Alles zum Thema Saiten

Boris Krumm
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Fra­ge an Boris Krumm: Hal­lo Ten­nis­re­dak­ti­on! Hal­lo Herr Krumm! Mich inter­es­siert die Mate­ri­al-Zusam­men­set­zung von Ten­nis­sai­ten. Mein Trai­ner, der auch für mich bespannt, dif­fe­ren­ziert ledig­lich zwi­schen Kunst- und Natur­darm­sai­ten. Ich den­ke aber, da gibt es noch eini­ges mehr, oder? Ich selbst bin lei­den­schaft­li­che LK-Spie­le­rin und möch­te mich in der jet­zi­gen Coro­na-Zwangs­pau­se ein wenig mehr mit dem Mate­ri­al beschäf­ti­gen. Mein Racket: Head Gra­phene 360 Speed MP. Mei­ne Spiel­wei­se: am liebs­ten flach und schnell (manch­mal zu schnell). Wel­che Sai­ten pas­sen dazu und wie sind die Merkmale?

Boris Krumm: Hier kom­men mal ein paar Infos zum The­ma Sai­ten! Grund­sätz­lich las­sen sich Ten­nis­sai­ten in »elas­ti­sche« und »unelas­tische« Sai­ten auf­tei­len. Des­to elas­ti­scher eine Sai­te ist, des­to mehr Ener­gie kann sie spei­chern. Je unelas­ti­scher eine Sai­te ist, des­to weni­ger Ener­gie kann sie spei­chern. Stel­len wir uns zur Ver­bildlichung ein­fach zwei Schlä­ger vor: der ers­te ist mit einem Gummi­band, der zwei­te mit einem Stahl­seil bespannt, dass zeigt den Unter­schied am deut­lichs­ten. Jetzt könn­te man ja grund­sätz­lich anneh­men, dass eine elas­ti­sche Sai­te bes­ser sei als eine unelas­ti­sche. Da das Spiel nun aber »Ten­nis« und nicht »Ball­weit­schie­ßen« heißt, ist es eben nicht ganz so ein­fach! Wie so oft, kommt es doch wie­der auf den Spie­ler­typ an. Grund­sätz­lich gilt nun Fol­gen­des: je  lang­sa­mer die Zuschlag­ge­schwindigkeit des Spie­lers, des­to elas­ti­scher soll­te die von ihm ein­ge­setz­te Sai­te sein. Je schnel­ler der Spie­ler zuschlägt, des­to unelas­ti­scher soll­te sei­ne Sai­te sein. Gene­rell unter­schei­den wir zwi­schen: Natur­darm­sai­ten, Mul­ti­fi­la­ment­sai­ten, Syn­the­tic Gut Sai­ten, Co-Poly­es­ter­sai­ten und Hybridsaiten.

Natur­darm­sai­ten

Natur­darm­sai­ten sind die elas­tischs­ten auf dem Markt erhält­lichen Sai­ten. In der Regel aus Kuh­där­men her­ge­stellt, lau­fen sie häu­fig unter der Bezeich­nung »natu­ral gut« (»gut« eng­lisch für »Darm«). Vor allem Spie­ler, die mit viel »Touch« spie­len, also viel mit Sli­ce, Stops und Lobs agie­ren, pro­fi­tie­ren von dem her­aus­­ragenden Feed­back von »natu­ral gut«. Es spie­len übri­gens vie­le Pro­fis eine Kom­bi­na­ti­on aus einer Naturdarm­saite quer und einer Kunst­sai­te längs. Da Darm­sai­ten aber enorm emp­find­lich, kurz­le­big und teu­er sind (gute sind nicht unter 20 Euro pro Set erhält­lich), sind sie für gewöhn­li­che Club­spie­ler zumeist kein The­ma. Nicht zu ver­ges­sen: min­der­wer­ti­ge­re Naturdarm­saiten wer­den aus Schafs­darm her­ge­stellt. Die­se sind zumeist auch deut­lich güns­ti­ger, so dass Du auf der Hut sein soll­test, bevor Du das ver­meint­li­che »natu­ral gut«-Schnäppchen« machst…

