ent­schei­dun­gen weni­ger zu tref­fen und das ist dann schon auch beruhigend.

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