Mul­ti­fi­la­ment­sai­ten

Mul­ti­fi­le Ten­nis­sai­ten sind bezüg­lich ihrer Spiel­ei­gen­schaf­ten, den (noch) kos­ten­in­ten­si­ve­ren Natur­darm­sai­ten am ähn­lichs­ten. Ihr Kern besteht oft aus tau­sen­den mit­ein­an­der verdrillten­/verwo­benen Ein­zel­fa­sern teils unter­schied­li­cher Mate­ria­li­en, die wieder­um mit einer wider­stands­fä­hi­gen Außen­schicht ver­se­hen wer­den, um ihre Halt­bar­keit zu stei­gern und sie vor dem für die­se Sai­ten typi­schen »Auf­fa­sern« zu schüt­zen. Auf­grund ihrer kom­ple­xen Pro­duk­ti­ons­wei­se sind die »Mul­tis« natür­lich nicht gera­de güns­tig zu erwer­ben, bie­ten dafür aber her­vor­ra­gen­de Spiel­ei­gen­schaf­ten, eine exzel­len­te Rück­mel­dung, sind arm­scho­nend und zudem auch noch deut­lich lang­le­bi­ger als Natur­darm­sai­ten. Beson­ders emp­feh­lens­wert sind die »Mul­tis« für Spie­ler die ein maxi­males Ball­ge­fühl haben möch­ten und/oder unter Arm­pro­ble­men lei­den und daher eine kom­for­ta­ble, sich weich anfüh­len­de Sai­te spie­len wol­len. Dar­über hin­aus eig­nen sich mul­ti­fi­le Sai­ten übri­gens her­vor­ra­gend für Hybrid­be­span­nun­gen mit Poly­es­ter­sai­ten, deren Spieleigen­schaften sie erheb­lich ver­bes­sern. Außer­dem braucht man dann, sofern man selbst bespannt, auch nur noch sechs Meter Mul­ti­-Bespan­nung, so dass sich eine der­ar­ti­ge Inves­ti­ti­on frü­her oder spä­ter rech­net. Wie gesagt: sofern man selbst bespannt!

Syn­the­tic Gut Saiten

Syn­the­tic Gut Sai­ten ste­hen stell­ver­tre­tend für alle Kunst­saiten mit einem mono­fi­len Kern und diver­sen Umman­te­lun­gen aus dün­neren Fasern ver­schie­dens­ter Mate­ria­li­en, die den für »Syn Guts« typi­schen, rela­tiv hohen Span­nungs­ver­lust redu­zieren und sie zusätz­lich halt­ba­rer machen sol­len. Syn­the­tic Gut Sai­ten sind sehr elas­tisch, arm­scho­nend, bie­ten aus­ge­wo­ge­ne Spieleigenschaf­ten und ein gutes Feed­back, so dass sie gern von tak­tisch spie­lenden »All­roun­dern« und Spie­lern mit Arm­pro­ble­men ver­wen­det wer­den. Dar­über hin­aus las­sen sich »Syn Guts« auch hervor­ragend mit den här­te­ren Poly­es­ter­sai­ten kom­bi­nie­ren, (Syn Gut quer — Poly längs), so dass an einem sol­chen Hybrid­ver­bund auch hart schla­gen­de »Base­li­ner« und Top­spin­spie­ler ihre pure Freu­de haben und zusätz­lich für alle gefühl­vol­len unter­schnit­te­nen Bäl­len, Vol­ley oder Stopps auch noch die not­wen­di­ge Rück­mel­dung aus ihrem Saiten­bett bekommen.

Poly­es­ter­sai­ten

Poly­es­ter­sai­ten sind der Ren­ner des 21. Jahr­hun­derts: extrems­te Halt­bar­keit, gute Kon­trol­le und bes­te Spin­ei­gen­schaf­ten bei einem sehr güns­ti­gen Preis sind ihre Haupt­kauf­ar­gu­men­te. Zwar sind sie eigent­lich nur für Spie­ler mit schnel­ler Zuschlag­bewegung geeig­net, doch da fast alle Ten­nis­pro­fis die­se Sai­ten spie­len, (zumin­dest auf der Längs­sai­te) hat sie sich auch im Brei­ten­sport durch­ge­setzt. Da die »Polys« aller­dings sehr hart sind, bekom­men spe­zi­ell Kin­der und Senio­ren schnell Arm­pro­ble­me, so dass sen­si­ble­re Spie­ler bes­ser zu einer »Syn Gut« oder »Mul­ti« grei­fen soll­ten, auch wenn gera­de Letz­te­re deut­lich teu­rer sind, soll­te hier sicher nicht am fal­schen Ende gespart wer­den. Im Übri­gen gibt es der­weil gro­ße Unter­schie­de zwi­schen den in die Jah­re gekom­me­nen »gewöhn­li­chen Poly­es­ter­sai­ten« und den neue­ren »High­tech Co-Poly­es­ter­sai­ten«, denen ver­schie­dens­te Kom­po­nen­ten bei­gemischt wer­den, um ihre Spiel­ei­gen­schaf­ten in die eine oder die ande­re Rich­tung zu optimieren.

Hybrid­sai­ten

Hybrid­sai­ten ste­hen grund­sätz­lich für alle Kom­bi­na­tio­nen aus zwei unter­schied­li­chen Ten­nis­sai­ten. Die eine für die Längs‑, die ande­re für die Quer­sai­te. Da im Nor­mal­fall immer die Längs­sai­te reißt, weil sie sich stär­ker bewegt und an der Quer­sai­te durch­scheu­ert, ver­wen­det man bei Hybrid­be­span­nun­gen in der Regel eine stei­fe, halt­ba­re Co-Poly­es­ter­sai­te längs und eine elas­ti­sche Natu­ral Gut, Mul­ti­fi­le, oder Syn­the­tic Gut Sai­te quer zum Aus­gleich. Bei har­ten Schlä­gen ver­hin­dert die stei­fe Poly Sai­te ein zu tie­fes Ein­tau­chen des Bal­les in das Sai­ten­bett und somit zusätz­lich eine zu gro­ße Ener­gie­spei­che­rung in der Sai­te, wor­aus die not­wen­di­ge Ball­kontrolle resul­tiert. Bei allen lang­sa­me­ren und/oder sta­ti­schen Schlä­gen ver­mit­telt die wei­che­re, elas­ti­sche Quer­sai­te ein ent­spre­chen­des Feed­back, wor­aus ein her­vor­ra­gen­des Ball­ge­fühl her­vor­geht. Alles in allem sind Hybrid­be­span­nun­gen die opti­ma­le Lösung für hart­schla­gen­de »Base­li­ner«, die weder auf Ball­kon­trol­le, noch auf Touch ver­zich­ten wol­len und von ihrer Sai­te erwar­ten, dass sie sich den­noch ein paar Wochen ohne nen­nens­wer­ten Spannungs­verlust spie­len lässt. Zudem ver­hal­ten sich Hybrid­sai­ten in der Regel deut­lich kom­for­ta­bler, als gewöhn­li­che (Co-)Polyestersaiten, so dass sie auch für Spie­ler mit Arm­pro­ble­men eine gute Wahl darstellen.

Wis­sens­wer­tes

Die Sai­te, mit der Du spielst, ist min­des­tens genau­so wich­tig, wie Dein Schlä­ger. Schließ­lich hast Du unterm Strich nichts gewon­nen, wenn Du zwar den rich­ti­gen Schlä­ger, dafür aber die fal­sche Sai­te oder aber eine unpas­sen­de Bespan­nungs­här­te spielst. All­ge­mein gilt: je här­ter bespannt wird, des­to unelas­ti­scher ver­hal­ten sich die Sai­ten. Dar­aus resul­tiert zwar eine ver­min­der­te Energie­speicherungskapazität der Sai­te, was Dei­ne maxi­mal erziel­baren Ball­ge­schwin­dig­kei­ten redu­ziert, dafür stei­gert es aber auch Dei­ne Ball­kon­trol­le bei allen har­ten Schlä­gen. Zudem gilt es zu berück­sich­ti­gen, dass sich här­ter bespann­te Schlä­ger auch grund­sätz­lich här­ter anfüh­len, so dass sen­si­ble­re Spie­ler bes­ser etwas wei­cher bespan­nen soll­ten, um ihren Schlag­arm nicht zu sehr zu belas­ten. Umge­kehrt beschert eine wei­che­re Be­spannung mehr Power und damit ver­bun­den einen entsprech­enden Ver­lust an Ball­kon­trol­le, sobald etwas här­ter auf den Ball drauf­ge­gan­gen wird. Dafür bie­ten sie aller­dings eine bes­se­re Rück­mel­dung, mehr Touch bei allen gefühl­vol­len Schlä­gen und scho­nen Dei­nen Schlagarm.

Sai­ten­stär­ke und Besaitungshärte

Die ver­wen­de­te Sai­ten­stär­ke spielt übri­gens eben­falls eine nicht zu unter­schät­zen­de Rol­le. Erhält­lich sind Durch­mes­ser von 1,10 bis 1,40 mm. Dün­ne­re Sai­ten bie­ten grund­sätz­lich mehr Elas­ti­zi­tät, Power, Ball­ge­fühl, Spin und Arm­scho­nung, stär­ke­re Sai­ten mehr Ball­kon­trol­le, Halt­bar­keit und Span­nungs­sta­bi­li­tät. Wel­che Saiten­stärke für Dich nun die rich­ti­ge ist, lässt sich aller­dings nicht nur mit Dei­nen spie­le­ri­schen Vor­lie­ben begrün­den. Von aus­schlag­ge­ben­der Rele­vanz ist wei­ter­hin Dei­ne Schlä­ger­kopf­grö­ße. Gene­rell gilt: Spielst Du einen gro­ßen Schlä­ger­kopf, (über 660 cm²) nimmst Du bes­ser eine etwas stär­ke­re Sai­te, spielst Du hin­ge­gen einen klei­ne­ren Schlä­ger­kopf (unter 660 cm²) soll­test Du eher zu einer etwas dün­ne­ren Sai­te ten­die­ren. Zudem gilt, dass man Groß­kopfschläger gene­rell ein bis zwei Kilo här­ter bespan­nen soll­te, als Klein­kopf­schläger, da sich die Bespan­nungs­här­te auf ers­te­ren Schlä­gern über eine grö­ße­re Weg­stre­cke ver­teilt und sie sich bei glei­cher Bespan­nungs­här­te viel wei­cher und elas­ti­scher spie­len würden.

Nicht zu ver­ges­sen: Ten­nis­sai­ten ver­lie­ren mit der Zeit an Elas­ti­zi­tät, sie wer­den also steif! Dar­un­ter lei­det zum einen ihre Spiel­bar­keit (sie füh­len sich tot an) und zum ande­ren Dein Schlag­arm, weil eine här­ter wer­den­de Sai­te ihn zuneh­mend belas­ten wird. Aus die­sem Grun­de soll­test Du Dei­ne Schlä­ger alle zwei bis drei Mona­te Mona­te neu bespan­nen (las­sen).

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